BIS ZU 19 BÄUME WEICHEN GESAMTSCHULANBAU – NICHT ALLE SIND ALTE PLATANEN

Einige der Platanen werden für den Neubau gefällt (Foto: Strohdiek)

Hattingen- Die Stadtverordnetenversammlung beginnt mit einer Gedenkminute für die Verstorbenen der Corona-Pandemie. Stellvertretend für alle Anwesenden erinnert Bürgermeister Dirk Glaser daran, dass in Hattingen inzwischen mehr als 70 Menschen dem Corona-Virus zum Opfer gefallen sind.

Doch dann geht es zum Tagegeschäft. Der Tagesordnungspunkt acht wird vorgezogen, da sich auch ein Bürger zum gleichen Thema in der Fragestunde für Anwohnerinnen und Anwohner angemeldet hat. Es geht um die Erweiterung der Gesamtschule „An der Langen Horst“ in Welper und die damit verbundene Fällung schöner, alter Platanen.

Wolfgang Wortmann legt ausführlich dar, warum zahlreiche Anwohner sich zusammengeschlossen haben und für den Erhalt der Platanen auf dem Schulhof kämpfen. Er beschwert sich im Namen der Anwohner darüber, dass bei der Genehmigung von acht Bäume gefällt werden sollten, inzwischen aber 19 Platanen zur Disposition stehen. Die Standpunkte kann er ausführlich und teilweise mit mehrfacher Wiederholung darlegen, bevor ihn Bürgermeister Dirk Glaser bittet eine Frage zu stellen. Diese formuliert Wortmann jedoch nicht. Direkt im Anschluss äußert sich eine Bürgerin, die sich nicht vorstellt und die offenbar auch nicht angemeldet war. Sie möchte wissen, warum so viele Platanen gefällt werden sollen und warum die Öffentlichkeit darüber so schlecht informiert wurde.

Zum Thema „schlechte Informationspolitik“ nehmen im Nachgang, während der Debatte über Tagesordnungspunkt acht „Antrag der Fraktion Bündnis90/Die Grünen „Erweiterung der Gesamtschule an der Langen Horst““ auch Achim Paas (SPD) und Gerd Nörenberg (CDU) Stellung. Sie beklagen, dass dadurch das Vertrauen der Bevölkerung in politische Entscheidungen verloren gehe und dass auch sie als gewählte Politiker sich von der Verwaltung schlecht informiert sehen. „Aber machen wir uns nichts vor, jede Entscheidung zur Weiterentwicklung unserer Stadt hat Auswirkungen auf Ökologie und Ökonomie“, sagt Achim Paas in Richtung der Versammlung und der Bürger. „Wenn wir das nicht wollen, herrscht Stillstand.“ Außerdem wolle er nicht, dass Bildung und Naturschutz gegeneinander ausgespielt würden.

So sieht es auch Gerd Nörenberg: „Die Raumnot an der Gesamtschule ist seit langem bekannt, der Handlungsbedarf ist dringend gewesen und alternativlos.“ Allerdings möchte auch er wissen, wieso sich die Zahl der zu fällenden Bäume von ursprünglich acht auf jetzt 19 erhöht habe und ob es die Möglichkeit gibt Ausgleichsmaßnahmen vorzunehmen.

Die Stadtverordnetenversammlung beginnt mit einer Gedenkminute für die an Corona Verstorbenen (Foto: RuhrkanalNEWS)

Oliver Degner (B90/DG) stellt bei der Vorstellung des Antrags der Grünen die Frage, was es denn eigentlich bedeute, wenn in Vorlagen davon die Rede sei, dass ein Baumbestand „weitesgehend“ erhalten bleiben solle. Wenn so viel wie jetzt geplant gefällt werden sollten, sei das aus seiner Sicht nicht mehr gegeben. „Warum hat es keine rechtzeitige Information der Fachbereich oder der Verwaltung an die Politik gegeben?“ ist auch bei ihm eine der zentralen Fragen.

