BRUMMIVERKEHR NERVT ANWOHNER

Lkw-Verkehr in der Südstadt (Archivfoto: RuhrkanalNEWS)

Hattingen- Die Anwohner der Hattinger Südstadt fühlen sich vom Lkw-Verkehr, der durch ihr Quartier rollt, zunehmend gestört. Sie sagen, der Verkehr sei deutlich mehr geworden und die meisten Brummifahrer auf der Durchreise. Um die Höhenbegrenzungen des Viaduktes auf der Nierenhofer Straße zwischen Südring und Wildhagen zu umgehen, fahre man durch die engen Straßen der Südstadt. Zwei Initiatoren, Mathias Otte und Hans-Günter Fischer, hatten ein „Bürgerbegehren Hattingen Südstadt“ gestartet, an dem sich hunderte Anwohner beteiligten. Nach einer Podiumsveranstaltung wurde als Sofortmaßnahme eine Beschilderung mit einem Verbot von Kraftfahrzeugen über 3,5 Tonnen in der Südstadt umgesetzt – die allerdings für Anlieger aufgehoben ist und nach Aussagen der Südstädter sowieso nicht befolgt werde. Außerdem gab die Stadt ein Verkehrsgutachten in Auftrag, dessen Ergebnisse jetzt auf einer Bürgerveranstaltung vorgestellt wurden.

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Anwohner hören auf der Bürgerversammlung gespannt, aber mit Skepsis zu (Foto: Pielorz)

An einem Dienstag, dem 9. Juli, wurde gezählt. Auf der Bürgerversammlung machten die Anwohner ihrem Unmut Luft, dass nur an diesem einzigen Tag an sechs Erhebungsstellen zwischen 5 und 19 Uhr gezählt wurde. Zudem wurde mit dem Dienstag ein Tag gewählt, an dem die Müllabfuhr durch die Südstadt fährt und von daher aus Sicht der Bürger keine repräsentativen Ergebnisse möglich macht. Die Südstädter erfahren, dass es durchaus üblich ist, Verkehrszählungen an nur einem Tag zu machen. Das Gutachten kostet mit einem Tag Zählung bereits eine fünfstellige Summe. Insgesamt wurden am 9. Juli 2019 genau 123 Lkw gezählt. Gutachter Martin Busse erklärt: „Von den 123 festgestellten Fahrten entfallen 32 Fahrten auf die Müllabfuhr. Im Untersuchungsgebiet liegen sowohl die Feuerwache Hattingen Mitte als auch das evangelische Krankenhaus Hattingen. Diese beiden Einrichtungen erzeugten am Erhebungstag 27 Lkw-Fahrten durch Feuerwehr- und Rettungsfahrzeuge. Somit verbleiben 64 Lkw-Fahrten, welche auf potentiellen Durchgangsverkehr zu prüfen sind. Davon sind etwa acht Prozent der Lkw Fahrten als Durchgangsverkehr zu bewerten. Somit kann von einem nicht signifikanten Anteil an Durchgangsverkehr ausgegangen werden.“

Verblüffung bei den Anwohnern. Die haben nämlich gerade gehört, dass sie quasi einer Sinnestäuschung erliegen. Es gibt Brummiverkehr in der Südstadt, aber nachweislich nur wenige Durchgangsfahrten. Also jedenfalls am 9. Juli 2019. In jedem Fall nicht so viele, dass die Bezirksregierung oder Straßen.NRW Handlungsbedarf in weiterer Beschilderung sehen. Das erklärt Hattingens Baudezernent Jens Hendrix – der das übrigens anders bewertet, dem aber in diesem Punkt die Hände gebunden sind. „Ich will hier heute Abend nicht diskutieren, wieviel Prozent der Lkw-Fahrten nun Durchgangsfahrten sind oder nicht. Ich sage einfach: Es gibt diese Fahrten und es gibt ein Problem, denn sie sind nicht erlaubt.“ Wovon aber sowohl Hendrix als auch der Verkehrsgutachter Martin Busse überzeugt sind: es gibt keine Lkw-Fahrer, die freiwillig mit einem 40-Tonner durch die Südstadt cruisen. Viel zu eng und zu schwierig. Wendemöglichkeiten Fehlanzeige. „Das Problem ist doch eindeutig das Viadukt an der Nierenhofer Straße. Die Durchfahrtshöhe am Viadukt ist mit 3,10 Meter angegeben. Maximal 3,50 Meter sind möglich, wenn die Fahrzeuge mittiger fahren. Um den Bereich der Nierenhofer Straße mit Höhenbegrenzung legal zu umfahren ist ein Umweg erforderlich. Für ortsunkundige Fahrer ist dieser mittels Lkw-Navigationsgerät lediglich dann auffindbar, wenn sowohl die Höhenbegrenzung als auch die Durchfahrtsverbote in der Südstadt im Gerät hinterlegt sind. Viele Lkw-Fahrer nutzen die Durchfahrt durch das Viadukt trotzdem, da die Alternativen nicht auffindbar sind. Um die Durchfahrt für Lkw mit einer zulässigen Höhe von 4,00 m zu legalisieren, empfehlen wir eine sogenannte Abmarkierung der Fahrbahn und eine Reduzierung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit für Fahrzeuge über 2,8 t auf 30 km/h.“ Das sagt Verkehrsgutachter Martin Busse. Das findet Baudezernent Jens Hendrix auch gut. Er macht aber deutlich, dass er sich mittel- bis langfristig auch eine Lösung ohne den Erhalt des Viadukts vorstellen könne.

Gutachter Martin Busse erläutert die Daten. Links im Hintergrund Baudezernent Jens Hendrix (Foto: Pielorz)

Aber: Eine zeitliche Planung im Hinblick auf die Abmarkierung der Fahrbahn kann Hendrix nicht nennen. Straßen.NRW und Bezirksregierung müssen ihre Zustimmung geben und dann muss die Maßnahme im Rahmen eines Gesamtpaketes seitens der Stadt ausgeschrieben werden. „Sie finden keine Firma, die das als Einzelmaßnahme durchführt.“ Monate werden ins Land gehen. Und das ist noch nicht einmal das Kernproblem. Denn wenn die Abmarkierung aufgebracht ist, dann muss das in die Köpfe der Menschen und vor allem in die Technik der Navigationsgeräte, dass die Brummis nun legal durch das Viadukt fahren dürfen und die Route durch die Südstadt für sie endgültig tabu sein sollte. Kontrolliert werden muss das natürlich auch.

Und noch ein Problem bleibt offen. Aufgrund des Generationenwechsels sind vermehrt Familien mit Kindern in die Südstadt gezogen. Auch Mehrgenerationenobjekte sind entstanden. Immer mehr Bürger haben hier Wohnraum gefunden. Der Pkw-Verkehr hat zugenommen, die Parkprobleme auch – trotz guter Ideen von Car Sharing und Lastenfahrrädern. Die Existenz der Schulen Bruchfeld, Grünstraße, Waldstraße und Berufskolleg tun ein Übriges. Von einem endgültigen Verkehrskonzept ist man weit entfernt. Ein endgültiger Verkehrskollaps der Nierenhofer Straße ist dagegen umso wahrscheinlicher, wenn das angrenzende Gewerbegebiet erschlossen wird. Aber wir reden ja nicht von Problemen – nur von Herausforderungen. Und eigentlich wollen wir ja auch weg vom eigenen Fahrzeug auf vier Rädern.

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