Riesiges Photovoltaik-Feld verhindert das Grasen der Kühe

Photovoltaikanlage Sprockhövel: Landwirt Stefan Jacobi vor seiner seit 30 Jahren gepachteten Grünfläche, auf der eine 37.000 qm-große Photovoltaikanlage gebaut werden soll. (Foto: Höffken)

Sprockhövel – In seiner ersten Sitzung nach der Kommunalwahl beriet der Ausschuss für Stadtentwicklung und Denkmalschutz in dieser Woche auch über die Errichtung einer über 37.000 Quadratmeter (= 5,4 Fußballfelder) großen Photovoltaik-Freiflächenanlage mit Batterieenergiespeichersystem auf einer Wiese am Landringhauser Weg am Rande der Bundesautobahn A1. Die geplante neue Anlage wird das grüne Stadtbild an dieser Stelle sichtbar verändern und vielleicht auch die Kuh als Symbol des ländlichen Charakters Sprockhövels zurückdrängen.

ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Landwirt Stefan Jacobi, der über 30 Jahre lang seine Kühe auf der von ihm gepachteten Wiese grasen ließ, befürchtet gravierende Einbrüche auf seine Kuhhaltung, die sich existenzgefährdend für seinen Milchviehbetrieb auswirken könnte, da ihm keine Ausgleichsflächen für seine Kühe in Aussicht gestellt wurden. „Kann man Strom essen“, fragt der Landwirt, der im Pressegespräch an die inzwischen immer weniger werdenden Milchviehbetriebe in Sprockhövel erinnert.

In diesen Tagen des Vorfrühlings herrscht reger Fußgängerbetrieb am Landringhauser Weg. Viele Spaziergänger, teils mit Kindern und Hunden, genießen die herrliche Natur und den weiten Ausblick auf die Grünflächen und auf das Stadtgebiet von Gevelsberg. Dieser Ausblick auf eine herrlich grüne Landschaft könnte sich demnächst ändern.

Kühe grasen hier seit über 30 Jahren

Denn der Verwaltung liegt eine Bauvoranfrage zur Errichtung einer Photovoltaik-Freiflächenanlage mit
Batterieenergiespeichersystem für die landwirtschaftliche Fläche am Landringhauser Weg, parallel zur Autobahn A1 auf Höhe der Brücke Klosterholz vor. Das Grundstück befindet sich derzeit in einer
landwirtschaftlichen Nutzung. Landwirt Stefan Jacobi hat die Kündigung seines Pachtvertrages für diese Wiese erhalten, auf der jahrelang seine Kühe grasen konnten.

Photovoltaik-Freiflächenanlage mit Batterieenergiespeichersystem am Landringhauser Weg an der A1. (Plan: Stadt Sprockhövel, Foto: Höffken)

37.700 Quadratmeter Photovoltaikmodule auf einer Wiese

Ein „Vorhabenträger“ beabsichtigt auf dem Grundstück eine Freiflächenphotovoltaikanlage mit insgesamt 7.506 PV-Modulen à 720 Watt-Peak (Wp) mit einer Leistung von insgesamt ca. 5,40 Megawatt-Peak (MWp) zu errichten. Die Gesamtanlage beläuft sich flächenmäßig auf ca. 3,77 ha, das entspricht einer Fläche von 37.700 Quadratmetern oder der Fläche von 5,4 Standard Fußballfeldern.

Auf dieser großen Fläche sollen demnächst Photovoltaikmodule auf Modultischen mit einer Unterkonstruktion im Gelände montiert werden. Das Landschaftsbild wird sich dadurch ändern. Das Batteriespeichersystem umfasst insgesamt 4 Batteriespeichercontainer mit entsprechender Technik. Die Anlagen sind südöstlich entlang der Autobahn vorgesehen und erreichen eine maximale Höhe von ca. 4,38 m über Gelände.

Ausschuss: Kann man die Module nicht anders aufstellen?

Die Mitglieder des städtischen Ausschusses hinterfragten bei der Verwaltung eine andere Form der Aufstellung der Module, bei denen ggfs. auch noch eine landwirtschaftliche Nutzung möglich sei. Das verneinte allerdings die Verwaltung.

„Wir sind dagegen“, sagte Anwohnerin Ulla im Pressegespräch am Landringhauser Weg, die eine Verschandelung der Landschaft auf viele Jahre hin befürchtet. Ein anderer Spaziergänger bewerte das Vorhaben unter Berücksichtigung des Energiebedarfs und einer Kosten-Nutzen-Analyse nicht so kritisch.

Die Erschließung der neuen Anlage erfolgt über einen 3,00 m breiten Wirtschaftsweg abgehend vom Landringhauser Weg, welcher südlich in einem Wendehammer enden soll. Des Weiteren ist es vorgesehen, die gesamte Anlage mit einem 2,50 m hohen Zaun einzufrieden. Die in der Anlage gewonnene elektrische Energie soll mittels Erdkabel zum nächstgelegenen Netzanschlusspunkt transportiert und dort eingespeist werden. Zum derzeitigen Zeitpunkt ist hierzu die Umspannstation der AVU Netz GmbH an der Flurstraße in Gevelsberg vorgesehen.