Zahlreiche Mitarbeitende der Bauverwaltung inzwischen im Ruhestand

An dieser Antwort versucht sich zunächst Jens Hendrix. Der Baudezernent bittet direkt um Entschuldigung für die schlechte Kommunikation. Er verweist darauf, dass der Beschluss des Rates sowie die ersten Planungen mehrere Jahre zurückliegen und in der Zwischenzeit der Anbau mehrfach umgeplant worden ist. Das liegt zu einen daran, dass der Bedarf der Schule sich geändert hat, aber auch an zusätzlichen Wünschen aus der Politik. Der jetzt vorliegende Entwurf sei deshalb bereits der vierte. In der Zwischenzeit seien mehrere leitende Mitarbeiter im Ruhestand, ihre Nachfolger hätten zwangsläufig nicht immer gewusst, was bei den entsprechenden Ratssitzungen im Detail abgesprochen worden sei. „Ich weiß, das mag aus Ihrer Sicht eine schwache Entschuldigung sein, kann aber dennoch trotzdem erklären, warum es so gelaufen ist, wie es gelaufen ist“, so Jens Hendrix.

Alexandra Wagner erläutert im Anschluss den aktuellen Stand der Bauplanung. Das Wichtigste vorweg: Von den 19 zu fällenden Bäumen gehören viele nicht zu den schönen, alten Platanen. Es sind beispielsweise einige Ahorne darunter, eine Kastanie und auch Bäume, die bereits jetzt stark geschädigt sind, da sie einen ungünstigen Standort haben. Dass die Zahl der zu fällenden Bäume höher ist, als in der ersten Planung vorgesehen, liegt demnach daran, dass das Gebäude eine größere Grundfläche (Geschossfläche) bietet und auch eine größere und stärkere Grundplatte benötigt. „Wir haben für alle Bäume die erhalten werden sollen, Schutzmaßnahmen vorgesehen. Das betrifft auch die Wurzeln, die durch Erdarbeiten möglicherweise geschädigt werden können“, so Wagner. „Wir sind optimistisch, dass die Bäume die Arbeiten überstehen, können das aber natürlich nicht hundertprozentig garantieren.“

Ein Knackpunkt ist die Anbindung des neuen Gebäudes ans Fernwärmenetz, die kann nur über einen Zugang erfolgen in dessen Bereich mehrere Platanen stehen. Alle anderen Versorgungsleitungen werden über das bereits vorhandene Gebäude verlegt. „Auch wenn wir das bei dieser Baumaßnahmen per Gesetz nicht müssen, sind Ausgleichsmaßnahmen vorgesehen. Unter anderem haben bereits andere Schulen angefragt, ob sie Ausgleichsbäume auf ihren Schulhöfen bekommen können“, ergänzt Jens Hendrix. „Wir wollen versuchen alle Ausgleichsmaßnahmen in Welper zu realisieren, haben auch schon Flächen im Blick und prüfen ob sie geeignet sind.“

Der Vorschlag die Platanen umzupflanzen scheint nicht mehr realisierbar zu sein. Zum einen erfordern diese Arbeiten jahrelange Vorbereitungen, zum anderen sind die Wurzeln der alten Bäume zu groß. Durch das Ausgraben, Herausheben und den Transport werden die Pflanzen so stark geschädigt, dass sie am neuen Standort nicht wieder anwachsen würden. Auch die Frage, ob durch Änderungen in der Planung möglicherweise ein oder zwei Bäume mehr gerettet werden könnten, bescheidet Wagner abschlägig. „Wir sind soweit, dass wir Anfang Mai die Ausschreibung starten wollen. Jede Änderung würde ganz neue, aufwendige Planungen erfordern. Nur wenn wir jetzt starten, ist die Baustelle im Herbst eingerichtet, nach der Brutsaison würden die ersten Bäume gefällt und die Bagger rollen.“

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