Kunst aus dem digitalen Steinbruch

Annette Schulze Lohoff, Julius Reinders und Peter Nyman
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Hattingen – Im Schauraum Wachszinshaus wurde am Sonntag (7. Juni 2026) die Ausstellung „Transmitter“ von Julius Reinders eröffnet. Es ist nicht seine erste Begegnung mit dem Ort: Bereits 2019 hatte der Künstler hier ausgestellt. Nun ist er zurück – mit neuen Arbeiten, neuen Werkzeugen und einem Thema, das mitten in unsere Zeit führt.

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Denn Reinders arbeitet nicht mit Hammer, Meißel oder Dremel. Seine bildhauerischen Werke entstehen aus einem anderen Material: aus historischen Bildarchiven, digitalen Daten, künstlicher Intelligenz und 3D-Druck. Alte Zeichnungen, Figuren, Götter, Architekturfragmente, Säulen oder Kapitelle werden zum Ausgangspunkt für neue Bildräume und Objekte. Der Künstler selbst beschreibt dieses Arbeiten als eine Art „digitalen Steinbruch“.

Das klingt zunächst technisch. Fast so, als würde eine Maschine einfach etwas ausspucken. Doch genau hier beginnt die eigentliche Frage der Ausstellung: Wo liegt der künstlerische Prozess, wenn KI und Software mit im Spiel sind? Wo beginnt die persönliche Handschrift? Und was bedeutet Schöpfungshöhe, wenn neue Werkzeuge längst Teil der künstlerischen Gegenwart geworden sind?

Die Antwort gibt die Ausstellung nicht als Behauptung, sondern als Erfahrung. Julius Reinders nutzt die Technik nicht als Selbstzweck. KI, Datenbanken und 3D-Druck sind Werkzeuge – so wie früher Pinsel, Druckplatte oder Meißel. Entscheidend ist, was daraus entsteht. Reinders formt um, überarbeitet, collagiert und setzt die digitalen Vorlagen in eine eigene Bildsprache um. Aus Dateien werden Wandarbeiten, Objekte und Figuren. Aus historischen Spuren entstehen neue Gegenwartsbilder.

In den Räumen des Wachszinshauses begegnen Besucher unter anderem Gottheiten wie Apollo oder Bacchus, Figuren auf Sockeln, Reitern, Kriegern und fragilen Gestalten, die auf Plateaus wie kleine Denkmalgruppen erscheinen. Manche wirken vertraut, andere bleiben rätselhaft. Sie erinnern an Schlossparks, an Kunstgeschichte, an Schulbücher, an verlorene Paradiese oder an Orte, die vielleicht nie so glücklich waren, wie wir sie uns heute vorstellen.

„Transmitter“ – zwischen historischen Bildwelten, KI, 3D-Druck und Erinnerung (Fotos: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)

Gerade darin liegt die Stärke der Ausstellung. Die Arbeiten fragen nicht nur nach Technik, sondern nach Erinnerung. Was bleibt von Bildern, wenn die Zeit über sie hinweggeht? Was verschwindet, wenn niemand mehr hinsieht? Und was passiert, wenn ein Künstler alte Formen mit neuen Mitteln wieder sichtbar macht?

Bei der Eröffnung wurde deutlich: Reinders schaut nicht nostalgisch zurück. Er benutzt Vergangenheit als Rohstoff für eine Gegenwart, die sich selbst gerade neu sortiert. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Archiv und Algorithmus, zwischen Kunstgeschichte und digitalem Experiment. Sie wirken stellenweise kühl und technisch, dann wieder überraschend körperlich, erzählerisch und fast poetisch.

„Transmitter“ ist damit eine Ausstellung, die man nicht nur mit der Frage betreten sollte, ob KI Kunst kann. Spannender ist eine andere Frage: Was macht ein Künstler aus den Möglichkeiten, die ihm seine Zeit zur Verfügung stellt?

Im Wachszinshaus lohnt sich dieser Blick. Nicht trotz der neuen Technik, sondern gerade wegen ihr. Denn Künstler haben immer neue Werkzeuge benutzt, wenn sie damit neue Bilder, neue Räume und neue Gedanken schaffen konnten. Julius Reinders zeigt, dass auch der digitale Steinbruch voller Geschichte steckt.

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