Im Flächennutzungsplan der Stadt Sprockhövel ist der Bereich als Fläche für die Landwirtschaft dargestellt. Das Vorhaben erfüllt laut Vorlage der Stadtverwaltung die gesetzlichen Anforderungen des BauGB und ist als privilegiertes Vorhaben im Außenbereich einzustufen. Die Fachbehörden, insbesondere der Ennepe-Ruhr- Kreis, die Bundes-Autobahn GmbH, der Landesbetrieb Wald und Holz.NRW und die Landwirtschaftskammer NRW wurden im Verfahren beteiligt. Seitens des Landesbetriebes Wald und Holz.NRW wurde keine Betroffenheit geäußert.

Landwirtschaftskammer ist gegen das Vorhaben

Die Landwirtschaftskammer hat Bedenken geäußert und das Vorhaben abgelehnt mit der Begründung, dass bevor landwirtschaftliche Flächen mit Freiflächenphotovoltaik bebaut werden,
vorrangig Konversions- und Deponieflächen, Parkplätze, Hausdächer oder Industrieanlagen sowie
Wasserrückhaltebecken genutzt werden sollten. Bezüglich der Bedenken der Landwirtschaftskammer schreibt die Verwaltung, dass die o.g. Flächen in der Größenordnung von 37.700 Quadratmetern im Stadtgebiet nicht zur Verfügung stehen.

Mit der Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und den darin für 2030 formulierten Ausbauzielen wurde zudem das überragende öffentlichen Interesse des EE-Ausbaus vom Gesetzgeber klar definiert und entsprechend im BauGB verankert. Die Belange des EEG sind daher in diesem Fall denen der Landwirtschaftskammer NRW vorzuziehen, so die Stadtverwaltung.

Die Untere Naturschutzbehörde führt aus, dass gemäß den aktuellen gesetzlichen Regelungen Photovoltaikanlagen in einem definierten Abstand zu Autobahnen grundsätzlich privilegiert sind, auch wenn sie innerhalb eines Landschaftsschutzgebietes errichtet werden. Weitergehende Prüfungen wurden auch hinsichtlich eines Schall- und Blendgutachtens vorgenommen. Die Verwaltung beabsichtigt, vorbehaltlich der Zustimmung der Unteren Naturschutzbehörde des Ennepe-Ruhr-Kreises und der Bundesautobahn GmbH, den Bauvorbescheid zu erteilen.

Geld in die Stadtkasse

Und noch einen Vorteil sieht die Stadtverwaltung: Bei Freiflächenanlagen dürfen den betroffenen Gemeinden vom Anlagenbetreiber gemäß § 6 EEG Beträge von insgesamt 0,2 Cent pro Kilowattstunde für die tatsächlich eingespeiste Strommenge angeboten werden. Der Ausschuss befürwortete, diese Regelung vertraglich zu vereinbaren und stimmte dann dem Vorhaben einstimmig zu.

Landwirt Jacobi ist dagegen

Landwirt Jacobi spricht sich gegen die geplante riesige Photovoltaikmodulanlage auf seiner noch gepachteten Wiese aus. Er vertritt die Ansicht, dass es im Stadtgebiet noch zahlreiche ungenutzte Flächen auf Baukörpern gibt, auf denen eine Installation erfolgen könnte. Da er keine Möglichkeit sieht, entsprechende Ausgleichsfläche für seine Kühe zum Grasen zu erhalten, befürchtet er, sich von einem Teil seiner 80 Milchkühe „trennen“ zu müssen.

Bauernhof Jacobi: Auch rund 180 Kälber, Rinder und Kühe betreut Stefan Jacobi auf seinem riesigen Areal. (Foto: Höffken)

Mit einer reduzierten Anzahl der Milchkühe wird gleichzeitig die Wirtschaftlichkeit seines landwirtschaftlichen Betriebes gefährdet. „Da werden wir wahrscheinlich in Zukunft die ausgestellten Kühe als Symbol für Sprockhövel demontieren müssen, denn wenn die noch wenigen Milchbetriebe immer mehr reduziert werden, verliert die Sprockhöveler Kuh an Symbolkraft“, so der Landwirt. Sollten sich dann die immer weniger werdenden Milchviehbetriebe weiterhin reduzieren, ist zu befürchten, dass die „Wiege des Bergbaus“ nicht mehr wie bisher auf die Landwirtschaft im ländlich geprägten Sprockhövel trifft, sondern auf andere Symbole, wie auf eine riesige Photovoltaik-Freiflächenanlage.

WERBUNG
WERBUNG
WERBUNG
WERBUNG
WERBUNG
WERBUNG
WERBUNG
WERBUNG
WERBUNG
WERBUNG
WERBUNG
WERBUNG

2 Kommentare zu "Riesiges Photovoltaik-Feld verhindert das Grasen der Kühe"

  1. Können die Kühe nicht unter und neben den Photovoltaikmodulanlage grasen oder geht es gar nicht darum, sondern vielleicht um finanzielle Unterstützung? #MerzBauernrevolution

  2. Man kann nicht alles haben…….
    Wenn ich eine Wiese für die Kühe pachte, muss ich immer davon ausgehen das der Pachtvertrag aufgekündigt wird, aus welchem Grund auch immer.
    Man kann sich nicht darauf verlassen, muss also immer ein Alternative vorhalten.
    Als großer Fan von PV Anlage finde ich aber diese Freiflächenanlagen schon sehr störend, da wächst nicht mehr viel drunter. Viel besser wäre es all die ungenutzten Supermarktparkplätze, Firmeparkplätze usw mit PV zu bestücken. Win win für alle Parteien, Auto schattig, weniger Schnee oder Regen, dazu noch billigen Strom

Schreibe eine Antwort zu Martin WagnerAntwort abbrechen