HATTINGER TAFEL WEITERHIN GEÖFFNET

Jürgen Sotzek und Georg Fink machen sich mit ihren Mitarbeitern Gedanken um die Zukunft der Hattinger Tafel (Foto: Pielorz)

Hattingen- Nach dem Bericht von ruhrkanal.NEWS über die Hattinger Tafel vom 19. März, haben wir jetzt bei Geschäftsführer Jürgen Sotzek noch einmal nachgefragt. Immer noch hat die Hattinger Tafel ihre Ausgabestelle in der Nordstraße geöffnet. Und es sieht so aus, als ob das auch erst einmal so bleiben kann. Denn Lebensmittel-Spenden gibt es nach wie vor.

„Wir haben ja darum gebeten, auf Hamsterkäufe zu verzichten“, so Jürgen Sotzek. „Unser Ziel ist es, zumindest an der Nordstraße, also an unserer Hauptausgabenstelle, die Versorgung aufrecht zu erhalten. Bis jetzt ist das auch gewährleistet. Montag, Mittwoch und Freitag, jeweils ab 11.30 Uhr, können wir gespendete Lebensmittel ausgeben. Selbstverständlich wird auch hier nach den Sicherheits- und Hygieneverordnungen gearbeitet. Wir vermeiden auch Warteschlangen, wo immer dies möglich ist. Noch haben wir auch genügend ehrenamtliche Kräfte, die helfen. Ein paar der älteren Helfer sind zuhause, aber die Mehrheit kommt. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle auch herzlich bedanken.“ Auch Nicole gehört zu den jüngeren Helfern und ist seit drei Jahren dabei. Mit dem notwendigen Schutz, so sagt sie, sei die Arbeit für sie kein Problem. Sie komme gern. „Das gilt auch für die Ein-Euro-Jobber von der Job-Agentur“, sagt Jürgen Sotzek. „Eigentlich müssten sie in der gegenwärtigen Situation nicht mehr kommen. Sie tun es aber trotzdem, weil sie es gerne machen.“

Bei den Lebensmittelspenden kooperiert die Hattinger Tafel auch mit den Kollegen in Witten. „Wir tauschen untereinander schon einmal Lebensmittel aus. So können wir mehr Vielfalt anbieten“, sagt Sotzek. Seit 16 Jahren ist der Geschäftsführer bei der Hattinger Tafel, doch diese Situation ist auch für ihn Neuland. „Viele unserer Kunden trauen sich mittlerweile gar nicht mehr aus dem Haus. Einen Lieferservice können wir nicht anbieten. Wir haben ja nur ein Fahrzeug, welches zur Abholung der Lebensmittelspenden im Einsatz ist. Was aber möglich ist: Unsere Kunden haben ja eine Nachweiskarte von der Hattinger Tafel und wenn andere Personen diese Karte mitbringen, also beispielsweise Familienmitglieder oder Nachbarn oder Freunde, dann können diese natürlich für die Betroffenen bei uns die Lebensmittel abholen.“

Nicht zufrieden ist Jürgen Sotzek mit der Funktion des Dachverbandes der Tafeln. Die Tafel Deutschland e.V. ist Serviceverband und Sprachrohr von über 940 deutschen Tafeln. Der 1995 gegründete Tafel-Dachverband begreift sich als Service-Zentrale einer gewachsenen, vielfältigen Ehrenamtsbewegung, die ihre Mitglieder professionell unterstützt, ihre Interessen auf Bundes- und internationaler Ebene vertritt und die Tafel-Idee nach außen trägt. Die Berliner Geschäftsstelle setzt diese Aufgaben nach den Beschlüssen des ehrenamtlichen Vorstandes um. Zu den Aufgaben des Dachverbandes gehöre es, überregionale Partner und Förderer für die lokalen Tafeln zu vermitteln – vom Lebensmittelspender oder Geldgeber bis zum kostenlosen Dienstleister. Große Lebensmittelspenden, die an mehr als eine Tafel gehen sollen, verteilt der Dachverband mit einem eigenen Logistik-System über die Länder möglichst gerecht an die Tafeln vor Ort. Davon, so Sotzek, habe er bis auf eine Ausnahme noch nicht viel gesehen. Gerade jetzt in der Corona-Krise fühle er sich alleingelassen. „Viele Tafeln mussten mittlerweile sogar schließen. Das liegt nicht nur an fehlenden Lebensmittelspenden, sondern oft am hohen Alter der ehrenamtlichen Helfer. Die meisten Tafeln befinden sich in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. Die Ausbreitung der Krankheit COVID-19 ist in diesen Bundesländern deutschlandweit am höchsten. Demensprechend haben auch dort viele Tafeln Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und ihren Betrieb eingestellt. Es zeigt sich jedoch, dass die Tafel-Schließungen nicht korrelieren mit der Ausbreitung des Virus. Vielmehr zeigt sich, dass dort, wo die Armutsquote besonders hoch ist, weiterhin viele Tafeln geöffnet haben. Von 169 Tafeln in NRW haben 59 Tafeln geschlossen, das sind etwa 35 Prozent“, so Sotzek. Die Aktion Mensch hat wegen der Folgen der Corona-Pandemie ein Soforthilfeprogramm in Höhe von 20 Millionen Euro aufgelegt. Förderung beantragen können freie gemeinnützige Vereine und Einrichtungen in Deutschland. Sie erhalten bis zu 50.000 Euro für Personal-, Honorar- und Sachkosten. Organisationen wie die Tafeln können Mittel für die Lebensmittelbeschaffung, den Aufbau von Lieferdiensten oder die Rekrutierung neuer Unterstützer und Helfer beantragen. Grundsätzlich findet Jürgen Sotzek solche Hilfe natürlich gut. Aber: „Hier wird unbürokratische Hilfe versprochen, doch es gibt viele Formulare auszufüllen. Und von unserem Dachverband hören wir dazu nichts.“

Die Hattinger Tafel versorgt etwa 600 bis 800 Haushalte. Und das kann sie nach wie vor. „Es ist aber so, dass die Menschen zu uns kommen müssen. Einen Lieferservice können wir nicht bieten. Daher mein Appell an jede, die sich nicht mehr in der Lage sehen, uns in der Nordstraße aufzusuchen, aber unser Angebot dringend benötigen: Sprechen Sie mit Familie, Nachbarn oder Freunden, damit diese die Lebensmittel für Sie abholen können. Oder umgekehrt: Wer weiß, dass jemand zur Hattinger Tafel geht, fragen Sie nach, ob Sie ihm helfen können.“

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