FUSSBALL GEGEN RECHTS IN HAGEN

Hattingen/Hagen/Sprockhövel- Der Fußballplatz an der Waldlust in Hagen-Wehringhausen ist wahrscheinlich der am schönsten gelegene in der ganzen Stadt. Hier wird noch auf roter Asche ehrlich um jeden Kreisliga-Punkt gekämpft. Er ist die Heimat von gleich zwei Teams und könnte wahrscheinlich von zahlreichen Schlachten und unzähligen aufgeschürften Knien erzählen. Und am 27. August ist es wieder Zeit für ein gelungenes Turnier, ja, man kann sogar von einem Traditionsturnier sprechen.

Auch wenn es um die gute Sache geht, die Mannschaften wollen den Pokal (Foto: RuhrkanalNEWS)

Auch wenn es um die gute Sache geht, die Mannschaften wollen den Pokal (Foto: RuhrkanalNEWS)

Denn einmal im Jahr kommen Mannschaften aus ganz Deutschland zu einem besonderen Turnier hierher. Seit 1993 gibt es das „Antifa-Fußballturnier“, der größte Teil ging hier über die Bühne ( oder wohl besser: den Platz im Wald). Angefangen hat alles kurz nach dem Brandanschlag in Solingen. Einige Menschen aus dem Umfeld der Kuturzentrums „Pelmke“ hatten die Befürchtung, dass sich „die Rechten“ breit machen würden und die öffentliche Diskussion bestimmen würden. Das erste Turnier, mit vier Mannschaften aus dem Freundeskreis, war also auch ein Zeichen. „Wir lassen uns nicht einschüchtern!“, so das unausgesprochene Motto. „Und dann wurde das Starterfeld immer größer, Mannschaften auch aus anderen Städten wollten mitspielen“, sagt Sarah Jung vom Kulturzentrum. „Berlin, Aachen, Stuttgart waren oder sind noch immer vertreten. Auch aus dem Ruhrgebiet gibt es immer wieder Anfragen von Mannschaften, die dabei sein wollen.“ Die „Wilde 13“ aus Sprockhövel ist ebenfalls regelmäßige, gern gesehene Teilnehmerin.

Inzwischen ist aus der kleinen Veranstaltung, die beim ersten mal übrigens in Jellinghausen auf dem Bolzplatz ausgekickt wurde, eine etwas größere geworden. Was erhalten blieb, ist eine gewisse unorthodoxe Herangehensweise. Es gelten weiterhin die Regeln der bunten Ligen. Soll heißen, es gibt keine Schiedsrichter, sondern nur einen Zeitnehmer, der die parallel stattfindenden Partien an- und abpfeift. Den Rest machen die Teams unter sich aus. „Das klappt seit Jahren ganz hervorragend. Wer zu hart einsteigt oder anderweitig übers Ziel hinausschießt, wird meistens von der eigenen Mannschaft zur Ordnung gerufen“, berichtet Mike Spenner vom Fußball-Kreisligisten „Roter Stern Wehringhausen“.

Erlös geht an „Cars of Hope“ in Wuppertal

Mit steigenden Teilnehmerzahlen wuchs auch das Organisationsteam. Inzwischen ist das Turnier eine Kooperation von Mitgliedern des „Roter Stern“ und des Kulturzentrums. Die einen bringen ihre Erfahrung aus dem Spielbetrieb ein, die anderen aus der Organisation von Veranstaltungen. Und oft sind die Helfer in beiden Organisationen zuhause. „Das ist ein Stadtteil-Ding, das ist allen ganz wichtig“, sagt auch Sarah Jung. „Wir wollen eben nicht, dass in dieser Sache jeder sein eigenes Süppchen kocht. Es soll die ganze Bandbreite des Stadtteils Hagen-Wehringhausen  zeigen.“ Und das wird auch auf dem Spielfeld deutlich. Die jüngsten Spieler sind gerade mal 11 Jahre alt, die ältesten haben die 50 schon deutlich hinter sich gelassen. Und da alle im Zweifelsfall eher das Bein zurückziehen, als die Grätsche zu vollenden, können alle zusammen in einer Mannschaft antreten.

Es wird auf mehreren Plätzen parallel gespielt und Zuschauer gibt es auch (Foto: RuhrkanalNEWS)

Es wird auf mehreren Plätzen parallel gespielt und Zuschauer gibt es auch (Foto: RuhrkanalNEWS)

„Wir habe immer wieder auch Teams deren Mitglieder Menschen mit Behinderung sind und selbstverständlich treten auch Flüchtlinge an. Und bevor das hier so klingt, als ginge es um nichts: Alle die antreten, wollen gewinnen. Davon zehrt man ein ganzes Jahr, wenn der Antifa-Wanderpokal in der eigenen Vitrine steht“, so Mike Spenner. Und trotzdem haben die Fußballer es geschafft, dass das Turnier ein wirkliches Hobbyturnier bleibt. Das liegt auch daran, dass bereits vor dem ersten Spiel immer feststand, welche Mannschaft welchen Preis bekommt. Geld gibt es gar nicht zu gewinnen. Die Ligamannschaften die sich als Hobbytruppe tarnen und für die Saisonabschlussfahrt kicken, hatten also nie Interesse an einer Teilnahme. „Und dass wir seit vergangenem Jahr ganz auf Preise verzichten, wird den Effekt noch verstärken“, so Jung und Spenner. „Im Angesicht des Flüchtlingselends fühlte es sich eigenartig an, Geld für Preise auszugeben, die zwar ganz witzig sind, aber eigentlich auch völlig unnötig.“ Also geht das Geld an eine karitative Einrichtung, die sich um Flüchtlinge kümmert. Im vergangenen Jahr war das „Luthers Waschsalon“ in Hagen, in diesem Jahr wird es „Cars of Hope“ in Wuppertal sein.

Große „Aftershow-Party“ ist wichtig

Vor einigen Jahren hatten einige der Organisatoren übrigens das Gefühl, dass sich das Turnier überlebt hat. Nicht, dass sie glaubten, die seien Nazis plötzlich verschwunden, aber die vorherrschende Meinung war, dass sie eben nicht mehr so präsent sind, wie kurz nach dem Fall der Mauer.  Doch spätestens seitdem Hetzer im Internet Stimmung gegen Menschen machen, die vor Tod, Not und Elend fliehen, sind alle überzeugt, dass das Turnier auch heute noch seine Berechtigung hat. Es ist von Anfang ein ein Einladungsturnier und das bleibt es auch, darauf besteht das Pelmke- und Roter-Stern-Team. Ist es doch erst einige Jahre her, dass eine „sagen wir mal konservative“ Burschenschaft versuchte am Turnier teilzunehmen. Doch die Organisatoren nehmen es als Kompliment. Ihr Fußballturnier wird wahrgenommen, sogar vom politischen Gegner.

Und so feiern sich die Teilnehmer auch selbst. „Wir sehen es gern, wenn die Mannschaften abends bleiben,“ sagt Sarah Jung. Denn nach der Siegerehrung im Kulturzentrum wird getanzt. Der Kneipenchef, so verbreiten es Gerüchte aus gut unterrichteter Quelle, kann meistens erst Feierabend machen, wenn andere zum Sonntagsfrühstück aufstehen. Aber genau deshalb reisen die Teams ja auch an, um gemeinsam Spaß zu haben.

Info: RuhrkanalNEWS Redakteur Frank Strohdiek engagiert sich seit mehr als 25 Jahren im Hagener Kulturzentrum Pelmke und ist Mitorganisator des erwähnten Antifa-Fußballturniers.

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