KÜNSTLEREHEPAAR TROTZT DER CORONA-KRISE: DIE HAMANNS

Eva-Maria und Jens Hamann mit ihren Kindern Jona und Elisa. (Foto: Pielorz)

Hattingen/Sprockhövel- Eva-Maria und Jens Hamann leben mit ihren beiden Kindern Jona und Elisa im Alter von drei und acht Jahren in Sprockhövel. Die selbstständige Kommunikationsdesignerin hat eine eigene Werbeagentur, ihr Mann ist Sänger. Mit Werken aus dem klassischen Repertoire, unter anderem von Bach und Haydn, gastiert er in der ganzen Welt, hat selbst im Petersdom gesungen. Die Corona-Pandemie zwang das künstlerisch-kreative Ehepaar wie so viele Kulturschaffende in seinen ganz persönlichen Shutdown. Hinzu kommt – wie bei vielen Eltern – die Betreuung vom Nachwuchs in den eigenen vier Wänden. Auf Ruhrkanal.NEWS erzählen sie über ihr Leben in der Corona-Zeit.

Jens Hamann beim Interview auf dem Kirchplatz. (Foto: Pielorz)

Ein typischer Tag bei den Hamanns beginnt morgens um 8 Uhr. Sollte er jedenfalls, denn um diese Zeit klingelt der Wecker. Manchmal geht es aber auch schon früher los. Elisa ist in der dritten Klasse und muss zur Schule – virtuell zumindest. „Morgens übernehme ich die Kinder, damit meine Frau arbeiten kann“, erzählt Jens Hamann. Homeschooling eben. „Papa und die Lehrer machen den Unterricht, aber die Lehrer sind schon etwas besser“, sagt Elisa kritisch. Papa ist ja auch Sänger, Bariton und eben kein Pädagoge. Zwischendurch gibt es Bespaßung – Fahrrad, Inliner, Einrad. Die junge Dame ist gern sportlich unterwegs. Ihr kleiner Bruder Jona war vor der Corona-Krise bei einer Tagesmutter und kommt im Sommer in den Kindergarten. Jetzt ist auch er zuhause. „Vormittags spielt er dann gerne mit Elisas Playmobil-Sachen, was er aus Elisas Sicht eigentlich nicht machen soll. Aber er nutzt dann geschickt die Zeiten, in denen sie lernt“, lächelt der Vater. Bei der Hausarbeit kann sich der Nachwuchs auch nützlich machen. Beim Wäsche falten zum Beispiel. „Wir lieben es auch, den Saugroboter durch die Wohnung fahren zu lassen – nicht wahr?“ sagt Papa liebevoll zum Sohn. Jona strahlt. In dieser Zeit am Vormittag ist Eva-Maria Hamann im Homeoffice ihrer Designagentur. Die wurde 2001 gegründet und arbeitet mit wechselnden Experten – je nach gewünschtem Inhalt der Auftraggeber. „Die Corona-Krise hat natürlich einiges verändert, auch zum Erliegen gebracht. Aber es gibt immer noch Aufträge und ich habe bis jetzt nicht auf die finanziellen Hilfen von Bund und Land zurückgegriffen. Ich glaube, es gibt Menschen, für die diese Hilfen existenzieller sind“, so Eva-Maria Hamann. 

