Eine Friedensnobelpreisträgerin in Hattingen

Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa im Gespräch mit Martina Przygodda (Kick für Hattingen und RuhrkanalNEWS Redakteur Frank Strohdiek (Foto: RuhrkanalNEWS)

Hattingen- Am Freitagabend (29. Mai 2026) war Irina Scherbakowa in Blankenstein. In der VHS, um genau zu sein. Sie kam auf Einladung der Initiative „Ein KICK für Hattingen“ und des Fördervereins der VHS. Zum einen, um ihr neuestes Buch „Der Schlüssel würde noch passen“ vorzustellen, zum anderen, um sich auch Fragen zur aktuellen Situation in Russland und der Ukraine zu stellen. Die Veranstaltung wurde gefördert durch „Demokratie leben“.

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Trotz des guten Wetters, den hohen Temperaturen und des gerade eröffneten Altstadtfestes waren etwa 90 Zuhörerinnen und Zuhörer gekommen. Damit war der Saal bis auf den letzten Platz belegt. Die Anwesenden erlebten einen Abend, der ihnen stellenweise volle Konzentration abverlangte. Besonders im ersten Teil, als Irina Scherbakowa über ihre eigene Geschichte berichtete und das immer wieder mit der Situation in der damaligen Sowjetunion verknüpfte, merkten alle, wie tief sie im Thema ist und wie stark die Zeit der Entstalinisierung sie bis heute prägt.

Im zweiten Teil stellte sich die Friedensnobelpreisträgerin den Fragen zur aktuellen Lage in Russland und der Ukraine. Auf die Frage, wie es passieren konnte, dass die Menschen, die erst Ende der Achtzigerjahre Freiheit und Demokratie bekommen haben, diese keine dreißig Jahre später ohne nennenswerten Widerstand wieder aufgegeben haben, hatte sie eine knappe und schonungslose Antwort. „Wir haben es nicht geschafft, den Menschen zu vermitteln, wie wertvoll Demokratie ist.“ Es wird in ihren Schilderungen deutlich, dass die Menschen, die gerade aus einer Diktatur gekommen sind, sich kurz darauf wieder nach scheinbar einfachen Lösungen sehnen, die die Demokratie nicht bieten kann, weil es sie meistens nicht gibt.

Voller Saal trotz Hitze und Altstadtfest

Unterbrochen durch kurze Lesungen aus ihrem Buch sind schnell anderthalb Stunden vergangen. Mit einigen längen, aber mit meistens dichten Schilderungen aus dem heutigen Russland und der Diktatur unter Putin. Scherbakowa ist sich ziemlich sicher, dass das Regime den aktuellen Herrscher überleben wird. Sie weiß auch, wohin die politische Situation sich entwickeln wird. „Es gibt ja Gründe, warum wir mit der Menschenrechtsorganisation Memorial daran gehindert wurden, stalinistische Verbrechen zu dokumentieren und Schicksale von Gulag-Insassen aufzuarbeiten“, sagt sie im Gespräch mit RuhrkanalNEWS. 1989 gegründet, wurde Memorial 2021 durch den russischen Staat aufgelöst. Inzwischen ist die Menschenrechtsorganisation in Russland als extremistische Organisation eingestuft. Schon der Versuch einer Kontaktaufnahme gilt dort seitdem als Straftat.

Im letzten Teil der Veranstaltung bekamen die anwesenden Gäste die Chance, ihre persönlichen Fragen zu stellen. Die meisten beschäftigten sich mit der aktuellen Lage unter Putin. Die Antworten zeichneten ein eher düsteres Bild. Zusammenfassen lässt sich sagen, dass eine Person wie Michail Gorbatschow nicht in Sicht ist. Die Demokratie in Russland ist auf absehbare Zeit an eine Diktatur verloren. In Anspielung auf den Titel ihres Buches wurde Scherbakowa abschließend gefragt, wann sie den Schlüssel zu ihrer Wohnung wieder nutzen könne. „Ich würde wahrscheinlich sofort verhaftet, wenn ich nach Russland einreisen würde.“ Was dann mit ihr passieren würde, musste sie nicht weiter erklären. Die Schicksale anderer russischer Menschenrechtler waren den Anwesenden präsent genug. Einige wurden in Lager verschleppt, andere ermordet. Teilweise auf offener Straße.

Zum Abschluss nutzten viel der Anwesenden die Gelegenheit und ließen sich das gerade gekaufte Buch von der Friedensnobelpreisträgerin signieren.

[Transparenzhinweis: RuhrkanalNEWS-Redakteur Frank Strohdiek hat für die Moderation der Veranstaltung kein Honorar bekommen oder anderweitig finanziell von seiner Tätigkeit profitiert.]

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