Hattingen – Gut ein Dutzend Zuschauer hatten am Dienstagabend den Weg ins Stadtmuseum nach Blankenstein gefunden – und sich auch vom Begriff „Faire Woche“ nicht abschrecken lassen. Wer einen Abend mit erhobenem Zeigefinger, Moralpredigt und schlechtem Gewissen erwartet hatte, lag gründlich daneben.
Schauspieler Peter Trabner machte aus „Das Leben des Diogenes. Alles für die Tonne“ vor allem eines: gute Unterhaltung. Schnell, improvisiert, manchmal herrlich albern und immer wieder mit Momenten, deren eigentlicher Tiefgang sich erst ein wenig später bemerkbar machte.
Im Mittelpunkt stand Diogenes von Sinope, jener antike Philosoph, der Besitz, gesellschaftlichen Status und Überfluss radikal infrage stellte. Bei Trabner allerdings lebte Diogenes nicht einfach vor mehr als 2.000 Jahren. Die Zeiten gerieten munter durcheinander.
Da prägten die Eltern ihr eigenes Geld, bestellten pausenlos beim großen Onlinehändler und schickten noch schnell die allerletzte Bestellung ab, bevor der Handyakku leer war. Smartphones, soziale Medien, Markenklamotten, Kaffeevollautomaten und Konsumrausch fanden ganz selbstverständlich ihren Platz im antiken Griechenland. Gerade diese absurden Zeitsprünge machten deutlich, wie wenig sich manche Fragen verändert haben.
Was brauchen wir eigentlich wirklich?
Diogenes hatte darauf eine ziemlich radikale Antwort. Er verzichtete auf Besitz und lebte der Überlieferung nach in einem großen Tongefäß. Trabner machte daraus passend zur Gegenwart eine 240-Liter-Mülltonne.
Interessant war dabei auch der Ort, an dem Diogenes seine Tonne aufgestellt haben soll: zwischen Rathaus und Marktplatz. Auf der einen Seite das Zentrum von Regeln, Gesetzen und Macht, auf der anderen der Ort des Handels, Kaufens und Verkaufens. Und mittendrin einer, der genau diese Ordnung infrage stellte und fragte, ob das alles wirklich nötig ist.
Diogenes philosophierte nicht in den vornehmen Säulenhallen für eine kleine gebildete Elite. Er ging auf die Straße. Er war laut, unbequem und anders. Heute wäre er vielleicht einer von denen, die schon durch ihr Aussehen auffallen, lange Haare tragen, bunt herumlaufen und bewusst nicht dazugehören wollen. Einer, an dem man sich reibt.
„Das Leben des Diogenes. Alles für die Tonne“ (Fotos: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)
Genau daraus machte Trabner Mitmachtheater.
Die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum verschwand ziemlich schnell. Besucher wurden kurzerhand zu Diogenes’ Eltern, zu Marktbesuchern oder zum Chor des antiken Theaters. Auf Schilder und Zuruf wurde gemeinsam „Aaaah“ und „Ooooh“ gerufen, applaudiert, gespielt und improvisiert. Wer gekommen war, um sich gemütlich zurückzulehnen und Theater nur anzuschauen, konnte plötzlich selbst Teil davon sein.
Trabner spielte dabei ständig mit seinem Publikum und mit sich selbst. Mal erklärte er historische Hintergründe, Sekunden später landete er bei Amazon, Instagram, Plastikverpackungen oder dem Aufwand, der nötig ist, damit am Ende eine einzige Mahlzeit auf dem Tisch steht.
Und genau darin lag die Stärke des Abends.
Es gab keine Moralpredigt darüber, was man kaufen darf und worauf man künftig verzichten soll. Stattdessen wurde gelacht. Viel sogar. Und während man noch über einen völlig absurden Gedanken lachte, stellte sich manchmal etwas später die Frage ein: Moment mal – was ist da gerade eigentlich passiert?
Vielleicht war das sogar ziemlich nah an Diogenes.
Nicht belehren, sondern stören. Gewohnheiten durcheinanderbringen. Dinge, die selbstverständlich erscheinen, plötzlich aus einer anderen Richtung betrachten. Und dabei ruhig auch Spaß haben.
Die Aufführung im Stadtmuseum war eine gemeinsame Veranstaltung der Fair-Trade-Gruppe Hattingen, der Volkshochschule und des Bürgerzentrums im Rahmen der Fairen Woche. Der Eintritt war frei, am Ende ging der Hut für den Künstler herum.
Wer an diesem Abend gekommen war, bekam keine fertigen Antworten mit nach Hause. Dafür aber einige Fragen.
Und die dürften länger halten als ein vollgeladener Handyakku.





























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