Hattingen – Bundespräsident Frank‑Walter Steinmeier hat seine mittlerweile 20. „Ortszeit“ in Hattingen im Ruhrgebiet eröffnet. Drei Tage (22. – 24. September 2026) lang verlegt das Staatsoberhaupt seinen Amtssitz in die Stadt an der Ruhr, um mit Bürgerinnen und Bürgern, kommunalen Vertretern und Vereinen ins Gespräch zu kommen. Vor der Presse erläuterte Steinmeier den Hintergrund des Formats, seine Erfahrungen aus zehn Jahren Amtszeit und äußerte sich zu aktuellen politischen Fragen.
Aus der Corona‑Zeit gewachsen
Die Idee zur „Ortszeit“ sei aus den Erfahrungen der Corona‑Pandemie entstanden, so der Bundespräsident. „Wir haben die Gabe, miteinander zu reden, eigentlich verloren“, sagte Steinmeier mit Blick auf die zunehmende Kommunikation über soziale Medien. Vielen Menschen fehle das Gefühl, gehört und ernst genommen zu werden – daraus sei der Wunsch entstanden, wieder in einen persönlichen Austausch mit Respekt und gegenseitiger Ernstnahme zu kommen.
Begonnen hatte das Format im thüringischen Altenburg – bewusst in einer Region, in der die Proteste gegen die Corona‑Maßnahmen besonders heftig ausgefallen waren. „Wir gehen nicht dahin, wo alle anderen schon sind“, betonte Steinmeier. Vielmehr suche man gezielt Städte, in denen ein Bedürfnis nach stärkerer Präsenz von Politik zu vermuten sei.
Warum Hattingen
Hattingen erfülle gleich zwei Kriterien: eine kleinere bis mittelgroße Stadt zu sein und eine, die „nicht fertig“ ist – in der Bürgerinnen, Bürger und Politik noch aktiv um die eigene Zukunft ringen. Steinmeier erinnerte an die Sonderstellung Hattingens im Ruhrgebiet, an die Rolle als „grüne Lunge“ der Region und an den touristischen Aufschwung seit Fertigstellung des Ruhrtal‑Radwegs. Auch das Tagungshotel, ein zu einem Radtourismus‑Standort umgebautes ehemaliges Rewe‑Verwaltungsgebäude, sei ein typisches Beispiel für den gelungenen Strukturwandel.
„Kaffeetafel kontrovers“ und offene Debatten
Kernstück des Programms sind neben Vereinsbesuchen und Begegnungen am Marktplatz die öffentlichen Diskussionsrunden – darunter das Format „Kaffeetafel kontrovers“. Bewusst niedrigschwellig angelegt, soll es keine weitere Expertenrunde sein, sondern auch Menschen ohne politische Vorprägung eine Stimme geben. Auf der Agenda in Hattingen stehen unter anderem der Konflikt zwischen Klimaschutz und Gewerbeansiedlung sowie das überregionale Thema Wehrpflicht und soziale Pflichtzeit.
Im Gespräch mit den Fraktionsvorsitzenden des Stadtrates standen am Vormittag vor allem die kommunalen Finanzen im Mittelpunkt. Hier könne ein Bundespräsident zwar keine Lösungen von heute auf morgen liefern, wohl aber Debatten anstoßen und Erkenntnisse nach Berlin zurückspiegeln.
Unterschiede zwischen Ost und West
Im Verlauf der 20 Ortszeiten habe sich gezeigt, dass die Themen in Ost und West unterschiedlich gewichtet werden. Der Ukraine‑Krieg und die veränderte Bedrohungslage seien im Osten stets ein deutlich stärkeres Thema gewesen; die Skepsis gegenüber der Unterstützung der Ukraine falle dort größer aus. Fragen zur Zukunft Europas hätten dagegen im Westen mehr Gewicht.
Ehrenamt und Vereinsarbeit
Ausdrücklich würdigte Steinmeier die Rolle des Ehrenamts. Besuche in kleinen, ehrenamtlich geführten Vereinen seien ihm besonders wichtig – gerade der Sport mit Jugendlichen leiste einen entscheidenden Beitrag zur Lebensqualität im kommunalen Raum. Gleichzeitig griff er die Sorgen der Vereine auf: Nachwuchsprobleme in den Führungsgremien und eine überbordende Bürokratie, die kleinere Vereine besonders belaste. Das Thema Entbürokratisierung habe man aus vielen Ortszeiten „mit nach Berlin“ genommen.
