Ein Kommentar von Holger Grosz. Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Hattingen besucht. Drei Tage lang. Und nein, es war nicht das übliche Bild: schwarze Limousine fährt vor, Bundespräsident steigt aus, hält eine Rede, schüttelt ein paar Hände, steigt wieder ein und ist verschwunden. Genau das sollte dieser Besuch auch nicht sein. Frank-Walter Steinmeier hat nach der Corona-Zeit ein Format entwickelt, bei dem er seinen Amtssitz für einige Tage in eine Stadt verlegt. Raus aus Berlin, hinein in das Leben vor Ort. Nicht nur zu Bürgermeistern, Unternehmern und offiziellen Empfängen, sondern zu den Menschen. Zuhören, nachfragen, erleben. Nach diesen drei Tagen in Hattingen glaube ich: Genau das meint er auch so.
Natürlich wird ein Besuch des Bundespräsidenten vorbereitet. Natürlich recherchiert ein Team. Natürlich gibt es ein Protokoll und einen minutiösen Ablauf. Wer allerdings drei Tage lang ziemlich dicht dabei ist, merkt irgendwann, wo Vorbereitung aufhört und persönliches Interesse beginnt. Und das begann für mich schon bei Kleinigkeiten. Am Gymnasium Holthausen wusste Steinmeier beispielsweise, welches Theaterstück dort im vergangenen Jahr entstanden war: „Call of Military“. Das ist kein Wissen, das man als Bundespräsident zufällig mit sich herumträgt. Und solche Momente gab es immer wieder. Sein Team wird ihm eine gewaltige Menge an Informationen zusammengetragen haben. Aber jemand muss diese Informationen auch aufnehmen, behalten und im richtigen Augenblick abrufen. Das ist eine Leistung. Vor allem aber empfand ich es als Wertschätzung gegenüber der Stadt und den Menschen, die er besuchte.
Dann waren da diese Momente, die in keinem Ablaufplan stehen können. Schüler hielten ihm Entschuldigungen für den Unterricht hin. Steinmeier unterschrieb nicht einfach blind. Er las sie, lobte sogar die Formulierung – und dieses verschmitzte Grinsen dabei ließ vermuten, dass er zu gerne das Gesicht des Lehrers gesehen hätte, wenn am nächsten Morgen eine Entschuldigung mit der Unterschrift des Bundespräsidenten auf dem Tisch liegt. Bei RESOL wollte ein Auszubildender ihm zeigen, wie eine Platine bestückt wird. Also wurde eine Platine bestückt. Nicht ein bisschen für die Kameras und dann weiter zum nächsten Programmpunkt. Das Ding wurde fertig gemacht. Feierabend ist schließlich erst, wenn die Arbeit fertig ist – so ist das hier im Pott. Auch ein Messgerät wurde gefertigt und anschließend signiert. Und dann fiel noch dieser Satz: „Ich schau mal zu Hause in meine Heizung, ob ich was von RESOL finde.“ Das sind Kleinigkeiten. Aber vielleicht erzählen gerade sie mehr über einen solchen Besuch als manches offizielle Foto.
Immer wieder sagte Steinmeier, wie herzlich er sich in Hattingen aufgenommen fühle. Nun gehört ein „Herzlich willkommen“ zum guten Umgang miteinander. Man kann es auf ein Schild schreiben, in eine Rede packen oder beim Händeschütteln sagen. Es gibt aber noch eine zweite Sprache: die Körpersprache. Und die konnte man in diesen drei Tagen überall beobachten. Auf den Straßen, vor den Geschäften, am Kirchplatz, beim Ruderverein und bei den vielen Begegnungen zwischendurch. Menschen wollten ein Foto, ein Autogramm oder einfach ein paar Worte wechseln. Steinmeier wiederum suchte diesen Kontakt. Zu einer Schulklasse auf dem Kirchplatz sagte er irgendwann: „Hattingen ist eine Gute-Laune-Stadt. Die Menschen sind alle freundlich.“ Danach war es für einen Moment erstaunlich still. Beim besten Willen: So einen Satz schreibt kein Vorbereitungsteam als Textbaustein für die Begegnung mit einer Schulklasse. Das war eine Momentaufnahme. Seine Momentaufnahme von Hattingen.
Natürlich habe ich während dieser Tage auch die Kommentare in den sozialen Medien gelesen. „Dem werden doch nur die schönen Stellen gezeigt“, war dort sinngemäß zu lesen. Sorry: Nein. Von der Großen Weilstraße ging es durch den Durchgang ins Krämersdorf. Wer die Stelle kennt, weiß, dass sie nicht unbedingt zu den Postkartenmotiven Hattingens gehört. Der Weg dürfte jedenfalls manchen zuvor geforderten Spaziergang über die obere Heggerstraße locker getoppt haben. Dann war da noch die Geschichte, für Steinmeier sei in einer Nacht-und-Nebel-Aktion eine Straße neu asphaltiert worden, damit der Bundespräsident bloß keine schlechten Straßen kennenlernt. Nun, auf dem Weg zu RESOL ging es unter anderem über den Büchsenschütz. Und egal, ob die Limousine von Audi, BMW oder Mercedes kommt: Auch deren Federungen haben Grenzen. Diese Straße dürfte der Bundespräsident durchaus bemerkt haben.
