Kommentar: Warum die Hattinger Musiktage und ihre Spielmannszüge mehr Applaus als Häme verdienen

Hattinger Musiktage 2025 (Archivfoto: Holger Grosz)
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Ein Kommentar von Claus J. Barteczko zur aufkeimenden Kritik an den Hattinger Musiktagen und der vermeintlichen „Lärmbelästigung“ in der Innenstadt.

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Drei Tage lang durften die Spielmannszüge bei den Hattinger Musiktage endlich einmal im Rampenlicht stehen – eine Tradition, die in vielen Städten längst aus dem Straßenbild verschwunden ist. Doch statt Anerkennung für ehrenamtliches Engagement und gelebte Vereinskultur hagelte es unter unseren Beiträgen vor allem eines: Kritik.

Was die Leser schreiben

Ein Dame aus Hattingen bringt u.a. ihren Unmut deutlich zum Ausdruck: „Für die gesamte Innenstadt ist es eine Zumutung. Ich sehe da kein öffentliches Interesse; warum werden durch eine mäßig besuchte Blasmusik-Nischenveranstaltung alle Leute zwischen Rathaus und Kaufland drei Tage lang belästigt? Wer genehmigt so etwas?“

Ein anderer äußert sich kritisch, wenn auch etwas moderater: „Nichts gegen die Musik, aber für die Anwohner ist es eine Zumutung.“

Freuen statt ärgern

Viele Kommentare, auch in den sozialen Netzwerken, drehen sich im Kern um denselben Vorwurf: Lärm und Beeinträchtigung der Innenstadt für eine angeblich randständige Veranstaltung ohne nennenswertes Publikumsinteresse. Das ist eine legitime Anwohner-Perspektive – niemand bestreitet, dass Blasmusik über drei Tage hinweg auch mal nervt, wenn man direkt darüber wohnt oder zum Einkaufen will.

Doch wer den Spielmannszügen die „Daseinsberechtigung“ pauschal absprechen will, verkennt, wofür diese Vereine eigentlich stehen. Spielmannszüge sind keine kommerzielle Eventkultur, sondern gewachsene Vereinsarbeit: Menschen, oft über Generationen hinweg, die in ihrer Freizeit unentgeltlich proben, Nachwuchs ausbilden und Traditionen pflegen, die anderswo längst verschwunden sind. Genau solche Vereine sind es, die eine Stadt wie Hattingen im Innersten zusammenhalten – nicht die großen, kommerziellen Events, sondern die kleinen, ehrenamtlich getragenen Formate, bei denen sich Nachbarn wiederfinden, applaudieren und ins Gespräch kommen.

Dass eine Veranstaltung „mäßig besucht“ sei, wie die Dame schreibt, mag im Einzelfall stimmen – ist aber kein Argument gegen ihre Existenz, sondern höchstens ein Anlass, mehr dafür zu werben. Öffentliches Interesse entsteht schließlich nicht von selbst, sondern auch dadurch, dass solchen Formaten überhaupt eine Bühne und mediale Aufmerksamkeit gegeben wird – genau das, was wir mit unserer Berichterstattung versucht haben.

Natürlich haben auch Anwohner ein berechtigtes Interesse an drei ruhigen Tagen in der Innenstadt. Aber die Antwort darauf kann nicht sein, Traditionsvereinen die Legitimation zu entziehen, sondern gute Kompromisse zu finden: klare Zeitfenster, Rücksicht auf Anlieger, eine faire Genehmigungspraxis durch die Stadt. Wer nach „wer genehmigt so etwas?“ fragt, sollte auch fragen dürfen, wer eigentlich noch die Bühne bekommt, wenn nicht die, die seit Jahrzehnten ehrenamtlich für Vereinsleben und Traditionspflege stehen.

Statt Häme hätten sich die Spielmannszüge nach drei Tagen Programm schlicht ein Dankeschön verdient – für Engagement, das man nicht mit Eintrittsgeld, sondern nur mit Herzblut bezahlt.

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2 Kommentare zu "Kommentar: Warum die Hattinger Musiktage und ihre Spielmannszüge mehr Applaus als Häme verdienen"

  1. Wie schon gesagt, nichts gegen die Musik, die Kunst dahinter, das Handwerk und die Kultur,

    wenn man jedoch von Freitag bis Sonntag Trommeln und Trompeten in den Straßen und in jedem Raum der Wohnung hört wirds wirklich anstrengend.

    Speziell in der Altstadt fällt es nochmal deutlicher auf da wir ja glücklicherweise keinen Verkehr vor der Haustür haben und daher „normalerweise“ eine andere Ruhe herrscht.

    Für mich war die Ruhe der Grund vor 10 Jahren in die Altstadt, ins Fachwerk zu ziehen
    – Es gab das Altstadtfest und den Weihnachtsmarkt, aber das war einem auch bewusst.
    Damals sagte man mir entweder man lässt sich darauf ein oder man verlässt in diesen Tagen die Stadt.

    Inzwischen haben wir aber gefühlt alle paar Wochen etwas im Holschentor an dem man akustisch indirekt teilnimmt, die wirren Montagstrommler, recht laute Musik beim nettenFeierabend und wenig weihnachtliche Musik mit massiven Bässen zum Weihnachtsmarkt am Steinhagen.

    In meiner persönlichen Wahrnehmung passen historische Altstadt und überhöhte Lautstärke nicht wirklich zusammen.

  2. Danke für das Zitieren, und ich stimme meinem Vorkommentator in allen Punkten zu. Anwohnerin der Altstadt bin ich übrigens nicht.
    Aber ich habe zunehmend Mitleid mit diesen.

    Ehrenamt verdient Anerkennung, aber es ist kein Freifahrtschein. Wenn eine dreitägige Veranstaltung mitten in der Innenstadt erhebliche Lärmbelastungen verursacht und gleichzeitig nur auf überschaubares Publikumsinteresse stößt, darf man durchaus fragen, ob Ort, Dauer und Umfang verhältnismäßig sind. Die Alternative lautet schließlich nicht „Spielmannszüge abschaffen“ (das tun sie mangels Nachwuchs ohnehin meist von selbst), sondern eine Veranstaltung so zu organisieren, dass Interesse und Beeinträchtigungen in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Tradition allein beantwortet diese Frage nicht.

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