Blick auf die Nachfolge
Auf Fragen nach seiner Nachfolge und Debatten um Kandidatinnen und Kandidaten außerhalb der Politik – etwa aus Kultur oder Militär – reagierte der Bundespräsident zurückhaltend. Er nehme keinen Einfluss auf die Auswahl, sagte aber auf Nachfrage: Angesichts zunehmend schwieriger Regierungsbildungen und der veränderten politischen Lage halte er ein gewisses Maß an politischer Erfahrung und Netzwerken in die Parteien hinein für sinnvoll.
Sorge um Demokratie – aber kein „Totenglöckchen“ für die Mitte
Mit Blick auf die politische Gesamtlage warnte Steinmeier vor Fatalismus. Die Wahlergebnisse dieses Jahres zeigten, dass die Entwicklung nicht überall gleich verlaufe: Während die AfD in Sachsen‑Anhalt und Mecklenburg‑Vorpommern deutlich zugelegt habe, seien die Ergebnisse in Baden‑Württemberg, Rheinland‑Pfalz und bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen anders ausgefallen. Zwar erstarkten die politischen Ränder und die Mitte verliere an Gewicht – „aber das bedeutet nicht, dass das eine ausweglose Situation ist“. Es sei nicht die Zeit, „das Totenglöckchen für die politische Mitte“ zu läuten; er wünsche sich vielmehr mehr Selbstbewusstsein und die Bereitschaft der regierenden Parteien, bei den großen Reformfragen „über den eigenen Schatten zu springen“.
Persönlicher Ausblick
Auf die Frage, ob er gerne aus dem Amt scheide, antwortete Steinmeier gelassen: Solange der Ruhestand nicht greifbar sei, denke man wenig über das Ende nach. Nun jedoch öffne sich der Blick für das, „was danach kommen kann“. Er fühle sich „gesund und munter“ – „irgendwas wird kommen“.
Sein Fazit zur Ortszeit fasste der Bundespräsident in einen Satz: „Persönliche Kommunikation wagen.“
Programm in Hattingen
Steinmeier setzt seinen dreitägigen Aufenthalt unter anderem mit einem Besuch bei einem örtlichen Ruderverein sowie öffentlichen Diskussionsrunden zu Klimaschutz, Gewerbeansiedlung und Wehr‑ bzw. sozialer Pflichtzeit fort.
Frage einer Journalistin:
„Was halten Sie eigentlich von den wahrscheinlich eher medial geführten Debatten, dass es mal jemand machen wird, vielleicht sogar Hape Kerkeling, der nicht aus der Politik kommt“
Antwort Bundespräsident Steinmeier:
„Ich schätze Hape Kerkeling. Ich kenne ihn. Ich mag seinen Humor, ich lese seine Bücher. Aber diese Debatte, dass es kein Politiker sein sollte, die kommt ja eigentlich fast jedes Mal, solange ich mich zurückerinnern kann – vor allem in der Zeit, als Joachim Gauck zum ersten Mal ins Gespräch kam, nach der Wulff‑Geschichte. Dann gab es diese Debatte, als Gauck in den Ruhestand ging auch nochmal kurz, nicht ganz so prominent, wie sie jetzt geführt wird. Es gibt sie jetzt wieder.
Nochmal: Ich habe überhaupt nichts gegen Hape Kerkeling. Ich schätze ihn sehr. Aber ich frage mich wirklich – mit Blick auf all die Schwierigkeiten, mit Blick darauf, dass wir schon ganz schwierige Regierungsbildungen in der Vergangenheit hatten, wo wir kurz nach den Wahlen schon wieder vor Neuwahlen standen, und mit Blick auf die Wahlergebnisse, die wir jetzt haben, die leicht ausrechnen lassen, dass Regierungsbildungen in Zukunft immer schwerer werden: Braucht man da nicht ein gewisses Maß an politischer Erfahrung und ein politisches Netzwerk, das auch ein wenig in die Parteien hineinreicht, um überhaupt noch etwas bewegen zu können?
Deshalb kann ich das verstehen, dass Leute sagen: Hape Kerkeling ist doch ein super Mensch, über den lache ich auch – und Hape Kerkeling kann, wie wir bei der Rede in Buchenwald gesehen haben, auch ernsthafte Reden halten. Vielleicht sind wir doch in einer zu bedrohten Lage, was den Zustand der Demokratie angeht, dass man sich jemanden ganz von außen wünschen sollte.
Ich nehme, wie gesagt, keinen Einfluss auf meine Nachfolge. Aber diejenigen, die mich fragen, denen antworte ich regelmäßig: Ich fände es schon gut, wenn es jemand mit einer doch vorzeigbaren politischen Erfahrung würde.“


























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