KOMMENTAR: WAS TUN WIR UNS AN?

Ein Kommentar von Dr. Anja Pielorz.

Wenn die Feuerwehr einen Brand löscht, dann kann der Schaden durch das Löschwasser größer sein als durch den Brand selbst. So empfinde ich derzeit das, was wir alle uns durch die Corona-Krise antun. Steht die Wirtschaft länger still, so drohen uns Massenarbeitslosigkeit, Hyperinflation und Verelendung. Müssen die sozialen Kontakte über einen längeren Zeitraum fast zum Erliegen kommen, so drohen uns ein Anstieg der psychischen Probleme, eine Zunahme der häuslichen Gewalt und Vereinsamung. Und es mag bitte jetzt niemand auf den Gedanken gekommen, ein Videochat könne die persönliche Umarmung auch nur annähernd ersetzen.

Blicken wir zunächst auf die Krankheit selbst. Wissenschaftler am Institut für Medizinische Virologie, Universitätsklinikum Frankfurt – und nicht nur sie – sagen: Eine Corona-Infektion ist auch ohne Symptome möglich. Dieser Satz macht JEDE Statistik über Infektion, Sterberate oder Heilung unglaubwürdig. Denn wir wissen es schlicht nicht, wie viele der acht Milliarden Menschen auf diesem Planeten infiziert sind oder nicht. Wir wissen nicht, wie viele infiziert waren und geheilt sind. Wissenschaftler der Universität Oxford um die Epidemiologie-Professorin Sunetra Gupta stellen deshalb in der „Financial Times“ die gesamten Statistiken, auf denen Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen fundieren, infrage. Sie sagt: Statt ganze Länder lahmzulegen, sollten wir besser Menschen mit fragilem Immunsystem isolieren. Und jene, die zu ihnen Zugang haben, sollten wir vorrangig testen. Und: Wenn Infizierte bereits ansteckend sind, bevor sie möglicherweise Symptome zeigen, dann gilt auch hier: Wir können nicht wissen, wer bereits infiziert ist/war.

Diese Unsicherheit macht uns schwer zu schaffen. Sicherlich gibt es viele berührende Hilfsangebote. Aber es gibt auch eine zunehmende Aggressivität. Und es gibt viele Menschen der sogenannten Risikogruppe, die immer noch unterwegs sind.

Blicken wir auf die Wirtschaft: Konzerne gehen in die Knie und fordern Staatshilfe, Rettungspakete in Milliardenhöhe tauchen auf, obwohl bis vor kurzem noch nicht einmal Millionen für Klimaschutz oder Flüchtlinge vorhanden waren. Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit schnellen dramatisch in die Höhe. Den jungen, sich in Ausbildung befindlichen Menschen, nehmen wir gerade jede Perspektive. Einen Job zu finden, dürfte für viele von ihnen schon schwierig genug werden – die angehäuften Schulden werden gar nicht mehr zu bezahlen sein. Ökonomisch kommen die getroffenen Maßnahmen fast einer Enteignung gleich. Vielen Menschen wird aktuell die Nutzung der eigenen Hand zur Sicherung des Lebensunterhalts verboten und damit quasi ein Grundrecht ausgehebelt. Auf einmal reden wir mit einer Selbstverständlichkeit von Verstaatlichung, von dem Erfassen von Bewegungs- und sonstigen Profilen, von Tracking, das mir Schweißperlen auf die Stirn treibt. Was tun wir uns da gerade an?

Der Grünen-Politiker Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, hat über Integration und die Grenzen der Belastbarkeit ein Buch geschrieben mit dem Titel „Wir können nicht alle retten“. Gemeint hat er damit die Flüchtlingskrise. Ich füge an dieser Stelle die Corona-Krise dazu. Es gibt einen Virus, gegen den auch Herdenimmunität keine Chance hat. Diesen Virus nennt man Gruppendenken.

2 Kommentare zu "KOMMENTAR: WAS TUN WIR UNS AN?"

  1. Bernd Loewe | 30. März 2020 um 18:45 |

    Die Politik muss derzeit effizient entscheiden und gleichzeitig zukunftsorientiert denken. 100.000 „Experten“ wissen es zwar alles besser, aber aus meiner Sicht leisten unsere Politiker gute Arbeit. Ich möchte nicht in der Haut der Politiker stecken, sie entscheiden nach bestem Wissen und Gewissen, sie haben unseren höchsten Respekt verdient.

    Zitat: „Die Frage ist auch, wie wir mit denen umgehen, die über die Bilder aus Bergamo und New York zwar beunruhigt sind, zugleich aber meinen, dass vor der eigenen Haustür schon nicht so viele Viren herumfliegen werden. Angst und Panik sind nicht das Gebot der Stunde, Wachsamkeit aber sehr wohl, um sich und andere zu schützen. Quelle und mehr lesen: https://www.deutschlandfunk.de/corona-politik-kampf-gegen-hausgemachte-probleme.720.de.html?dram:article_id=473579

    Schauen wir doch über die Grenzen unserer Nachbarländer, da kann einem Angst und Bange werden. Noch besteht eine kleine Hoffnung, dass es uns in Deutschland nicht ganz so dramatisch treffen wird. Die jetzt beschlossenen Maßnahmen MÜSSEN von uns eingehalten werden, da führt kein Weg daran vorbei. Bis zur nächsten Entscheidung.

    Bleiben Sie alle gesund…

  2. Dr. Anja Pielorz | 1. April 2020 um 11:53 |

    Herr Loewe, da bin ich ganz bei Ihnen. Es ist schwierig, weil man vermutlich eben erst sehr viel später wissen wird, ob die Entscheidungen richtig waren. Die Politik hat es derzeit nicht leicht, darf aber auch nicht leichtfertig Grundrechte „opfern“. Da wären wir beispielsweise bei dem Thema des Epidemiegesetzes NRW – welches eben nicht hopplahopp verabschiedet werden darf. Opposition sei dank! Beim Blick auf die Nachbarländer muss man natürlich das jeweilige Gesundheitssystem ebenso im Blick halten (Zahl der Intensivbetten im Vergleich zur Bevölkerung) wie die getroffenen Maßnahmen. Sie unterscheiden sich ja doch erheblich – wenn wir beispielsweise Schweden oder den Mittelmeerraum nehmen. Wir haben das Problem bei den verfügbaren Daten, bei den getroffenen und zu treffenden Maßnahmen, bei Finanzen – wir wissen vieles einfach nicht. Ich neige immer noch dazu zu sagen, man hätte früher Menschen der sogenannten Risikogruppe isolieren müssen und die Menschen, die mit ihnen in Kontakt kommen, testen und mit bestmöglichem Schutz ausstatten müssen. Aber es ist eben „nur“ eine persönliche Meinung. Experten sind wir ja alle nicht und selbst die sind sich nicht einig. Irgendwann muss man das System ja wieder hochfahren und wenn die Infektionszahlen dann weiter steigen oder wieder ansteigen, was dann? Man kann ein komplexes System ja nicht beliebig rauf- und runterfahren und das wissen ja auch alle. Wir haben als Europa schon vor Corona massive Probleme gehabt. Mir ist schon etwas mulmig bei dem, was noch kommen wird.

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