Hattingen – Ein Altstadtfest lebt nicht nur von Bühnen, Bierwagen und Bands. Es lebt auch von den Wegen dazwischen. Von den kleinen Umwegen, vom zufälligen Stehenbleiben, vom Duft nach etwas Süßem, vom ersten Cocktail im Liegestuhl und von Ecken, die sich über Jahre ihren ganz eigenen Charakter erarbeitet haben.
Eine dieser Ecken war in den vergangenen Jahren die kleine Weilstraße. Oder besser gesagt: der Bereich zwischen Innenstadt und Bunkerbühne. Wer vom Trubel der Altstadt zur Rockbühne am Bunker wollte, kam hier fast automatisch vorbei. Und genau daraus entstand eine besondere kleine Chillzone: Cocktails, Liegestühle, süße Leckereien der Confisserie Harmonie, ein bisschen mediterranes Gefühl mitten im Altstadtfest. Nicht laut, nicht groß, aber anders.
In diesem Jahr ist die Bühne am Bunker aus Kostengründen weggefallen. Damit fehlt nicht nur ein musikalischer Standort. Es fehlt auch der Strom der Menschen, der sonst durch die kleine Waldstraße zog. Und plötzlich zeigt sich, wie sehr ein Fest von seinen Verbindungen lebt.
(Foto: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)

„Ich fühle mich ein bisschen alleine gelassen“
Organisiert wurde diese Ecke von Beate Pfützenreuter, die sich seit Jahren für die Belebung der kleinen Weilstraße einsetzt. Entstanden war die Idee ursprünglich aus einer schwierigen Situation heraus: Vor einigen Jahren hatte eine Baustelle dafür gesorgt, dass die Geschäfte dort kaum noch wahrgenommen wurden. Viele Besucher liefen in die Stadt, bogen in die große Weilstraße ein – und die kleine Weilstraße verschwand aus dem Blick.
„Da haben wir uns von Nettes Hattingen und mit einigen Händlern zusammengetan und gesagt: Sollen wir hier nicht auch zum Altstadtfest einen Cocktailstand machen? Dann beleben wir die Straße wieder“, erzählt Pfützenreuter. Das habe auch funktioniert. „Sehr gut sogar.“
Umso größer ist nun die Enttäuschung, dass die Ecke im offiziellen Blick auf das Altstadtfest kaum vorkommt. „Ich werde immer vergessen. Ich werde nicht ins Altstadtfest eingebunden“, sagt sie. Bei der Pressekonferenz sei die kleine Weilstraße kein Thema gewesen, auch in Programmübersichten habe sie sich nicht wiedergefunden. „Ich fühle mich so ein bisschen alleine gelassen.“
Dabei steckt in dieser Ecke viel private Initiative. Pfützenreuter stellt auf eigene Kosten einen Toilettenwagen zur Verfügung, kümmert sich um Sauberkeit, organisiert Getränke, besondere Angebote und zusätzliche Stände. In diesem Jahr sollte es unter anderem Champagner, Limoncello-Slush und einen Grill geben. Der Holzkohlegrill durfte aus Sicherheitsgründen nicht aufgebaut werden, also wurde umgeplant.
„Man nimmt erst einmal Geld in die Hand, bevor hier überhaupt etwas steht“, sagt sie. „Manchmal verfluche ich es und denke: Warum hast du das wieder getan? Aber eigentlich mache ich das gerne. Ich liebe unsere Stadt.“
(Fotos: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)



Eine Ecke zum Durchatmen
Was dort entstanden ist, war nie als Konkurrenz zu den anderen Angeboten gedacht. Im Gegenteil. Pfützenreuter betont, dass sie bewusst Dinge anbietet, die es nicht überall gibt. „Ich möchte keinem auf die Füße treten und keinem etwas wegnehmen. Ich möchte einfach etwas Besonderes anbieten – so ein Sahnehäubchen dazu.“
Genau das war diese Ecke in den vergangenen Jahren: ein kleiner Kontrast zum großen Festbetrieb. Wer genug vom Gedränge hatte, konnte hier Luft holen, sich setzen, etwas trinken, ein Törtchen essen oder einfach schauen. Die Confisserie Harmonie war mit süßen Angeboten dabei, andere Händler öffneten ihre Türen, stellten Ware nach draußen oder machten zusätzliche Aktionen. Auch die Strandbude hatte in diesem Jahr wieder geöffnet und die Straße mit belebt.
„Ich finde es schön, wenn es belebter ist“, sagt Pfützenreuter. „Die Einzelhändler kämpfen hier. Und ich finde, wir sollten in Hattingen bleiben, zusammen etwas machen und nicht immer nur meckern.“
Der Wegfall der Bunkerbühne verändert mehr als das Programm
Der Wegfall der Bunkerbühne hat deshalb eine Nebenwirkung, die man auf keinem Bühnenplan sieht: Er verändert die Wege der Besucher. Wo früher Menschen automatisch vorbeikamen, muss man heute gezielt hinwollen. Und genau das ist für kleinere Standorte ein Problem.
Abends wurde es zwar auch in der kleinen Weilstraße wieder besser. „Ab 18 Uhr lief es dann“, sagt Pfützenreuter. „Da hatte ich drei gute Stunden und bekomme meine Kosten wieder rein.“ Trotzdem bleibt der Eindruck: Diese Ecke hätte mehr Sichtbarkeit verdient.
Denn gerade solche Orte machen ein Stadtfest interessant. Nicht nur die Hauptbühne zählt. Nicht nur der volle Kirchplatz. Auch die kleinen Zwischenräume gehören dazu. Dort entsteht oft das, was Besucher später weitererzählen: der gute Cocktail, das besondere Törtchen, der Stuhl in der Sonne, das Gespräch mit Menschen, die etwas für ihre Stadt tun.
Nicht nur meckern – mitmachen
Pfützenreuter richtet ihren Blick dabei nicht nur auf Veranstalter und Organisation. Sie spricht auch diejenigen an, die seit Jahren kritisieren, was beim Altstadtfest fehlt oder früher besser war. „Es gibt immer welche, die das Altstadtfest seit 50 Jahren kennen und den mittelalterlichen Markt zurückhaben wollen. Aber die Zeiten sind anders“, sagt sie. Wer etwas verändern wolle, müsse sich einbringen. „Dann tretet in den Verein ein, kommt zur Jahreshauptversammlung, macht mit und bewegt euch.“
Es ist ein klarer Satz, aber kein verbitterter. Denn trotz allem hat Pfützenreuter am Ende viele zufriedene Gesichter gesehen. „Die Menschen, die hier waren, hatten gute Laune. Die haben sich gefreut.“
Vielleicht ist genau das die Lehre aus dieser stilleren Ecke des Altstadtfestes: Eine Stadt lebt nicht von selbst. Auch ein Fest nicht. Es braucht Menschen, die aufbauen, organisieren, Toilettenwagen bezahlen, Gläser vollmachen, Törtchen verkaufen, Stühle hinstellen und trotzdem lächeln.
Und manchmal braucht es auch nur ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für diejenigen, die genau das tun.


























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