BÜRGER LASSEN POLITIKER IM STICH

Ein Kommentar zur Bürgermeister Stichwahl am 27. September 2020 von Dr. Anja Pielorz.

Ein Stich ist das Einbohren eines spitzen Gegenstandes oder das schmerzhafte Eindringen von irgendwas in die Haut. Eine Stichwahl ist in jedem Fall auch schmerzhaft: Zunächst einmal für die Kandidaten, die nochmal ran müssen, bis die Frage, wer es denn wird, endlich geklärt ist. Schmerzhaft ist eine solche Wahl noch mehr für die Wahlbeteiligung. Die liegt erfahrungsgemäß deutlich niedriger als bei der ursprünglichen Wahl. Für Hattingen bedeutet das: Die schlechte Wahlbeteiligung von gerade mal 50,6 Prozent dürfte weiter die Ruhr runter gehen. Um das mal in absoluten Zahlen zu verdeutlichen: In Hattingen hätten 45.151 Menschen wählen dürfen. Davon haben 22.844 Menschen Gebrauch gemacht. Ein paar Kreuzchen muss man jetzt noch abziehen, weil sie ungültig waren. Bleiben unter dem Strich genau 22.230 gültige Stimmen. Dirk Glaser hat davon 8756 Stimmen bekommen, Frank Mielke 6723. Sinkt die Wahlbeteiligung weiter, stellt sich immer deutlicher die Frage, wen oder was ein Bürgermeister überhaupt noch repräsentiert. Ob es die Mehrheit der eigenen Stadtbevölkerung ist, darf dann doch deutlich bezweifelt werden. Ist aber nicht nur in Hattingen so.

Das macht den Umgang mit einem solchen Amt nicht einfacher. Und Entscheidungen auch nicht. Zum einen hat auch der Bürgermeister bekanntlich nur eine Stimme – da muss man dann doch noch einmal genauer auf den Stadtrat schauen. Der könnte in Hattingen mit einer rot-grünen Mehrheit von 27 Sitzen bei insgesamt 48 Sitzen (oder 56,81 Prozent für rot-grün) quasi „durchregieren“. Die Grünen haben zwar den eigenen Bürgermeisterkandidaten nicht in die Stichwahl gebracht, aber sie werden bei zukünftigen Entscheidungen im Rat ein gewichtiges Wort mitreden.

Das könnte mit Frank Mielke an der Spitze einfacher werden. Vielleicht. Ich darf daran erinnern: Ein grüner Bürgermeisterkandidat wurde nicht zuletzt auch deshalb aufgestellt, weil man mit den grünen Erfolgen des amtierenden Bürgermeisters nicht so ganz einverstanden war. Oder man einfach gar keine Erfolge gesehen hat. Dirk Glaser wiederum sah und sieht das völlig anders und hat auch im Wahlkampf keinen Hehl aus seinen grünen Vorlieben gemacht.

Da ist es putzig, dass sich die Grünen jetzt nicht deutlich gegen Glaser aussprechen. Schließlich haben sie ihn 2014 unterstützt, fanden ihn jetzt dann aber nicht mehr so toll. Für die Stichwahl wiederum ist er – wie Frank Mielke auch – ein respektabler Kandidat (O-Ton der Grünen). Selbstverständlich passt diese Wortwahl auf beide Bewerber – das dürfte wohl auch niemand infrage gestellt haben. Es scheint eher um die Frage zu gehen, wer beim Bürger schlicht und einfach besser ankommt: der freundlich lächelnde Moderator oder der manchmal zu bürokratisch-trocken wirkende Kämmerer… Wenn Bürger aber ihre Politiker im Stich lassen und gar nicht mehr wählen gehen, ist das eine Stichwahl, die keinem der Kandidaten gut tut.

1 Kommentar zu "BÜRGER LASSEN POLITIKER IM STICH"

  1. Dr. Anja Pielorz | 21. September 2020 um 11:53 |

    Offenbar wird mir über elektronische Medien von einzelnen Personen mit diesem Kommentar eine Wahlempfehlung unterstellt. Mir ist zwar schleierhaft, wie man einen Aufruf zur Wahl zu gehen, zugunsten oder zuungunsten einer Person auslegen kann – aber nun gut. Um es klipp und klar zu sagen: ich habe und ich werde keine Wahlempfehlung für wen oder was wo auch immer formulieren. Ich berichte. Ich analysiere. Ich kommentiere. Aber ich empfehle nicht. Auch nicht zwischen den Zeilen. Und noch etwas: Ich bin auf elektronischen Medien (Facebook, Twitter, Instagram…) nicht persönlich unterwegs. Persönlich anschreiben (zum Beispiel hier) darf man mich sehr gerne. Das ist, so denke ich, besser, als über mich zu schreiben oder zu orakeln, was ich wohl gemeint haben könnte.

Kommentare sind deaktiviert.

%d Bloggern gefällt das: