Hattingen – Ein Abwasserrohr, zwei gelbe Kinderbadewannen und ein Smartphone. Mehr braucht es manchmal nicht für einen Lautsprecher. Zumindest dann nicht, wenn Künstler auf ein gut gefülltes Secondhandkaufhaus, ausgestattete Werkstätten und Menschen treffen, die einfach ausprobieren wollen, was möglich ist.
Die Grand Snail Tour der Urbanen Künste Ruhr machte am Donnerstag Station bei HAZ Arbeit + Zukunft in Hattingen. Die Künstler Darsha Hewitt und Aram Bartholl verwandelten MÄCK Second dabei für einen Tag in eine Mischung aus Ausstellung, Werkstatt und Experimentierlabor.
Und dafür fanden sie in Hattingen ziemlich ideale Bedingungen vor.
Denn die Künstler durften nicht nur auf das zurückgreifen, was sich im Secondhandkaufhaus ohnehin findet. Ihnen standen auch die angegliederten Werkstätten zur Verfügung – einschließlich der Werkstattleiter mit ihrem Wissen und ihren handwerklichen Möglichkeiten. Aus einer Idee konnte deshalb ziemlich schnell etwas Reales werden.
Darsha Hewitt nutzte genau das. Die aus Kanada stammende Künstlerin beschäftigt sich unter anderem mit Konsumkultur, alter Technik und Musik. Gemeinsam mit jungen Teilnehmern entstand die Idee, einen passiven Lautsprecher für Smartphones zu bauen. Gesucht, ausprobiert, gesägt und zusammengesetzt wurde mit dem, was vorhanden war.
Künstlerin Darsha Hewitt mit einem der ungewöhnlichsten Ergebnisse der Grand Snail Tour in Hattingen: Aus einem Abwasserrohr und zwei Kinderbadewannen entstand ein passiver Lautsprecher für Smartphones. (Foto: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)

Das Ergebnis dürfte in keinem Elektronikmarkt zu finden sein: Ein langes Abwasserrohr verbindet zwei gelbe Kinderbadewannen. Das Smartphone liefert die Musik, Rohr und Wannen dienen als Resonanzkörper, verstärken und verändern den Klang.
Gerade dieser Umgang mit vorhandenen Dingen gehört zum Prinzip der Grand Snail Tour. Nicht eine fertige Ausstellung wird an einen Ort gebracht. Der Ort selbst, seine Materialien und die Menschen werden Teil des Projektes.
Auch Aram Bartholl arbeitete mit den jungen Teilnehmern. Bei seinem Workshop „My Painting 3D“ entstanden zunächst gemalte Unterwasserwelten. Anschließend wurden die Teilnehmer zusammen mit ihren Bildern per Smartphone dreidimensional gescannt. Analoge Malerei, Mensch und digitale Technik landeten schließlich gemeinsam auf einem großen Bildschirm.
Bis zum Nachmittag hatten bereits fast 200 Besucher die Workshopgruppen und die Grand Snail Tour besucht. Und Schluss war damit noch lange nicht. Drei Stunden Programm lagen noch vor den Veranstaltern, weitere Gruppen hatten sich angekündigt.
Bemerkenswert war dabei nicht allein die Zahl der Besucher, sondern wer dort unterwegs war und was während der Führungen passierte. Viele Schüler und Studenten waren gekommen. Sie hörten nicht einfach nur zu, sondern diskutierten, fragten nach und entwickelten aus dem Gesehenen schon wieder eigene Ideen.
Man konnte es beinahe knistern hören.
Aus einer Führung wurde dadurch immer wieder ein Gedankenspiel: Was könnte man noch daraus machen? Was passiert, wenn man dieses mit jenem verbindet? Und warum sollte etwas, das ausgedient hat, tatsächlich ausgedient haben?
Das passte perfekt zu MÄCK Second. Zwischen Sofas, Schränken, alten Fernsehern und Stereoanlagen musste man ohnehin zweimal hinschauen, um zu erkennen, wo der normale Bestand aufhörte und die Kunst anfing.
Seit September 2024 sind die Urbanen Künste Ruhr mit der Grand Snail Tour unterwegs. Bis Ende 2027 sollen alle 53 Städte und Kommunen des Ruhrgebiets besucht werden. Ihr weißer Tourwagen kann dabei Bühne, Büro, Podium oder Treffpunkt sein. Entscheidend ist aber, was am jeweiligen Ort entsteht.
In Hattingen traf die Tour auf einen Secondhandladen voller Material, gut ausgestattete Werkstätten, Menschen mit handwerklichem Wissen – und ein erstaunlich junges Publikum, das Lust hatte, sich darauf einzulassen.
Und manchmal braucht es dann tatsächlich nicht mehr als ein Abwasserrohr und zwei Kinderbadewannen, damit aus einer verrückten Idee Kunst wird.


























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