Zwischen Straße, Bühne und Erinnerung

"Realität und Fiktion" Gudrun Kemsa, Gudrun Schwarzer-Jourgens, Martina Sauter und Bärbel Möllmann (Foto: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)
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Hattingen –Was ist Wirklichkeit? Was ist Inszenierung? Und ab wann beginnt ein Foto, mehr zu erzählen als den einen Moment, den es scheinbar festhält? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die neue Ausstellung „Realität und Fiktion“ im Stadtmuseum Hattingen. Gezeigt werden Arbeiten der Fotokünstlerinnen Gudrun Kemsa und Martina Sauter – zwei sehr unterschiedliche Positionen, die dennoch auf spannende Weise miteinander ins Gespräch kommen.

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Zur Eröffnung begrüßte der stellvertretende Bürgermeister Rainer Sommer die Besucherinnen und Besucher im Stadtmuseum. Er verwies darauf, dass Bilder unseren Alltag heute stärker prägen denn je – in der Presse, im Fernsehen, in den sozialen Medien und nicht zuletzt in der Art, wie wir Welt wahrnehmen. Die Arbeiten von Gudrun Kemsa und Martina Sauter lieferten dabei keine einfachen Antworten, sondern stellten Fragen: nach Wahrnehmung, nach Wirklichkeit und danach, wie sehr Bilder unsere Vorstellung von Realität formen.

Auch Museumsleiterin Gudrun Schwarzer-Jourgens hob die unterschiedlichen Herangehensweisen der beiden Künstlerinnen hervor. Kemsa richte ihren Blick auf urbane Räume, Architektur, Bewegung und die Dynamik öffentlicher Orte. Sauter entwickle dagegen erzählerische Bildwelten, die zwischen Inszenierung und Erinnerung angesiedelt seien. Gemeinsam entstehe so ein Dialog über Wahrnehmung, Konstruktion und Imagination.

„Realität und Fiktion“ (Fotos: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)

New York als große Bühne

Gudrun Kemsa zeigt in Hattingen vor allem Arbeiten aus New York. Ihre Fotografien führen in den urbanen Raum, auf Straßen, vor Fassaden, in U-Bahn-Stationen. Besonders auffällig ist ihre klare, frontale Bildsprache. Viele Motive wirken flach, fast bühnenhaft. Perspektive tritt zurück, Ebenen verschieben sich. Menschen stehen oder gehen vor Hausfassaden, Schaufenstern und Lichtflächen – und plötzlich ist nicht mehr ganz eindeutig, was Vordergrund ist und was Hintergrund, wer Passant ist und wer Teil einer inszenierten Fläche zu sein scheint.

Gerade darin liegt der Reiz dieser Arbeiten. Kemsa fotografiert nicht das spektakuläre New York der Postkarten. Sie interessiert sich für Menschen im Rhythmus der Stadt, für Schatten, Licht, Fassaden und die kleinen Geschichten, die sich im öffentlichen Raum abspielen. In ihren Bildern verschmelzen Architektur und Bewegung, Stadt und Mensch, Dokumentation und Theater.

Besonders eindrucksvoll sind die Panoramaarbeiten aus der St -Penn Station in Manhattan. Der riesige Bahnhof, einer der großen Verkehrsknotenpunkte New Yorks, wird bei Kemsa zur Bühne. Auf mehreren Ebenen stehen und gehen Menschen, warten, schauen, sprechen miteinander oder sind ganz bei sich. Jede Figur scheint ihren Platz zu haben – fast so, als sei sie dort bewusst drapiert worden. Und doch sind es Augenblicke des Alltags, festgehalten in einem Raum, in dem täglich unzählige Geschichten aneinander vorbeiziehen.

