Bundespräsident Steinmeier: „Wir gehen bewusst dahin, wo nicht jeden Tag der Scheinwerfer der Öffentlichkeit fällt“

Eintrag in das Goldene Buch der Stadt Hattingen (Foto: Holger Grosz)
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Hattingen – Zum Auftakt seiner dreitägigen „Ortszeit Deutschland“ ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Dienstag im Hattinger Rathaus mit Bürgermeisterin Melanie Witte-Lonsing (SPD) und den Fraktions- beziehungsweise Gruppenvorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung zusammengekommen. Nach dem Empfang durch die Bürgermeisterin am Untermarkt, einem gemeinsamen Bummel durch die Fußgängerzone und dem Eintrag in das Goldene Buch der Stadt erläuterte das Staatsoberhaupt vor den Ratsvertretern, warum es ihn ausgerechnet in die 56.000-Einwohner-Stadt an der Ruhr zieht – und weshalb Hattingen für ihn ein Musterfall ist.

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Raus aus Berlin, rein in die Regionen

„Wir haben entschieden, wir müssen viel öfter raus aus Berlin, raus aus Schloss Bellevue“, sagte Steinmeier vor den Kommunalpolitikern im Rathaus. Bewusst gehe er in kleinere und mittlere Städte, „auf die der Scheinwerfer der Öffentlichkeit nicht so ganz und jeden Tag fällt“ und deren Menschen häufig den Eindruck hätten, „wir werden nicht so gut gehört wie die Menschen in Berlin oder in den Landeshauptstädten in Düsseldorf und anderswo. Ja, genau da gehen wir hin und schauen uns an, was die Menschen bewegt.“

Statt einer klassischen Stippvisite – „Rede – rein, Rede – raus“ – nehme er sich bewusst drei Tage Zeit, um jenseits offizieller Termine zu erfahren, was die Bürgerinnen und Bürger vor Ort umtreibt. Das Format habe sich bewährt: „Wir machen es jetzt heute zum 20. Mal, am 20. Ort.“

Letzte Ortszeit der Amtszeit

Hattingen ist zugleich die letzte Station der Reihe. Die Amtszeit des Bundespräsidenten endet am 18. März 2027, seine Nachfolgerin oder sein Nachfolger wird am 30. Januar 2027 von der Bundesversammlung gewählt. Steinmeier kündigte an, seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin zu empfehlen, „diese Praxis, diese Besuche außerhalb von Berlin in großer Dichte beizubehalten. Ob das dann genauso entschieden wird oder ob man es ein bisschen anders macht, das ist natürlich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch offen.“

Aufnahme der Amtsgeschäfte im Hotel Ruhr Inn (Foto: Holger Grosz)

Für Hattingen ist es bereits das vierte Mal, dass ein Bundespräsident die Ruhrstadt besucht – nach Karl Carstens, Roman Herzog und Johannes Rau. So lange hat sich allerdings noch keines der Staatsoberhäupter in der Stadt aufgehalten: Drei Tage lang residiert Steinmeier im Hotel Ruhr Inn, das für die Zeit zum offiziellen Amtssitz umgerüstet wurde – Standarte inklusive.

Persönlicher Bezug zum Ruhrgebiet

Der in Nordrhein-Westfalen geborene Bundespräsident betonte seine besondere Nähe zur Region. Einer seiner ersten schwierigen Termine im Amt sei die Schließung der letzten Steinkohlezeche gewesen. „Ich weiß, was der Strukturwandel für die Menschen im Ruhrgebiet bedeutet“, sagte Steinmeier. Es sei nicht nur der Verlust von etwas, mit dem man gerne gelebt habe – es sei zugleich die Schwierigkeit, sich neue Erwerbsquellen zu erschließen. Das sei „an manchen Stellen im Ruhrgebiet besser gelungen als an anderen“.

Beim Gang durch die Hattinger Innenstadt habe er einen sehr positiven Eindruck gewonnen: „Wenn man hier durch die Straßen von Hattingen geht, geht es auch viel um das Engagement der Bürgerinnen und Bürger.“ Aus den Gesprächen sei ein Bild entstanden, „wie man es nicht überall im Ruhrgebiet hört“. Er glaube, „dass man hier einen Großteil des Strukturwandels wirklich geschafft hat“.

