ELTERNTREFF: HILFE BEI DER INKLUSION

Hattingen– Schon mal etwas von Inklusionsassistenz gehört? Integration ist ja mittlerweile in aller Munde, doch Inklusion und dann auch noch verbunden mit Assistenten ist für den ein oder anderen immer noch ein Fremdwort. Damit das nicht so bleibt, war das ein Thema in der Hattinger Elternreihe, die seit vielen Jahren zusammen mit dem Bündnis für Familie und der Volkshochschule stattfindet. Yvonne Exner und Jens Hildebrandt von den Hattinger „Wegbegleiter“ erklären, was das ist und was sie selbst machen.

Inklusionsassistenz ist eine Leistung der Eingliederungshilfe. Körperliche, geistige oder mehrfach behinderte Kinder haben genauso Anspruch darauf wie emotional oder sozial behinderte Kinder. Die Hilfe umfasst demnach heilpädagogische sowie sonstige Maßnahmen der Schulbildung zu Gunsten der Kinder und Jugendlichen, wenn die Maßnahmen Sinn machen, eine im Rahmen der allgemeinen Schulpflicht erreichbare Bildung zu ermöglichen.Anträge auf Inklusionsassistenz müssen gestellt werden – und zwar entweder beim Sozialamt für körperlich, geistig oder mehrfach behinderte Kinder oder beim Jugendamt für emotional oder sozial behinderte Kinder. Die dortigen Hilfen werden immer als Einzelfallhilfe gewährt.

In Hattingen sind Jan Bauer, Yvonne Exner und Jens Hildebrandt mit einem Team von rund vierzig engagierten Menschen als „Wegbereiter“ unterwegs. Der freie Träger der Kinder und Jugendhilfe bietet Kindern und Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf Hilfe und Unterstützung an. Dazu zählt die Begleitung des Schulalltags, das kann aber auch eine Hilfe außerhalb des Unterrichts bedeuten. „Die Fälle sind so unterschiedlich wie die Kinder“, sagt Jens Hildebrandt. Es gibt Fälle von Jugendlichen – übrigens vorwiegend von Jungen – die schon eine dicke Schulakte haben. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie nicht einfach nur den Unterricht störten, sondern auch ihr aggressives Potential einsetzten. „Natürlich haben wir auch Mädchen unter unseren Kunden. Aber es sind deutlich mehr Jungs -wenn es aber Mädchen sind, dann sind die schon nicht ohne“, sagt Jens Hildebrandt.

Und was genau machen die Inklusionshelfer nun? „Das ist kein Ausbildungsberuf“, so Hildebrandt. Oft seien es Menschen verschiedener pädagogischer Fachrichtungen, aber auch Bundesfreiwilligendienstler oder Personen, die ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren wollten. Oder welche, denen das Thema am Herzen liege und die gut mit Kindern und Jugendlichen umgehen könnten. Das ist nämlich am wichtigsten: die Chemie muss stimmen. Denn zumindest die Kinder mit emotionalen oder sozialen Defiziten begrüßen den Inklusionshelfer in der Regel nicht gerade euphorisch. Sie machen oft dicht, sagen am Anfang gar nichts. Erst wenn ganz langsam ein Vertrauen aufgebaut wird, besteht die Chance für den Wegbegleiter, das Kind oder den Jugendlichen tatsächlich zu erreichen. Dann kann er Begleiter im schulischen Alltag sein, zur Integration in die Klassengemeinschaft beitragen, bei der Kommunikation helfen und bei der Bewältigung des Unterrichtsstoffes helfen. Er kann lebenspraktische und pflegerische Tätigkeiten durchführen und das Kind auch bei außerschulischen Aktivitäten begleiten. Und seine Hilfe als Hilfe zur Selbsthilfe begreifen – denn Ziel ist es, sich selbst überflüssig zu machen.

„Eine zweistellige Zahl von Inklusionshelfern haben wir beispielsweise in Hattingen in der Realschule Grünstraße. Das hängt damit zusammen, dass diese Schule eine Schwerpunktschule für Inklusion ist“, sagt er. Jedes Kind mit seinen Möglichkeiten annehmen und es fordern, fördern und begleiten – das ist der Ansatz der „Wegbegleiter“.