Kemsa erzählte im Künstlergespräch, dass sie New York seit den 1980er Jahren immer wieder besucht und beobachtet. Die gezeigten Arbeiten entstanden über einen Zeitraum von rund zehn Jahren. 2019, als ein Hurrikan vor der Stadt stand und kaum Sonne zu sehen war, verlagerte sie ihren Blick nach unten – in die Subway, in die Bahnhöfe, in die Tiefe der Stadt. Dort interessierten sie besonders die Menschen: ihre Unterschiedlichkeit, ihre Herkunft, ihre Körperhaltungen, ihre kleinen Gesten.

„Realität und Fiktion“ (Fotos: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)

Wenn Bilder Räume öffnen

Martina Sauter arbeitet ganz anders – und doch kreist auch ihre Fotografie um Räume, um Bühnen und um die Frage, was sichtbar ist und was nur angedeutet wird. Ihre Arbeiten entstehen aus mehreren Bildebenen. Fotografien von Innenräumen, Details, Türen, Wänden oder Interieurs treffen auf Motive aus Filmen oder Fernsehserien. Diese Ebenen werden nicht einfach nebeneinandergelegt, sondern räumlich verschoben und miteinander verbunden.

Dadurch entsteht ein spannender Effekt: Man sieht ein Bild – und merkt beim zweiten Blick, dass es aus mehreren Wirklichkeiten besteht. Eine unscharfe Ebene liegt im Hintergrund, eine andere tritt schärfer hervor. Ein Raum scheint vertraut und zugleich fremd. Eine Figur wirkt anwesend, obwohl sie aus einem ganz anderen Zusammenhang stammt. Erinnerung, Film, privater Raum und fotografische Konstruktion überlagern sich.

Sauter erklärte im Gespräch, dass sie sich schon lange für Innenräume interessiert. Sie stellte sich die Frage, ob ein eingerichteter Raum etwas über den Menschen erzählt, der darin lebt. Wie kann jemand anwesend sein, ohne direkt sichtbar zu werden? Ein Schatten, eine Tür, eine Lichtstimmung oder eine Spur im Raum können bereits genügen, um eine Geschichte anzudeuten.

Für ihre Arbeiten fotografierte Sauter zunächst private Räume, später auch Szenen aus Filmen und Fernsehserien direkt vom Bildschirm. Diese Bilder wurden für sie zu einer Art Skizzenbuch. Besonders interessant wurde es dort, wo eigene Fotografien und filmische Erinnerungsbilder aufeinandertrafen. So entstehen Arbeiten, die nicht nur flächige Collagen sind, sondern kleine fotografische Räume. Wer sich vor ihnen bewegt, entdeckt Verschiebungen, Brüche und neue Zusammenhänge.

Realität oder Fiktion? Vielleicht beides

Der Titel der Ausstellung ist gut gewählt. Denn bei beiden Künstlerinnen geht es nicht darum, Wirklichkeit einfach abzubilden. Gudrun Kemsa findet im realen Stadtraum Momente, die wie inszeniert wirken. Martina Sauter setzt inszenierte, erinnerte und fotografierte Räume so zusammen, dass sie eine neue Wirklichkeit erzeugen.

Bei Kemsa ist die Stadt die Bühne. Bei Sauter wird das Bild selbst zur Bühne. Beide Arbeiten fordern den Betrachter auf, genauer hinzusehen. Nicht alles erschließt sich sofort. Manche Bilder wirken zunächst kühl oder streng komponiert. Doch wer sich Zeit nimmt, entdeckt feine Verschiebungen, kleine Geschichten und die Frage, wie zuverlässig das eigene Sehen eigentlich ist.

So ist „Realität und Fiktion“ keine Ausstellung für den schnellen Vorbeigang. Sie lebt vom zweiten Blick. Von der Irritation. Von der Lust, sich auf Bildräume einzulassen, in denen Wirklichkeit nicht feststeht, sondern entsteht.

Die Ausstellung „Realität und Fiktion“ mit Arbeiten von Gudrun Kemsa und Martina Sauter ist bis zum 12. Juli im Stadtmuseum Hattingen zu sehen.

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