DIE PSYCHISCHEN AUSWIRKUNGEN DER CORONA-PANDEMIE

Der Elterntreff beschäftigt sich mit Erziehungsfragen (Symbolfoto: Pielorz)

Hattingen- Nach der Sommerpause geht es beim Elterntreff um ein brandaktuelles Thema. Wie erleben Kinder und Jugendliche die Veränderungen, die durch die Corona-Pandemie entstanden sind? Welche Folgen haben die Erfahrungen für die Kleinen und Kleinsten in der Gesellschaft? Diesen Fragen gehen Michaela Schraven und Kathrin Seibel-Schreck, von der Erziehungsberatungsstelle nach.

Stress, Einsamkeit und Wut haben in der Corona-Pandemie stark zugenommen. Vor allem bei den Frauen ist das laut erster Studien der Fall. Dies läge, so Kathrin Seibel-Schreck, im Ergebnis an den zahlreichen Doppelbelastungen der Frauen. Auch jüngere Menschen sind stark betroffen. Um hier entgegenzuwirken, ist das Aufrechterhalten des persönlichen Kontaktes wichtig. Sport, aber auch grundsätzlich das Schaffen und Aufrechterhalten der alltäglichen Strukturen ist eine Maßnahme, um das Gefühl der Ohnmacht nicht übermächtig werden zu lassen. „Dabei ist der Stress, den wir in der Situation erleben, nicht immer nur negativ. Betrachtet man den Stress in Abhängigkeit zur Evolution, so sichert Stress auch das Überleben. Menschen sind in der Lage, sich auf Veränderungen einzustellen. Sie brauchen dazu aber einen sicheren Hafen und dies gilt vor allem auch für Kinder.“

Die Dauer der Pandemie wird zunehmend zur Belastung. Dies gilt auch für die Kontaktbeschränkungen. „Das, was wir brauchen, das durften wir lange Zeit nicht. Das war das Treffen mit Freunden und mit Familienangehörigen.“ In vielen Bereichen ist auch die finanzielle Unsicherheit belastend. Hinzu kommt die Flut von Informationen, die zum einen notwendig ist, um sich zu informieren. Andererseits machen viele Informationen auch Angst und führen erneut zu Stress. In der Corona-Pandemie fehlen viele Rituale, die Sicherheit geben und zu bestimmten Lebensabschnitten dazugehören. Das ist beispielsweise die Einschulungsfeier oder die Verabschiedung vom Kindergarten. Viele Kinder haben das nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten erlebt. Die eigene Persönlichkeit ist selbstverständlich aber auch entscheidend. „Viele Menschen neigen zu Grübeleien. In einer außergewöhnlichen Situation wie der Pandemie kann das verstärkt Angst auslösen.“ Beengte Wohnverhältnisse sind ein weiterer Faktor, der in einer Pandemie besonders belastet.

Kinder und Jugendliche sind in großem Maße von der Pandemie betroffen. Ihre Abhängigkeit von den Erwachsenen und den sie umgebenden Strukturen ist groß. Sie sind das schwächste Glied in der Gesellschaft und können sich selbst oft kaum helfen. Forschungsergebnisse zeigen, dass die Ängste bei Kindern deutlich zugenommen haben. Eltern erleben bei Kindern oft psychosomatische Faktoren. Sie erleben ihr Kind in Verhaltensweisen, die sie vorher so nicht kannten. Viele Kinder berichten in Studien, dass sie ihr Leben einfach „als nicht mehr schön“ empfinden – Tendenz steigend. Auch das Lernen und die Schule – die immerhin einen großen Teil des Alltags im Leben der Kinder ausmachen – werden als anstrengender empfunden. Dies gilt auch für die Zeiten, als die Schule schließen musste und die Kinder im Homeschooling waren. Die Zunahme der Digitalisierung wird als Problem ebenso thematisiert wie ungesunde Ernährungsgewohnheiten. Das Wegbrechen des gemeinsamen Lernens, der Wegfall von Fördermöglichkeiten in persönlichen Kontakten – all das wird als belastend empfunden. Familien berichten über mehr Streit. Für viele Kinder war auch die Sorge um Familienmitglieder von zentraler Bedeutung. Beispielsweise im Hinblick auf die Ansteckungsgefahr oder die Erkrankung von Großeltern. Die Belastung auf der einen Seite ist groß, auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie man die belastende Situation bewältigen kann.

