VOM LESEMUFFEL ZUR LESERATTE

Dr. Marion Suschke (Foto: Pielorz)

Hattingen- Richtiges und erfolgreiches Lesen ist eng verbunden mit der Motivation, auch lesen zu wollen. Werden bestimmte Grundlagen dazu gelegt, verlieren Kinder nicht die Lust am Lesen, sondern begreifen Lesen und Schreiben als spannende und notwendige Kulturtechniken.

Dr. Marion Suschke, Leiterin des Duden Instituts Hattingen, erklärt, wie Kinder lesen lernen. „Kinder orientieren sich zunächst an Symbolen. Sie erkennen bestimmte Bilder, beispielsweise Buchstaben an Geschäften oder auch den eigenen Namen. Zu diesem Zeitpunkt verstehen sie die Symbole noch nicht als Buchstaben. Sie verstehen aber den Zusammenhang zwischen dem Symbol und einem bestimmten Laut. So entstehen erste Verbindungen, die im Laufe der Zeit immer komplexer werden. Das Zusammenziehen einzelner Buchstaben wird immer anspruchsvoller. Das Erlernen der Schriftsprache schreitet voran. Um diese zu erlernen, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein: Ein Kind muss Sprechen und Zuhören können. Es muss motiviert werden zum Malen, Basteln, Kritzeln. Es muss Laute unterscheiden lernen und auch erkennen, dass diese Laute unterschiedlich aussehen. Fehlen diese Voraussetzungen, dann kann es zu Problemen beim Schreiben und beim Lesen kommen. Wenn Erwachsene, die sich in der Regel nicht mehr daran erinnern können, wie sie selbst Lesen und Schreiben gelernt haben, einem Kind den Laut zu einem Buchstaben nicht richtig benennen, hat das Kind große Probleme mit dem Zusammenhang von Laut und Buchstabe. Ich gebe ein Beispiel: viele Erwachsene benennen den Buchstaben ‚t‘ in der Aussprache mit ‚te‘ und nicht mit ‚t‘.“

Wichtig ist auch: „Wenn ein Kind beispielsweise Zeichen nicht zusammenführen kann, kann man die Wortgrenzen nicht erkennen. Genauso wichtig ist die Einhaltung der Arbeitsrichtung. Das Kind muss sicher links und rechts unterscheiden können, um sich auch beim Lesen und Schreiben von links nach rechts zu arbeiten.“ In der Regel sind es die Eltern, die erkennen, dass der Nachwuchs Probleme hat. „Zunächst einmal muss man organische Ursachen beim Hören und Sehen ausschließen können. Und dann ist es wichtig zu wissen, dass die Schwächen beim Lesen und Schreiben (Lese-Rechtschreibschwäche LRS) oder beim Rechnen (Dyskalkulie) nichts mit Dummheit oder Faulheit zu tun haben. Kinder, die hier Probleme haben und eine gute Förderung erhalten, werden die Regelschule abschließen, eine Ausbildung machen und manchmal sogar studieren.“

Es ist eine Binsenweisheit: Wenn mir etwas schwerfällt, dann mache ich es nicht gern und versuche oft, es zu vermeiden. „So ergeht es auch den Kindern beim Lesen und Schreiben. Es ist also wichtig, frühzeitig eine Lesefreude zu wecken. Dazu gehört unbedingt das Vorlesen. Bilderbücher sind wichtig. Rituale zum Vorlesen gehören dazu. Sich gemütlich irgendwo hinzusetzen, sich ein Bilderbuch mit einem Erwachsenen anzuschauen, sich vorlesen zu lassen und gemeinsam in einem Frage-Antwort-Spiel den Inhalt des Buches besprechen. Lesenlernen ist ein Prozess für die ganze Familie. Erwachsene, die vielleicht nicht gerne lesen, sollten sich hier mit ihren Kindern gemeinsam hinsetzen und positive Erlebnisse schaffen. Man kann viele Möglichkeiten mit Lesen auch in den Alltag integrieren: Sich zum Beispiel die Einkaufsliste vorlesen lassen, ein Rezept studieren oder auf ein Straßenschild hinweisen – je nach Alter des Kindes sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Es gibt auch wunderbare Bücher, in denen einzelne Worte in den Sätzen durch Bilder ersetzt wurden oder es gibt Bücher, die crossmedial aufgestellt sind, beispielsweise mit einem QR-Code oder mit Hinweisen auf Blogs im Internet.“

Entscheidend ist, die Welt des Lesens zum Leben zu erwecken und in dem Kind den Wunsch entstehen zu lassen: ich möchte das selbst lesen oder aufschreiben können. Dabei ist das Buch in der Hand in jedem Fall besser als ein E-Book, denn die Haptik spielt gerade bei den jungen Lesern noch eine entscheidende Rolle.

Tauchen Defizite beim Lesen, Schreiben oder Rechnen auf, so fällt die Schule schwer. Auch hier müssen Eltern mitarbeiten und sind in den Entwicklungsprozess des Kindes eingebunden, damit ein dauerhafter Erfolg möglich wird. „Gerade in der Pandemie ist das anspruchsvoll. Einerseits erleben die Eltern durch Homeschooling wesentlich intensiver die Schwierigkeiten ihres Kindes, andererseits gibt es bei den therapeutischen Ansätzen viele neue digitale Strukturen. Hierfür benötigt man neben den technischen Zugängen, die aber in der Regel vorhanden sind, natürlich auch eine Bezugsperson, die sich einbringt.

Ein Kind muss verstehen, dass Schreiben nicht nur etwas mit den Hausaufgaben der Schule zu tun hat, sondern eine Kulturtechnik für sich selbst und sein Leben ist. Eltern und Schule haben hier wichtige Aufgaben. Ohne sie geht es nicht.“

Werden Defizite festgestellt, die eine therapeutische Behandlung notwendig machen, so dauert diese in der Regel etwa bis zu zwei Jahren. „Die Schwäche muss sich nicht als Problem darstellen. Man lernt, damit gut umzugehen.“

Kontakt: Dr. Marion Suschke, Duden Institut Hattingen, St. Georg-Straße 10, 45525 Hattingen, Telefon 02324 9033053.

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