Deutlich wird an dem Abend aber auch: Die ungeregelte Ausbildungssituation der Inklusionshelfer ist nicht einfach. Ihre Aufgaben auch nicht und sie sind zwar – theoretisch – an allen Schulformen von der Grundschule bis hin zu allen weiterführenden Schulformen vertreten. Praktisch tauchen sie aber an Gymnasien eher selten bis nie auf.

Kontakt zu den Inklusionshelfern gibt es über das Jugend- bzw. das Sozialamt. Oft werden erste Hinweise auf den möglichen Bedarf allerdings auch bereits im Vorschulbereich in der Kindertagesstätte deutlich.

Der Kommentar

Wahnsinn Schulalltag

Irgendwie ist das schon bedrückend: Gab es früher eigentlich nur Nachhilfe und das auch nur, wenn man echt schlecht in der Schule war – so gibt es heute ein ganzes Potpourri von Helfern und Assistenten. Neben der Nachhilfe (die es übrigens heute auch schon bei der guten Leistung gibt, um irgendwelche Qualis zu schaffen) sind es Inklusionsassistenten und Integrationshelfer. Es sind Deutschförderer und Sozialarbeiter und was weiß ich noch alles, um die Kinder und Jugendlichen fit zu machen. Dabei müssen in viel zu großen Klassen mit einer zunehmend nicht-homogenen Schülerschaft und großen kulturellen Unterschieden Lehrer und Co. Schwerstarbeit leisten – nicht (nur) bei der Wissensvermittlung, sondern viel eher bei dem Drumherum. Wir haben eben nicht mehr die fast gleich aufgewachsenen Kinder der Dorfgemeinschaft in einer Klasse, sondern unter Umständen Kinder, die aus fernen Ländern geflüchtet sind und den gewaltsamen Tod des Familienangehörigen erlebt haben. Sie sitzen neben dem Jugendlichen mit emotionalen Defiziten, weil die eigene deutsche Familie es nicht schafft, ihre Probleme mit oder ohne Hilfe zu lösen und Lieblosigkeit, Gewalt oder emotionale Kälte den Alltag bestimmen. Das Drumherum nimmt immer mehr Raum ein, die Wissensvermittlung kann dabei zu einem echten Randthema werden. Immer wieder gibt es Klagen aus Wirtschaft und Politik über die Jugendlichen, die heute weniger Wissen zu haben scheinen als in früheren Zeiten. Vom Ergebnis her sehe ich das auch so – aber das liegt nicht daran, dass die Jugendlichen aus irgendwelchen Gründen dümmer wären. Es liegt daran, dass die Zeit fehlt, ihnen Wissen vernünftig und umfassend zu vermitteln, weil die von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen nicht stimmen. Zu große Klassen, zu wenig Personal – Lehrkräfte und andere Kümmerer, zu schlechte räumliche Bedingungen, zu viel Bürokratie und zu langsame Reaktionen auf aktuelle Entwicklungen – und das sind nur einige Beispiele.

Die Realschule Grünstraße ist eine Schule, die nach oben und unten agieren muss. Nach oben, weil sie ihre Schüler natürlich in die gymnasiale Oberstufe bringen will. Nach unten, weil sie die Gescheiterten aufnehmen muss – jene, die die Erprobungsstufe am Gymnasium nicht geschafft haben. Jene, die eigentlich auf Haupt- oder Förderschule vielleicht besser aufgehoben wären. Doch die eine Schulform haben wir quasi abgeschafft, die andere auf das Abstellgleis geschoben – und teilweise verklausulieren wir bei den bestehenden Schulen noch den Namen, um nur ja nicht das Wort „Hauptschule“ in den Mund nehmen zu müssen. Unterricht unter solchen Bedingungen ist schwierig. Und es ist eigentlich erstaunlich, dass es meistens doch noch irgendwie funktioniert. Doch die Uhr tickt. Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht verbessern, verlieren wir weite Teile der jungen Generation. Und ich befürchte, daran ändern die Wegbegleiter auch nichts – so lobenswert ich das Konzept im Einzelfall auch finde. Traurig ist doch, dass so viele Kinder und Jugendliche Wegbegleiter überhaupt brauchen, um ihren Weg zu finden.

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