Papier, Fäden und Haltung im Wachszinshaus

Hattingen – Eine alte Singer-Nähmaschine, daneben ein Haufen flachgedrückter Papierröhren. Auf den ersten Blick könnte man meinen, hier werde einfach nur gebastelt. Doch wer Heike Kurth am Sonntag (24. Mai 2026) im Wachszinshaus auf dem Kirchplatz bei der Arbeit zusah, merkte schnell: Das hier ist Kunst mit Geduld, Haltung und einem ziemlich klaren Blick auf unsere Gegenwart.

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Im Rahmen der Ausstellung „Kunst macht Haltung“ hatte das Wachszinshaus zu „Work in Progress“, einem offenen Atelier, eingeladen. Besucherinnen und Besucher konnten dabei nicht nur fertige Arbeiten betrachten, sondern miterleben, wie aus Papier, Zeit und handwerklicher Technik neue Kunst entsteht.

Heike Kurth arbeitet zurzeit vor allem mit Papier. Aber nicht mit irgendeinem Papier. Ihre Materialien haben Geschichte und Bedeutung: Gelbe Seiten, Straßenkarten, Gesetzestexte, Kassenzettel. Alles Papiere, die für sie mit Konsum zu tun haben.

„Die Gelben Seiten stehen für mich für einen Katalog, in dem man alles finden kann, was man konsumieren möchte“, erklärte Kurth im Gespräch. Straßenkarten verweisen für sie auf den Konsum von Mobilität, alte Gesetzestexte wie die Landesbauordnung auf Bauen und Wohnen. Und Kassenzettel? „Das ist der pure Beleg für unseren Konsum.“

„Work in Progress“ (Fotos: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)

Aus diesen Papieren entstehen keine schnellen Effekte. Kurth schneidet die Seiten zunächst in schmale Streifen. Diese werden verdreht, verzwirbelt, stabilisiert. Anschließend näht sie die Papierfäden mit der Maschine, häufig mit Zickzackstich, weiter zusammen. Daraus entsteht ihr Grundmaterial. Und mit diesem Material arbeitet sie dann weiter: Es wird genäht, geflochten, verwebt, gestrickt, gehäkelt oder geknüpft.

So wachsen Stück für Stück sehr unterschiedliche Arbeiten, die eines gemeinsam haben: Sie holen Dinge aus dem Alltag heraus, die normalerweise achtlos weggeworfen werden. Kassenzettel, Telefonbücher oder Straßenatlanten werden plötzlich zu Oberflächen, Strukturen und Bildern. Aus Wegwerfmaterial wird etwas, das hängen bleibt.

Gerade das machte den Reiz des offenen Ateliers aus. Man sah nicht nur das fertige Kunstwerk an der Wand, sondern bekam einen Eindruck von der Arbeit dahinter. Dieses Schneiden, Drehen, Nähen, Verdichten. Eine Tätigkeit, die fast meditativ wirkt. Kurth beschreibt es selbst als sehr zeitintensiv, aber auch als Arbeit, bei der sie herunterkommt. „Irgendwann fängt es im Kopf an zu arbeiten“, sagte sie. Dann entwickle sich eine Idee aus der nächsten.

Neben der Nähmaschine zeigte Kurth auch weitere Arbeiten auf dem Laptop. Werke aus Kassenzetteln, schwarze sortierte Kassenbons, geknüpfte Strukturen, gehäkelte Formen, Arbeiten aus einem Straßenatlas. Auch einzelne kleinere Arbeiten, die später einmal zu einer großen Wandfläche zusammenwachsen sollen.

Damit passte das offene Atelier gut zur Ausstellung „Kunst macht Haltung“, die bereits bei ihrer Eröffnung zeigte, dass Kunst im Wachszinshaus nicht dekorativ bleiben muss. Sie darf etwas sagen. Sie darf Fragen stellen. Und sie darf dabei auch leise sein.

Bei Heike Kurth geschieht das nicht mit großen Parolen, sondern mit Material, das wir alle kennen. Papier, das durch unsere Hände ging. Papier, das etwas über unseren Alltag erzählt. Über Kaufen, Fahren, Bauen, Wohnen. Über das, was wir nutzen und oft sofort wieder vergessen.

Im Wachszinshaus bekam dieses Papier am Sonntag eine zweite Stimme. Und manchmal reicht schon das Geräusch einer alten Nähmaschine, um daran zu erinnern, dass Haltung auch aus Geduld entstehen kann.

Die Ausstellung „Kunst macht Haltung“ endet mit einer Finissage am Sonntag, 31. Mai 2026, um 15 Uhr im Wachszinshaus auf dem Kirchplatz.

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