BETREUTES WOHNEN IN CORONAZEITEN

Caritas-Mitarbeiterin Regina Schütze fängt ihre Klientin Sabine B. immer wieder mit ihren regelmäßigen Besuchen im Ambulant Betreuten Wohnen auf (Foto: Patrizia Labus)

Hattingen- Wenn Angst das Leben beherrscht, dann ist sogar der Gang vor die Tür eine Herausforderung. Die Hattingerin Sabine B. kennt dieses Gefühl – unabhängig von Corona und der damit oft zusammenhängenden Ängste und Sorgen. Sie lebt seit Jahren mit einer Angststörung. Das Ambulant Betreute Wohnen der Caritas Ennepe-Ruhr hat sie aufgefangen, als keiner da war. Insbesondere in der Pandemie und der damit verbundenen Isolation.

„Kommen Sie ruhig rein“, sagt Sabine B. freundlich an der Tür und bittet uns zum Gespräch in ihre Wohnung. Gemütlich ist es: Deko auf den Fensterbänken und Regalen, auf der Couch macht es sich gerade die Hündin der 53-Jährigen bequem. Dass sie fremde Menschen in ihre vier Wände lässt, das ist nicht selbstverständlich. Und das war nicht immer so.

Angst beherrscht den Alltag der Hattingerin. „Wenn ich eine Panikattacke habe, dann verspüre ich regelrecht Todesangst. Viele können es nicht nachvollziehen, was es bedeutet, eine Angststörung zu haben. Ich kann das nicht steuern. Wenn die Panik kommt, dann habe ich Angst zu sterben, mein Puls rast und ich bekomme keine Luft mehr. Ich will dann einfach weg, raus aus der Situation, in der ich mich gerade befinde“, versucht Sabine das Gefühl zu beschreiben. Die Panikattacken sind vergleichsweise selten, aber was ihren Alltag beherrscht, ist die Angst vor der Angst. „Aus Sorge, ich könnte wieder eine Panikattacke bekommen, traute ich mich nicht mehr vor die Tür.“

Schon als Jugendliche hatte sie nach dem Tod ihres Vaters und dem Rauswurf von Zuhause ihre erste Panikattacke, die Wochen anhielt, mal schlimmer, mal weniger schlimm. „Ich aß nichts mehr, am Ende wog ich nur noch 47 Kilo. Damals wohnte ich bei meinen Großeltern, die mich aufgenommen haben. Irgendwie kam ich aus dieser Angstspirale alleine wieder raus. An Hilfe war nicht zu denken, zu dieser Zeit gab es gar kein Bewusstsein für Angsterkrankungen, geschweige denn ein Hilfesystem“, erzählt Sabine aus ihrer Erinnerung. Regina Schütze nickt zustimmend. Die Caritas-Mitarbeiterin ist ihre Betreuerin im Ambulant Betreuten Wohnen. Seit 2016 nimmt Sabine diese Hilfe einmal pro Woche in Anspruch und ist heilfroh darüber. „Wir helfen Menschen mit psychischen Erkrankungen oder auch Suchterkrankungen in den eigenen vier Wänden. Dort spielt sich vieles ab. Viele unserer Klienten trauen sich nicht mehr unter Menschen, nehmen am sozialen Leben nicht mehr teil“, erklärt Regina Schütze das Angebot der Caritas. Durch die Lockdowns und die dadurch verursachte Isolation hat sich die Situation vieler Betroffener noch verschärft.

Corona ist herber Rückschlag für viele psychisch Erkrankte

„Corona und die damit verbundenen Einschränkungen waren für Sabine und für viele andere mit psychischen Erkrankungen ein herber Rückschlag. Gruppenangebote können entweder gar nicht oder nur sehr reduziert stattfinden. Freizeitangebote müssen ausfallen“, erklärt Regina Schütze. Für Sabine fielen drei feste Termine in der Woche weg: Selbsthilfegruppe, Trommelkurs und Psychotherapie. Letztere kann sie inzwischen zwar telefonisch wahrnehmen, aber das ersetze nicht den persönlichen Austausch. Was bleibt, ist der wöchentliche Besuch von Regina Schütze. „„Ich säße heut nicht hier, wenn das Ambulant Betreute Wohnen nicht wäre“, sagt die 53-Jährige ganz klar. „Die Caritas-Mitarbeiterinnen fangen da Dinge auf, für die sie eigentlich gar keine Arme haben“. „Viele unsere Klienten sehen morgens gar keinen Grund, aufzustehen und sich fertig zu machen, weil die motivierenden und strukturierenden Angebote weitestgehend ausgesetzt wurden“, beschreibt die Betreuerin die aktuelle Situation.

Caritas-Kampagne nimmt Corona-Situation in den Fokus

Wie im Brennglas zeigt Corona: Die Lebensrealitäten in Deutschland sind grundverschieden, die Spaltung der Gesellschaft nimmt zu. Das ist auch Ausgangspunkt der Caritas-Jahreskampagne #DasMachenWirGemeinsam. Mit unterschiedlichen Angeboten möchte die Caritas Deutschland die Solidarität in der Gesellschaft in den Fokus rücken und fragt sich: Wo stehen wir nach dem Corona-Jahr 2020? Was haben wir gelernt? Was muss sich ändern und was kann jede und jeder Einzelne tun?

„Wir als Caritasverband waren uns in der Pandemie unserer besonderen Verantwortung bewusst“, sagt Dominik Spanke, Direktor der Caritas Ennepe-Ruhr. „Zwar haben wir schnell auf Online-Beratungsangebote umgestellt, aber auch realisiert, dass diese einen persönlichen Kontakt nicht ersetzen. So wurden in allen unseren Arbeitsbereichen – von der Suchthilfe über die Kinder- und Familienhilfe bis hin zur Hilfe für Psychisch Erkrankte – schnell Möglichkeiten geschaffen, um Beratungstreffen wieder „live“ stattfinden zu lassen.“

Sabine ist dankbar, dass sie mit dem Ambulant Betreuten Wohnen weiter versuchen kann, ihre Angst immer mehr in den Griff zu bekommen. „Corona und die durch die Medienberichterstattung noch verstärkte Angst davor haben es mir natürlich erst schwer gemacht.“ Aber Gespräche mit ihrer Schwester und mit ihrem Hausarzt haben ihr dabei geholfen, die Pandemie mit der gebotenen Vorsicht, aber ohne Panik zu sehen. Noch mehr in den eigenen vier Wänden festzusitzen aufgrund der Corona-Auflagen, das steckt die Hattingerin mittlerweile recht gut weg. „Aber viele, die mich vorher nicht verstehen konnten, begreifen jetzt etwas mehr, wie ich mich fühle: Nun wird ihnen von oben vorgeschrieben, zu Hause zu bleiben. Mir hat meine Angst jahrelang vorgeschrieben, nicht das Haus zu verlassen.“ Aber Sabine kämpft sich mit Hilfe ihrer Betreuerin weiter zurück in ihr Leben. Ihr Ziel: Wieder teilnehmen am gesellschaftlichen Leben und „wieder ein bisschen mehr ich selbst sein“.

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