Hattingen – „Container“ – das Wort klingt nach Provisorium, nach einem abgestellten Schuhkarton wie aus den 1970ern, nach Enge, keine Luft und dem Gefühl, nur irgendwie durchzukommen. Wer am 19. Februar 2026 beim Pressetermin an der Realschule Grünstraße dabei war, merkte schnell: Diese Assoziation passt hier nicht. Was auf dem Schulhof entstanden ist, ist zwar technisch ein Containerbau – wirkt innen aber wie ein modernes Schulgebäude, in dem Lernen tatsächlich funktioniert.
Realschule Grünstraße nimmt moderne Containeranlage in Betrieb.
In sechs Monaten sind auf dem Gelände acht neue Klassenräume entstanden. Die Stadt spricht von 38 vorgefertigten Elementen, in denen Wände, Türen, Fenster und Versorgungsleitungen bereits integriert waren. Die neuen Räume ersetzen den alten Pavillon aus den 1970er-Jahren, der in einem so schlechten Zustand war, dass er abgerissen werden musste. Und sie schaffen – ganz pragmatisch – das, was Schule gerade am dringendsten braucht: Platz.
Hell, groß, klimatisiert – ein Raum, der Unterricht möglich macht
Wer die Räume betritt, steht nicht in einem „Containergefühl“, sondern in hellen, großzügigen Klassenräumen. In der Decke steckt moderne Technik: eine eingebaute Heizung, die im Sommer auch kühlen kann. „Das hat überhaupt nicht mehr die Anmutung eines Containers“, war während des Rundgangs mehrfach zu hören – und das beschreibt ziemlich genau, was man erlebt.
Auch außen setzt die Anlage ein klares Zeichen: Anthrazit dominiert, innen greifen die Türrahmen diese Farbe und die Türen sind grün, passend zur Grünstraße. Schulleiterin Corinna Osman sprach von einer Art „architektonischer Corporate Identity“, die sich künftig durch die gesamte Schule ziehen soll – ein sichtbares Konzept statt zusammengewürfelter Übergangslösungen.
Die neuen Container an der Realschule Grünstraße wurden bezogen. © ruhrkanalNEWS (Fotos: Holger Grosz)



Mehr Räume, mehr Möglichkeiten – auch für besondere Bedarfe
Die neuen Klassenräume schaffen Luft für das, was in den kommenden Jahren ansteht: Renovierungen im Hauptgebäude sollen beginnen, und Unterricht muss trotzdem verlässlich laufen. Genau dafür sind die zusätzlichen Flächen da – als Ausweichstandort in Bauabschnitten. Ursprünglich waren vier Räume geplant, nun sind es acht: doppelte Kapazität – und damit mehr Spielraum, als nur „irgendwo unterrichten“.
Zugleich wurde deutlich: Raum ist nicht nur eine Frage von Baustellenlogistik. Schule wird heterogener, Anforderungen steigen, manche Kinder brauchen mehr Rückzug und Struktur, andere mehr Bewegung und Wechsel. Gerade bei Schülerinnen und Schülern mit besonderen Unterstützungsbedarfen kann zusätzliche Fläche entscheidend sein – nicht als Luxus, sondern als Voraussetzung, damit Lernen überhaupt gelingen kann – Stichwort Inklusion.
„Startschuss“ statt Endpunkt: Schule soll anders werden dürfen
So zufrieden der Blick auf die neuen Räume war: Niemand tat so, als sei damit alles erledigt. Im Gegenteil. Bürgermeisterin Melanie Witte-Lonsing (SPD) und Vertreterinnen der Gebäudewirtschaft machten klar, dass die Containeranlage vor allem eines ist: ein Startschuss.
Die Stadt will die nächsten Schritte beschleunigen und spricht von einer „Planungsphase 0“ – also der Phase, in der zuerst gemeinsam geklärt wird: Was braucht diese Schule künftig? Welche pädagogischen Konzepte sollen im Gebäude überhaupt möglich sein? Erst danach folgen Machbarkeit, technische Planung und Umsetzung. Es geht um Sanierung der Gebäudehülle, um grundlegende Modernisierung – und um die Chance, dass die Realschule Grünstraße nicht nur repariert, sondern neu gedacht wird.
Raus aus der Frontal-Logik: Klassenräume als Lernlandschaften
Schulleiterin Corinna Osman machte aus ihrer Haltung keinen Hehl: Schule darf nicht stehenbleiben. Sie hat verschiedene Schulformen erlebt, geleitet und unterrichtet – und beschreibt die Realschule Grünstraße als Herzensangelegenheit, die nie „fertig“ sein wird. Ihr Ziel: Räume, die Unterricht nicht festlegen, sondern möglich machen.
Statt starrer Tischreihen stellte sie Ideen vor, die nach „New Work“ klingen – aber im Kern schlicht zeitgemäßes Lernen meinen: Sitzecken, flexible Zonen, Stehtische, Lerninseln (pyramidenförmig, mitten im Raum), Rückzugsmöglichkeiten wie „Muscheln“ für Kinder, die Ruhe brauchen. Lernen soll stärker eigenständig funktionieren, Lehrkräfte begleiten Prozesse, statt ausschließlich vorne zu steuern. Und: Nicht jedes Kind lernt gleich – manche brauchen Haptik, andere Struktur, andere Bewegung. „Offener Unterricht“ sei gerade bei herausfordernden Lerngruppen oft besonders wirksam, sagte Osman – und sprach dabei mit dieser Mischung aus Erfahrung und Vorfreude, die an diesem Tag immer wieder spürbar war.
Kreidetafel? Ja – aus einem überraschend pragmatischen Grund
Ein Detail sorgte für ein kleines Aha: Die „gute alte“ grüne Tafel ist wieder da – nicht aus Nostalgie oder der Grünstraße sondern aus Kosten- und Praxisgründen. Interaktive Digitaltafeln gelten zwar als modern, sind aber störanfällig und im Ersatz sehr teuer. Die Schule setzt deshalb vielerorts auf eine Mischung: Whiteboard, Leinwand, fest installierter Beamer – oft mit Apple TV, sodass Inhalte vom iPad gezeigt werden können. Solange nicht jede Klasse vollständig mit Geräten ausgestattet ist, bleibt die analoge Komponente sinnvoll. Digitalisierung, so der Tenor, macht nicht automatisch guten Unterricht – sie kann ihn aber erleichtern, wenn sie verlässlich und bezahlbar bleibt.
Ein Termin, der neugierig macht
Am Ende dieses Vormittags blieb ein Eindruck hängen: Hier stehen keine „Notcontainer“, hier steht ein funktionierender Lernort – und gleichzeitig eine Einladung, Schule neu zu denken. Noch sind manche Räume kahl, noch wird eingerichtet, getauscht, dekoriert. Aber die Richtung ist klar: Mehr Platz, bessere Bedingungen, und der Wille, aus einer Übergangslösung eine echte Chance zu machen.
Die Schulleiterin wirkte sichtbar erleichtert – und gleichzeitig voller Energie für das, was jetzt kommen soll: Konzepte, die aus Klassenzimmern Lernräume machen. Sitzecken, Stehtische, Lernpyramiden in der Mitte. Und irgendwann vielleicht eine Schule, die nicht mehr nach den Maßstäben von vor 50 Jahren funktioniert – sondern nach dem, was Kinder heute wirklich brauchen.


























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