KOMMENTAR: WAS TUN WIR UNS GERADE AN (TEIL 4)

Ein Kommentar von Dr. Anja Pielorz

Drei Kommentare zum Thema Corona-Pandemie habe ich schon geschrieben. Und seit Mai ist ziemlich viel passiert. Eines ist geblieben: die Unsicherheit im Umgang mit dem Virus und die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen. Für beides gilt: Tendenz steigend! Schüttete die Politik zunächst finanzielle Hilfen mit der Gießkanne aus, kamen danach erst die Bedingungen auf den Tisch, wofür das Geld verwandt oder besser nicht genutzt werden darf. Jetzt wird kräftig verhandelt, ob und wer wieviel zurückzahlen muss. Unglücklich gelaufen – vor allem für Klein- und Soloselbstständige, die nicht selten dringend auf das Geld angewiesen sind. Und mal ehrlich: Darf ich erst den Mund wässrig machen und auszahlen und danach wie aus dem Nichts die Bedingungen ändern? Zweifelhaft.

Manche Branchen hat es schlimmer getroffen als andere. Ganz übel dran ist der Kulturbereich. Der Live-Bereich vor allem. Und ich rede nicht nur von den großen Künstlernamen, die einen Euro auf dem Sparbuch haben dürften. Ich rede von Technikern, von Kameraleuten, von der Event-Gastronomie und vielen anderen. Zerredet wird gerade der erste Versuch eines Live-Konzertes in Düsseldorf mit 13.000 Zuschauern in der Merkur Spiel-Arena mit einem Fassungsvermögen von 54.600 Plätzen. Obwohl die Stadt Düsseldorf die Genehmigung erteilt hat, ein Hygiene- und Sicherheitskonzept vorliegt, jedes einzelne verkaufte Ticket nachvollziehbar wäre – der Vorverkauf verläuft schleppend. Gerade mal 2000 Tickets sollen bis jetzt (Stand 12. August) verkauft worden sein. Das hat nichts mit Desinteresse zu tun. Eher mit der Angst, die Ticketpreise von sechzig Euro aufwärts bei Absage „erst irgendwann“ erstattet zu bekommen. Und die große Politik – Laschet, Söder, Laumann – gibt sich im Hinblick auf die Kritik an diesem Event die Klinke in die Hand. Als ob irgendjemand – Fan, Veranstalter, Stadt Düsseldorf – nicht alles Erdenkliche tun würden, damit das Konzert sicher ablaufen kann. Es kann doch niemand auf den Gedanken kommen, hier würde jemand richtig Geld verdienen. Vielmehr geht es doch um einen Versuch, wie Live-Events wieder möglich werden können. Ganz Europa wird auf Düsseldorf blicken. Signalwirkung inklusive. Und die muss und soll positiv sein.

Mir muss mal jemand erklären, warum Demonstrationen mit 15.000 Menschen ohne Maske, ohne Sicherheitsabstand und ohne Nachvollziehen der Teilnehmer stattfinden können. Mir muss jemand erklären, warum 15.000 Menschen pro Tag in den Europapark Rust dürfen und hier die Sicherheitskonzepte anscheinend greifen. Es ist ja hübsch, wenn wir mit der „Night of light“ rote Lämpchen anmachen – aber die Umsätze einer ganzen Branche liegen auch nach diesem Rotlicht immer noch bei null. Man fragt sich, wie lange man das durchhalten kann.

Viele Unternehmen in der Gastronomie und im Einzelhandel ächzen. Eine zweite Welle? Die haben wir schon – aber nicht im Hinblick auf das Virus, sondern im Hinblick auf Pleiten und Pannen und einem fehlenden roten Faden in den Konsequenzen. Unterschiedliche Maßnahmen an Schulen, verschiedene Bußgelder in den einzelnen Ländern, verbales Polit-Gekloppe vor dem Hintergrund von Kandidaten und Wahlkämpfen – also ehrlich, ich stell mir Krisenbewältigung anders vor. Maskenbestellungen nicht bezahlt (weil viel zu viele bestellt), Testkapazitätserhöhungen (aber Labore am Limit bei Menschen und Maschinen) – ich könnte ewig so weiterschreiben… Der Weg in einen rigiden Lockdown war in der Umsetzung einfacher als der Weg irgendwie wieder raus in eine veränderte Normalität. Russland kommt mit dem ersten Impfstoff um die Ecke – und nennt ihn Sputnik. Übersetzt bedeutet es Weggefährte oder Begleiter. Das trifft auch auf viele Begleiterscheinungen von Corona zu. Und zumindest die sind alle negativ.

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