Im Familienalltag ist es Mittag geworden. Das Mittagessen findet gemeinsam statt. Danach macht der kleine Jona seinen Mittagsschlaf. Für Familienvater Jens kommt jetzt seine berufliche Arbeitsphase – fünf Stunden Videounterricht an der Chorakademie am Konzerthaus Dortmund. Europas größte Singschule wurde 2012 gegründet und seit dieser Zeit ist der Sänger maßgeblich am Projekt beteiligt. Neben seinen persönlichen Auftritten in der ganzen Welt natürlich. Sein Terminkalender war gut gefüllt – dann kam die Corona-Pandemie. „Alle Auftritte wurden natürlich abgesagt. Damit brachen auch alle Einnahmen weg und natürlich viele wunderbare Erlebnisse“, erzählt der Künstler. Besonders schmerzhaft war die Absage des 12. World Symposium on Choral Music Mitte Juli in Auckland/Neuseeland. „Die finanzielle Unterstützung für Soloselbstständige von Bund und Land habe ich zwar beantragt und bekommen, aber das Finanzpaket dient lediglich der Unterstützung bei Liquiditätsengpässen durch laufende Betriebskosten wie Mieten, Leasing oder Kredite für Betriebsräume, heißt es. Für Einnahmeverluste seien die Hilfen dagegen nicht gedacht. Wir als Kulturschaffende und Freiberufler haben aber oft nur geringe Betriebsausgaben. Viele haben angenommen, Honorare, etwa für weggebrochene Aufträge und ausfallende Veranstaltungen, erstattet zu bekommen, und in ihren Anträgen den gesamten prognostizierten Schaden einkalkuliert. Jetzt mag man das Geld nicht ausgeben aus Sorge einer Rückzahlung, die man irgendwann machen muss, dann aber nicht leisten kann.“ Geblieben ist Jens Hamann seine pädagogische Arbeit am Konzerthaus in Dortmund. Online eben. „Wenn meine Frau und ich beide gleichzeitig im Netz unterwegs sind, dann kommt man bei uns technisch an seine Grenzen. Wir wohnen in Sprockhövel ländlich und die Netzversorgung ist nicht immer stabil“, seufzt er. Auch Tochter Elisa muss auf das Internet zurückgreifen – neben der Schule beispielsweise beim Flötenunterricht, den es eben im Moment auch nur online gibt. „Außerdem wohnen die Großeltern in Essen und Stuttgart. Wir spielen manchmal online mit ihnen Kniffel, wir singen gemeinsam oder präsentieren gemalte Bilder. Wenn mein Mann arbeitet, dann halte ich die Kinder bei Laune. Ich versuche es jedenfalls“, lacht Mama Eva-Maria Hamann.

Was beide Erwachsene ziemlich nervig finden: „Es fehlt eine persönliche Auszeit. Auf einer Seite hat sich das Leben entschleunigt und es gibt es weniger Termine. Auf der anderen Seite setzt die andere Lebenstaktung ein hohes Maß an Organisation voraus. Mein Beruf, der Beruf meines Mannes und unser Familienunternehmen – alles spielt sich komplett in der Koordination zuhause ab.“ Gut, dass Elisa eine kleine Leseratte ist – bevor die Bibliotheken schließen mussten, hat sie sich noch einmal mit über sechzig Büchern eingedeckt. Die sind aber alle ausgelesen und in der Nachbarschaft existiert ein reger Tauschhandel. „Aber ich vermisse die Schule und sogar die dummen Sprüche der anderen“, sagt die Achtjährige. 

Abends bei Familie Hamann: gemeinsames Abendessen, eine gemeinsame Spielerunde, ein gemeinsames Gebet. Für den knapp dreijährigen Jona geht der Tag dann zu Ende. Elisa schnappt sich noch ein Buch, Papa probiert es mit Hilfe eines Online-Dienstes mit dem Erstellen von Ersatzterminen für die vielen ausgefallenen Konzerte. Und wenn Jona eingeschlafen ist, hat auch Mama noch ein paar Dinge im Homeoffice abzuarbeiten. 

Eine kleine Familie in Corona-Zeiten… Manches spielt sich irgendwie ein. Aber die Rückkehr zum alten Leben, zu unbeschwerten und fröhlichen Kontakten, die vermissen alle. 

In der St. Georgs-Kirche singt Jens Hamann die geistliche Kantate von J.S. Bach „Warum betrübst Du Dich“ (Schemelli-Lieder) und das alte Volkslied „Kein schöner Land“, das auf Anton Wilhelm von Zuccalmaglio zurückgeht und 1840 erstmals veröffentlicht wurde.

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