FLÄCHENTARIF FÜR PFLEGEBRANCHE GESCHEITERT

Schon jetzt gibt es zu wenig Pflegekräfte, um dem Bedarf pflegebedürftiger Menschen gerecht zu werden (Foto: Bernd Henkel)

Ennepe-Ruhr-Kreis-Die Hoffnung war groß. Ein flächendeckender Tarifvertrag für die Pflegebranche sollte ungleiche Löhne beenden. „Ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag in der Altenpflege wäre ein Zeichen der Anerkennung gewesen und würde möglicherweise auch dazu führen, dass sich zukünftig mehr Menschen für diesen Beruf entscheiden“, so Esther Berg, stellvertretende Geschäftsführerin und u. a. zuständig für den Pflegebereich bei der AWO EN.

Dabei war der Tarifvertrag, der insbesondere die Einstiegsgehälter von Pflegekräften deutlich verbessert hätte, zum Greifen nah. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeber in der Pflegebranche (BVAP) und die Gewerkschaft ver.di hatten ihn formal schon geschlossen. Die kirchlichen Wohlfahrtsverbände – neben der Caritas auch die Diakonie – hätten zustimmen müssen. Während die Kommission der Diakonie schon die Abstimmung darüber verhinderte, hat der Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche, die Caritas, die Einführung des Flächen-Tarifvertrages mit ihrem Veto abschließend scheitern lassen.

„Dass die Caritas den Tarifvertrag mit dem Argument ablehnt, sie selbst bezahle Altenpflegekräfte nach ihrem eigenen Tarifwerk gut, ist unsolidarisch. Gerade als Wohlfahrtsverband sollte man doch an alle denken, die in diesem Beruf arbeiten und bei manchen privaten Anbietern schlecht bezahlt werden“, so Esther Berg. Sie ist enttäuscht von der Haltung der kirchlichen Wohlfahrtsverbände: „Wir müssen hier einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe gerecht werden und nicht nur die Belange unserer eigenen Mitarbeitenden berücksichtigen“. Der Tarifvertrag hätte vor allem für Beschäftigte von privaten Anbietern deutliche Verbesserungen gebracht. Sie vermutet, dass die kirchlichen Wohlfahrtsverbände mit der Ablehnung des Flächentarifs den „Dritten Weg“, also die Anwendung eigener arbeitsrechtlicher Regelungen kirchlicher Träger nicht gefährden wollen.

Mit dem Tarif wäre endlich auch der leidige Begriff „Mindestlohn“ im Zusammenhang mit der Altenpflege verschwunden. Wer den Begriff hört, verbindet damit Helfertätigkeiten, für die man keine Ausbildung benötigt. In der Altenpflege jedoch, so Esther Berg, werden Menschen gebraucht, die komplexen Anforderungen gewachsen sind, die in schwierigen Situationen schnell und kompetent handeln, die Symptome kranker älterer Menschen erkennen und einordnen, die umfangreiche Verwaltungsarbeiten erledigen und Pflegeverläufe dokumentieren, die also sehr gut ausgebildet sind.

Gerade in der Corona-Pandemie leisten die Mitarbeiter*innen in der Pflege enorm viel. Sie pflegen an Corona erkrankte ältere Menschen und begleiten oft auch beim Sterben – ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit und die ihrer Familien. „Klatschen reicht nicht. Pfleger*innen müssen angemessen bezahlt und als Fachkräfte anerkannt werden. Es geht auch um die Alterssicherung, die mit einem Pflege-Mindestlohn von 15 Euro ab Juli 2021 und 15,40 Euro ab April 2022, also Einstiegsgehältern von rund 2600 Euro brutto nicht gut funktioniert“, unterstreicht Esther Berg.

Wie auch die kirchlichen Wohlfahrtsverbände zahlt die AWO Tarifgehälter und befürchtet dennoch, dass sich der Mangel an Fachkräften in der Pflege weiterhin verschärfen wird, während die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Ein Beruf, in dem bei vielen Arbeitgebern noch Mindestlöhne statt tariflicher Bindungen gelten, ist für junge Menschen einfach nicht attraktiv.

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