STATT ROTEM LICHT IST BALD ALLES ZAPPENDUSTER

Kirchplatz von oben (Foto: Malte Schuchmann)

Hattingen- Unternehmen aus der Veranstaltungsbranche und Locations für Events haben in der Nacht von Montag auf Dienstag (23.06.2020) auf ihre schwierige Situation durch die Corona-Pandemie aufmerksam gemacht. Seit Mitte März haben Messebau, Veranstaltungstechnik, Eventagentur, Catering, Bühnenbau, Eventlocation, Messegesellschaft, Kongresscenter, Tagungshotel, Konzertveranstalter, Künstler und Einzelunternehmer ihre gesamten Auftragsbestände verloren. Und ihre Perspektive ist nicht gut.

In vielen Städten wurden jetzt in einer „Night of Light“-Aktion Spielstätten, Veranstaltungszentren und andere Bauwerke mit rotem Licht angestrahlt. Die „Alarmstufe Rot“ sollte symbolisieren: Wenn für die Kulturbetriebe nicht bald eine Lösung gefunden wird, wird aus der roten Alarmstufe eine Zappenduster-Zukunft. Auch der Ennepe-Ruhr-Kreis machte mit. In Hattingen war es das Bügeleisenhaus, das Alte Rathaus und die St. Georgs-Kirche. In Gevelsberg war es das Rathaus. In Schwelm waren es Lokalitäten in der Kirchstraße – um nur einige Beispiele zu nennen. Bundesweit wurden so über 8000 Gebäude beleuchtet. Nicht alle gingen um 22 Uhr an den Start – manche Gebäude, die mit einem Beleuchtungsmelder gekoppelt waren (zum Beispiel das Hattinger Bügeleisenhaus) waren etwas später dabei. Für alle gilt grundsätzlich: es war eine schöne Illumination und eine effektvolle Idee.

Die St. Georgskirche in rotem Licht (Foto: Barteczko)

Doch die Veranstaltungsbranche braucht mehr als Effekte. Sie braucht eine Lösung. Die Veranstaltungswirtschaft insgesamt ist einer der größten Sektoren der deutschen Wirtschaft und zählt rund eine Million direkte Beschäftigte. Es wird ein jährlicher Umsatz von rund 130 Milliarden Euro erwirtschaftet. Rechnet man die Kultur- und Kreativwirtschaft mit ihren veranstaltungsbezogenen Teil- und Zuliefermärkten hinzu, so beschäftigen mehr als dreihunderttausend Unternehmen in über 150 Disziplinen mehr als drei Millionen Menschen und erzielen einen Jahresumsatz von über 200 Milliarden Euro. (Quelle: Studie „Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Veranstaltungsbranche“ vom 15.06.2020 des R.I.F.E.L. e.V. im Auftrag des IGVW e.V.). Eine gewaltige Dimension!

Ziel der Aktion soll der „Branchendialog mit der Politik“ und der Hinweis auf eine gezeigte Solidarität mit der Branche gewesen sein. Solidarität – keine Frage! Die macht aber nicht satt und beschert auch keine Aufträge. Der „Branchendialog“ hört sich zwar gut an und ist ein schönes Wort, aber konkrete Lösungen und Perspektiven sind Fehlanzeige. Und der Grund dafür ist sehr einfach: Solange wir über Mindestabstand und Maskenpflicht in geschlossen Räumen reden, gibt es keine Lösung. Zumindest nicht aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Man kann nicht von 1000 Plätzen nur 250 besetzen und die Menschen im Theaterfoyer zum Tragen einer Maske verpflichten und das als gewinnbringende (im Sinne von Umsatz und im Sinne von Spaß!) Veranstaltung verkaufen wollen.

Bekannt sind die Meinungen jener, die keinen Draht zur Kultur haben, nie ins Theater, ins Konzert oder Kino gehen und keine Messe besuchen: Dann geht eben ein Teil in die Insolvenz. Wir hatten sowieso viel zu viele Veranstaltungen. Diese Menschen vergessen, dass eben nicht nur der direkt Betroffene arbeitslos ist, sondern auch das Hotel und die Gastronomie betroffen sind. Wer nicht zur Veranstaltung anreisen wird (egal ob als Besucher oder als Techniker), weil es die Veranstaltung nicht gibt – der muss auch nicht übernachten und noch nicht einmal von Oma Paschulke an der Bude eine Currywurst kaufen. Drei Millionen Menschen im Bereich Veranstaltung und Kultur – die wenigsten von ihnen werden es wie Comedian Helge Schneider machen können. Er hat gesagt, ich trete nicht vor Autos auf. Dann war es dann eben. Es ist gut für Helge Schneider, wenn er sich das leisten kann. Die meisten Betroffenen werden das anders sehen müssen. Mal zum Vergleich: Die Lufthansa, die auf milliardenschwere Unterstützung durch den Bund hoffen darf, beschäftigt konzernweit 138.000 Menschen, davon 70.000 in Deutschland. Sie beklagt den ruinösen Wettbewerb durch Billiganbieter, den sie selbst mitverursacht hat. Hier befindet sich nicht nur der Kranich im Sinkflug, sondern ein ganzes System in Schieflage.

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