Von der Henrichshütte zum Gewerbe- und Landschaftspark

Die Zahlen geben Steinmeier recht: Nach dem letzten Abstich der Henrichshütte im Dezember 1987 verlor Hattingen eine mehr als 130-jährige Monostruktur und in der Spitze rund 10.000 Arbeitsplätze in der Stahlindustrie. Auf dem 140 Hektar großen Hüttengelände ist seither ein Gewerbe- und Landschaftspark entstanden, in dem heute nach Angaben der städtischen Wirtschaftsförderung rund 180 Unternehmen mit etwa 2.850 Arbeitsplätzen angesiedelt sind. Das LWL-Industriemuseum Henrichshütte hält die industrielle Vergangenheit lebendig – und wird am Donnerstag Schauplatz der abschließenden Ordensverleihung sein, mit der Steinmeier in der historischen Gebläsehalle engagierte Bürgerinnen und Bürger aus Nordrhein-Westfalen mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik auszeichnet.

Der Bundespräsident in Hattingen (Foto: Holger Grosz)

Steinmeier verwies auch auf ein weiteres Standbein, das für Hattingen längst kein Nebengeräusch mehr ist: den Tourismus. Fachwerkaltstadt mit rund 150 denkmalgeschützten Häusern, RuhrtalRadweg, Burg Blankenstein, das Ruhrtal und die Elfringhauser Schweiz haben die Übernachtungszahlen auf inzwischen fast 200.000 pro Jahr getrieben. Am Mittwoch spricht der Bundespräsident bei der Confiserie Harmonie mit Vertreterinnen und Vertretern der Branche über den „Wirtschaftsfaktor Tourismus in Hattingen“.

Themen für die Kaffeetafel kontrovers

Für die „Kaffeetafel kontrovers“ am Mittwoch im Bürgerzentrum „Holschentor“ kündigte Steinmeier an, gemeinsam mit den geladenen Bürgerinnen und Bürgern auch über Konflikte zu sprechen, wie sie in Hattingen gleichermaßen zu spüren seien: der zurückliegende Hitzesommer, das Verhältnis von wirtschaftlichen Interessen und wirtschaftlichem Erfolg sowie die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht, die in den zurückliegenden Wochen zwischenzeitlich in den Hintergrund gerückt sei. Zusätzlich werde er überregionale Themen einbringen: „Ich versuche immer, Themen mitzubringen, für die die, die wir einladen, die eher zu den größeren, zu den überregionalen Themen gehören.“

Eintragung in das Goldene Buch der Stadt Hattingen (Foto: Pressestelle Hattingen)

Bürgermeisterin: „Riesen-Chance für die Stadt“

Für Bürgermeisterin Melanie Witte-Lonsing (SPD), die seit dem 1. November 2025 im Amt ist und in dieser Woche eine ihrer größten Bewährungsproben absolviert, ist der Besuch „eine große Ehre“. „Es ist für diese Stadt ein einmaliges Erlebnis. Was für eine Riesen-Chance“, sagte sie im Vorfeld. Der Besuch würdige das ehrenamtliche Engagement in der Stadt und gebe Hattingen die Möglichkeit, „unsere regionalen Themen noch sichtbarer zu machen und unsere Stadt mit all ihren Facetten zu präsentieren“.

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8 Kommentare zu "Bundespräsident Steinmeier: „Wir gehen bewusst dahin, wo nicht jeden Tag der Scheinwerfer der Öffentlichkeit fällt“"

  1. Herzlich willkommen Frank-Walter Steinmeier!

    Dass Hattingen als zwanzigste und letzte Station ausgewählt wurde, setzt bundesweit einen markanten Schlusspunkt. Dies kommt der Stadt sowohl im Tourismus als auch als lokalem „Einkaufszentrum“ vor historischem Hintergrund im Ruhrgebiet zugute, wenngleich für den Einzelhandel noch erheblicher Nachholbedarf besteht. Die Chancen müssen nur noch genutzt werden.

  2. Warum der Besuch hier der Stadt zugute kommt, erschließt sich mir nicht. Gleichwohl, verrät die Stadt gelegentlich was der Besuch den Bürger gekostet hat?

    • Die bundesweite Berichterstattung trägt dazu bei, den Bekanntheitsgrad Hattingens deutlich zu steigern. Die daraus resultierenden Besucher dürfen gerne ihr Geld im Einzelhandel und Gastronomie ausgeben.

  3. Vielleicht präsentiert das Stadtmarketing in 2027 hierzu belastbare Zahlen? Der heimischen Gastronomie und dem Handel ist ES sehr zu wünschen.

  4. Jemand schrieb weiter oben, dass der Besuch zu mehr „Umsatz“ führt! Wie soll die obige Behauptung verifiziert werden, wenn nicht durch Zahlen??

  5. @immanuel kant

    Der Umsatz steigt allein schon bei Ruhrkanal-News dadurch, dass du dich vor Entrüstung kaum halten kannst, die Artikel bzgl. des Bundespräsidenten dauerhaft zu klicken und zu kommentieren…

  6. Dann sollten Sie sich mit Ihrem hochgeistigen Kommentar zurücknehmen, denn der bewirkt exakt das Gegenteil.

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