KOMMENTAR: WARUM NUR SO INKONSEQUENT?

Ein Kommentar von Frank Strohdiek.

Es ist ein Kreuz mit diesem Corona-Virus. Einerseits ist er hochansteckend, so gefährlich, dass weltweit die meisten Länder rigorose Schutzmaßnahmen ergriffen haben. Andererseits sorgen diese Schutzmaßnahmen dafür, dass die Pandemie noch nicht völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Und hier beginnt das Dilemma: Denn Kritiker können nach wie vor behaupten, es werde mit den getroffenen Maßnahmen völlig überzogen.

Das ist letztendlich das gleiche Schema, mit dem Impfgegner argumentieren, wenn es beispielsweise um Masern geht. Man müsse nicht impfen, da doch kaum (noch) jemand erkranke und außerdem habe man die Masern in der eigenen Kindheit problemlos überlebt. Wenn dann alle verständnisvoll nicken, vergessen sie, dass diejenigen die daran gestorben sind, heute ihre Meinung in den sozialen Medien nicht mehr kundtun können und dass die Infektionsraten nur deshalb im Rahmen bleiben, weil glücklicherweise die meisten Menschen geimpft sind.

Doch zur aktuellen Krise: Ja, es gibt ein Kontaktverbot. Ja, einige Läden durften zeitweilig nicht öffnen. Ja, für Gastronomiebetriebe und Sportstudios sieht es ganz schlecht aus. Ja, Schüler verpassen Unterricht und Kindergartenkinder würde gerne ihre Freundinnen und Freunde wiedersehen. Ja, das alles sind Eingriffe in unsere Grundrechte und sie kosten auch noch viel Geld. Hier muss der Staat schnell mit unbürokratischer Hilfe starten. Breiter gestreut, als bisher. Als Förderprogramm, nicht mit Krediten.

Aber dennoch sind die Einschränkungen viel zu halbherzig und kamen zu spät!

Als klar wurde, dass die Corona-Pandemie nicht mehr aufzuhalten ist, hätte die gesamte EU (besser noch die gesamte Welt) alles für mindestens drei Wochen runterfahren müssen. Alles. Nicht nur mit Kontaktsperre, sondern mit Ausgangssperre. Noch vor Karneval hätten alle Betriebe schließen müssen, der Flugverkehr wäre eingestellt, sämtliche Sportveranstaltungen für mindestens drei Wochen unterbrochen worden. Konsequente Ausgangssperre, mit nur wenigen, gut zu begründenden Ausnahmen. Der Eingriff in unsere Grundrechte wäre heftig gewesen. Heftiger, als jetzt.

Allen, die das kritisieren, setze ich ein „Ja, und?“ entgegen. Genau wie jetzt wären diese Eingriffe zeitlich befristet. Niemand setzt ernsthaft unser Grundgesetz dauerhaft außer Kraft. Die Vorschriften der Epidemiegesetze sehen diese Einschränkungen seit vielen Jahren vor. Nur werden sie jetzt zu zaghaft umgesetzt. Aus Angst vor Eltern, die plötzlich ihre Kinder selbst beaufsichtigen müssen, aus Angst vor multinationalen Konzernen, die befürchten, dass sie den Aktienbesitzern zu wenig Dividende zahlen können, aus Angst vor Rechtspopulisten, die die sinnvollen Einschränkungen instrumentalisieren könnten.

Ja, und nun haben wir den Salat: Die zaghaften Einschränkungen dauern zu lange, schon innerhalb Deutschlands ist keine einheitliche Linie der Bundesländer zu erkennen, in der EU kocht, wie seit Jahrzehnten, jeder Staat sein eigenes Süppchen, von weltweitem, koordiniertem Handeln wagt niemand zu träumen. Die Wissenschaft lernt bei dem neuen Virus jeden Tag dazu. Einige Prognosen haben sich als falsch erwiesen, andere haben sich bestätigt. Aber doch sind es die Forscher, die sich seit Jahren und Jahrzehnten mit Viren, Ausbreitungsmechanismen und Pandemie-Verläufen beschäftigen. Ihnen, und nur ihnen, sollte die Politik vor Beschlüssen zuhören. Karl-Heinz und Uschi, die bei dem Thema nur Abschlüsse der Youtube-Universität vorweisen können, machen im Internet zwar viel Rabatz, sind aber mit ihren Einschätzungen völlig irrelevant.

Schränkt die Grundrechte vorübergehend weiter ein, lockert die Corona-Vorschriften nicht zu früh, nur so können wir diese Krise halbwegs schnell überstehen. Und lasst euch nicht von Kritikern stoppen, denen es oft nur um die eigene Wohlfühlblase geht.

RuhrkanalNEWS-Redakteurin Dr. Anja Pielorz ist übrigens ganz anderer Meinung.

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