Überhaupt scheint Steinmeier mit der Wirklichkeit außerhalb der sozialen Netzwerke ganz bewusst seine eigenen Erfahrungen machen zu wollen. Beim Pressegespräch erklärte er, dass es ihm darum gehe, ein Bild von Deutschland jenseits der öffentlichen und digitalen Blasen zu bekommen. Drei Tage lang konnte man beobachten, wie das funktioniert. Er hörte zu. Im Einzelhandel wusste er um die Probleme der Innenstädte und glich das, was er bereits wusste, mit dem ab, was ihm die Menschen vor Ort erzählten. Bei WiWoZu überraschte ihn besonders die Arbeit der hwg. Beim Gespräch mit Herrn Wilde ging es unter anderem um palliative Wohnungen und darum, wie schwierig solche Projekte zu finanzieren sind. Ob daraus irgendwann etwas entsteht? Ich weiß es nicht. Vielleicht wird in einigen Jahren irgendwo in Deutschland ein ähnliches Projekt geplant und eine Hürde lässt sich leichter überwinden. Vielleicht erinnert sich jemand in Berlin an ein Gespräch in Hattingen. Vielleicht auch nicht. Solche Dinge lassen sich nicht in einer Plus-Minus-Rechnung abrechnen.
Damit wären wir bei der nächsten Kritik: „Was bringt uns das alles?“ Man kann diese Frage sogar ganz oberflächlich beantworten: Stadtmarketing. Hattingen war drei Tage lang in nationalen und internationalen Medien präsent. Bilder der Altstadt gingen weit über die Stadtgrenzen hinaus. Einen solchen Auftritt kann man mit einer normalen Werbekampagne kaum herstellen. Was er langfristig bringt, weiß heute niemand. Vielleicht merken wir es in Hattingen. Vielleicht zeigt sich eine Wirkung ganz woanders. Vielleicht lässt sie sich niemals einem Besuch des Bundespräsidenten zuordnen. Aber muss sich eigentlich jede Begegnung sofort rechnen?
Beim Pressegespräch wurde Steinmeier auch nach seiner Nachfolge gefragt. Mann, Frau oder vielleicht jemand ganz anderes? Seine Antwort kam trocken: „Sie meinen meinen guten Freund Hape Kerkeling?“ Dass der auch ernste Reden halten könne, habe er schließlich bewiesen. In unruhigen Zeiten, fügte Steinmeier dann sinngemäß hinzu, brauche es allerdings jemanden mit ausreichender politischer Erfahrung. Auch das war einer dieser Momente, in denen für ein paar Sekunden das Amt in den Hintergrund trat und der Mensch sichtbar wurde.
Und genau das nehme ich aus diesen drei Tagen mit. Natürlich habe ich den Bundespräsidenten hauptsächlich durch den Sucher meiner Kamera gesehen. Vor mir die Kollegen Schulter an Schulter, hinter mir die Personenschützer des BKA. Einfach nur nach vorne schauen reichte irgendwann nicht mehr. Man lernte ziemlich schnell, ständig auch die Umgebung wahrzunehmen: Wo bewegt sich die Gruppe hin? Wo stehen die Kameras? Wo sind die Personenschützer? Wer drängt plötzlich von der Seite hinein? Drei Tage Bundespräsident waren anstrengend. Aber sie waren auch außergewöhnlich. Denn hinter all dem Protokoll, den schwarzen Limousinen, den Sicherheitskräften und den Kameras blieb erstaunlich viel Platz für echte Begegnungen.
Und vielleicht ist genau das der Punkt dieses Besuchsformats. Frank-Walter Steinmeier wollte Hattingen kennenlernen. Nicht nur das Rathaus, nicht nur die Sehenswürdigkeiten und nicht nur diejenigen, die ohnehin auf jeder offiziellen Gästeliste stehen. Er wollte mit Menschen sprechen, ihnen zuhören und erfahren, was sie beschäftigt. Nach drei Tagen hatte ich nicht den Eindruck, dass hier jemand einen Pflichttermin abgearbeitet hat. Und umgekehrt hatte Hattingen offenbar ebenfalls einen Eindruck hinterlassen.
„Hattingen ist eine Gute-Laune-Stadt.“
Nach diesen drei Tagen kann man dieses Kompliment ruhig einfach einmal so stehen lassen.


























Diesen Kommentar zu lesen, war ein echter Genuss! Er beschreibt anschaulich drei ganz besondere Tage in unserer kleinen Stadt aus der Sicht eines (Bild-)Reporters, der ganz dicht dran war am Menschen Steinmeier! Danke dafür! Und Meckerer und Miesmacher sollten sich von dieser positiven Sichtweise mal ein großes Stück abschneiden!
Dem Bundespräsidenten wurde ausschließlich Hattingen-Mitte präsentiert. Warum eigentlich seit 20 Jahren immer und immer wieder nur Hattingen-Mitte, wenn es um die Außendarstellung geht?! Als ob es nicht auch noch die Elfringhauser Schweiz gäbe. Oder Blankenstein: Ebenfalls ein historischer Ortskern, eine Burg, ein wunderbarer Garten, der tollste Ausblick auf die Ruhr, viel Kultur … Es wird doch nicht etwa am Tunnelblick von Hattingen Marketing liegen? Hallo, Hattingen hat elf Stadtteile!
Und die Wasserburg Haus Kemnade nicht zu vergessen, die ebenfalls zu Blankenstein gehört!