Wichtig ist, dass man diesem negativen Stress nicht hilflos ausgesetzt ist. Man kann etwas dagegen tun – als Jugendlicher oder Erwachsener. Oder im Hinblick auf die Kinder diesen dabei helfen. Ein achtsamer Umgang miteinander, das Zulassen von Fehlern, all das ist in der belastenden Situation der Pandemie umso wichtiger geworden. Die Pandemie hat aber auch in besonderem Maße zum Nachdenken angeregt. Was ist wirklich wichtig? Was will ich? Die Chance auf eine bewusste Entscheidung für das, was mir wichtig ist, sollte man nutzen.

Manchmal hilft es aber auch einfach, eine Situation mit Humor zu nehmen und das Beste aus der Sache zu machen. Das ist oft leichter gesagt als umgesetzt. Doch die eigene Widerstandskraft kann man trainieren.

Exkurs: Resilienz – was die Seele stark machen kann
(mit Dr. med. Willi Martmöller, Facharzt für Allgemeinmedizin, Psychotherapie (Tiefenpsychologie)

Stress, Krisen und Schicksalsschläge gehören zum Leben. Der Mensch ist ihnen jedoch nicht ausgeliefert, sondern kann seine eigene seelische Widerstandskraft trainieren. Das nennt man Resilienz. Es gibt allerdings Grenzen, die man erkennen muss“, erklärt Dr. Willi Martmöller. „Als Pionier der psychologischen Resilienzforschung gilt die US-Amerikanerin Emmy Werner, die rund 700 im Jahr 1955 geborene Kinder aus schwierigen Verhältnissen auf der Hawaii-Insel Kaua‘i begleitete. Trotz schwieriger Umstände wuchs ein Teil dieser Kinder zu gesunden Erwachsenen heran. Ihnen war gemeinsam, dass sie eine liebevolle Bezugsperson hatten, die sie unterstützte. Verletzlich, aber unbesiegbar, so hat Werner diese Menschen beschrieben. Für die modernen Neurowissenschaftler gilt: Resilienz ist erlernbar (Kalisch). Sie ist aber kein passives Schutzschild, sondern bedeutet aktives Handeln. Wesentlich ist ein beschütztes Umfeld, auf das ein Kind zurückgreifen kann, und ein Klima, in dem sich dynamische Anpassungs- und Entwicklungsprozesse vollziehen können. Resilienz kann sich auch in einer bestimmten Situation entwickeln. Studien haben gezeigt, dass Kinder, die in einem konflikthaften Elternhaus aufwuchsen, in ihrer schulischen Kompetenz widerstandsfähig waren, in ihrer sozialen Kompetenz aber verletzlich blieben. Auch ein Erwachsener kann Resilienz lernen. Man(n) ist allerdings nicht automatisch in Drachenblut gebadet, wenn man einmal in einer schwierigen Situation Resilienz bewiesen hat. Die psychische Widerstandsfähigkeit oder Bewältigungskompetenz kann zeitlich begrenzt sein und wird nicht in allen Lebensbereichen in gleichem Maße sichtbar“
1. Akzeptanz
Krisen sind schmerzhaft, aber sie dürfen nicht lähmen. Sie müssen erkannt und angenommen werden.
2. Optimismus
Sorgen Sie für positive Gefühle und machen Sie sich bewusst, dass Krisen zeitlich begrenzt sind und aus ihnen Positives entstehen kann.
3. Selbstwirksamkeit
Lernen Sie sich und Ihre Stärken kennen und glauben Sie an sich selbst!
4. Eigenverantwortung
Übernehmen Sie Verantwortung für Ihr Leben und tragen Sie die Konsequenzen für Entscheidungen.
5. Netzwerkorientierung
Suchen Sie sich eine psychologische „Familie“ und schaffen Sie für sich selbst ein soziales Netzwerk.
6. Lösungsorientierung
Blicken Sie nach vorn und machen Sie sich bewusst, was Sie im Leben bereits geschafft haben.
7. Zukunftsorientierung
Planen Sie Ihre Zukunft mit klaren, aber nicht unveränderlichen Zielen. Menschen wie Samuel Koch oder Natascha Kampusch sind Beispiele für die Überzeugung, ein Leben nach einem schweren Schicksalsschlag aus eigener Kraft wieder meistern zu können. Gelingt Ihnen diese Selbstwirksamkeit nicht, suchen Sie sich bei Fachleuten Hilfe im Gespräch. (aus: IMAGE, Oktober 2020)

Kontakt: Erziehungsberatungsstelle der Stadt Hattingen, Bahnhofstraße 48 und 51, 45525 Hattingen, Telefon 02324/24306

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