Hattingen – Ein neues Bild soll ins Büro. Mehr Farbe – für die dunklen Winterstunden am Schreibtisch. Keine Blumen, dafür eine auffällig bunte Narrenkappe als Ehren-Senatorin der Karnevalsfreunde: Es ist dieser Mix aus Alltag, Humor und Symbolik, der das Pressegespräch zu „100 Tagen im Amt“ mit Bürgermeisterin Melanie Witte-Lonsing (SPD) heute (9. Februar 2026) geprägt hat. Smalltalk ja – aber darunter lagen die Themen, die in Hattingen nicht dekorativ sind: Müll, Wohnen, Innenstadt, Sportstätten, Personal.
Nähe zeigen – nicht nur im Rathaus
Witte-Lonsing will Bürgerkontakt nicht als Termin im Amtszimmer verstanden wissen. Eine Bürgersprechstunde gibt es bereits – mit festen Zeiten. Und für den Sommer ist ein anderes Format geplant: nicht „irgendwo sitzen und warten“, sondern Stadtteile aktiv angehen. Erst ein Rundgang vor Ort, dann ein kurzer Infoteil mit anschließendem Gespräch. Wer ihre Linie in einem Satz zusammenfassen will: erst hingucken, dann reden.
Sauberkeit: Wenn’s auffällt, war’s lange nicht so
Dass Sauberkeit plötzlich wieder Thema wird, hat einen simplen Grund: Es passiert sichtbar etwas. Zwei Begegnungen beschreibt Witte-Lonsing besonders eindrücklich: In der Südstadt spricht sie jemand an, ob „das schon mit Ihnen zu tun hat?“ – weil eine Rinne gereinigt wurde. Kurz darauf meldet sich eine Frau aus dem Rauendahl: Grünschnitt, Hecken, erledigt, prima!
Mit Bürgermeisterin Melanie Witte-Lonsing im Gespräch © Fotos: Holger Grosz


Der Hintergrund ist weniger Romantik als Verwaltungslogik. „Der Müll muss funktionieren“, sagt sie. Wenn früher Personal fehlte, wurden Leute aus Grünpflege oder Straßenbau abgezogen – Hauptsache Abfall läuft. Jetzt sei man erstmals seit langer Zeit wieder in der Lage, die Müllteams personell stabil zu besetzen. Und dann kann „grün wieder grün machen“. So entsteht der Eindruck, den die Bürgerinnen und Bürger sofort spüren: Ordnung im Stadtteil.
Stadtteilkümmerer: Ein Gesicht für „mein Viertel“
Aus dieser neuen Stabilität entsteht ein weiteres Vorhaben: Stadtteilkümmerer. Mitarbeitende, die ohnehin draußen arbeiten, sollen einzelnen Stadtteilen zugeordnet werden – sichtbar, ansprechbar, zuständig. Nicht als „die drei Leute für sieben Kilometer Straße“, sondern als jemand, der seinen Bereich kennt, Mängel sieht und intern weitersteuert: Zaun, Gehwegplatten, Grün, kleine Reparaturen – Dinge, die in der Summe entscheiden, ob ein Viertel gepflegt wirkt oder aufgegeben.
Wohnen: Alte Feuerwache, große Flächen – und der Moment, wo es ernst wird
Beim Thema Wohnen unterscheidet die Bürgermeisterin zwischen dem, was eine Stadt sofort steuern kann – und dem, was nur im Zusammenspiel mit Investoren geht. Ein wichtiges Signal: Für die alte Feuerwache hat der Investor die Baugenehmigung, es kann losgehen. Zusätzlich hofft sie auf ein Projekt, das ihr „am Herzen liegt“: die hwg Hospiz-WG – weil Hattingen so ein Angebot bislang nicht hat.
Und dann ist da noch das große Gelände an der Nierenhofer Straße, das seit langem Diskussionen auslöst: Stillstand sei keine Lösung. Gleichzeitig baut sie keine Drohkulisse auf – aber sie erinnert an das Instrument, das am Ende immer bleibt: Planungsrecht. Wenn gar nichts passiert und es keinen gemeinsamen Weg gibt, kann die Stadt über die Bebauungsplanung den Rahmen setzen. Ihre Botschaft an Eigentümer und Investoren ist unmissverständlich: am besten gemeinsam – aber nicht endlos auf Zeit spielen.
Sportstätten: Welper im Fokus – aber nicht ohne Planungs-Power
Ein Thema, das im Stadtteil Welper seit Jahren brennt, kommt im Gespräch sehr konkret auf den Tisch: Sportanlage, Halle, Kunstrasen, Flutlicht. Witte-Lonsing macht deutlich, warum es für Kommunen so schwer ist, Förderprogramme zu nutzen: Es reicht nicht, ein paar Handwerker nach Preisen zu fragen. Fördertöpfe verlangen Planungen in einer Tiefe, die einer bestimmten Leistungsphase entspricht – das erfordert Arbeit, Zeit und Personal.
RuhrkanalNEWS im Gespräch mit Bürgermeisterin Melanie Witte-Lonsing (SPD)
Hier wird ihre Strategie sichtbar: nicht alles auf einmal, sondern Schritte planen, vorbereiten, Schubladen füllen – damit man handlungsfähig ist, wenn Programme aufgehen. Und: Sobald die Feuerwache Nord, die auf jeden Fall bis 2027 fertiggestellt werden soll, Richtung Zielgerade läuft, soll die zuständige Planerin sich stärker den Sportstätten widmen. Welper zuerst aber Holthausen nicht vergessen.
Innenstadt: Fahrräder, E-Scooter, Kontrollen und das „komische Gefühl“ der oberen Heggerstraße
Ein weiterer Schwerpunkt: Ordnung und Sicherheit in der Innenstadt. Im Frühjahr/Sommer will die Stadt gemeinsam mit Polizei sichtbarer kontrollieren – Fahrradverkehr in sensiblen Bereichen, die Durchfahrt in der Fußgängerzone, klarere Beschilderung. Ein Punkt wird dabei ausdrücklich betont: E-Scooter fahren ist in der gesamten Innenstadt verboten – und das soll auch durchgesetzt werden.
Bei der oberen Innenstadt spricht Witte-Lonsing etwas aus, das viele kennen: Es geht nicht zwingend um konkrete Übergriffe, sondern um ein unangenehmes Gefühl – dunkel, unsicher, Müll, Ratten an bestimmten Stellen. Dieses Gefühl will sie ernst nehmen, ohne Panikbilder zu bedienen. Gleichzeitig sagt sie klar: Horror-Erzählungen über „Messermänner“ seien falsch. Ihre Linie: Probleme benennen, Lösungen bauen – ohne Spaltung.
Stadtmarketing & Wirtschaft: nicht nur Altstadtfest
In der Strukturfrage Stadtmarketing kündigt sie Bewegung an. Für sie ist das Stadtmarketing mehr als sich nur um Feste in der Stadt zu kümmern: Stadtteile, Tourismus und ganz besonders die IGA 2027 – das müsse zusammen gedacht werden. Ob das über Vereinsstruktur, neue Kooperationen oder professionelle Unterstützung läuft, sei offen. Die jetzige Form könne auf jeden Fall die Breite der Aufgaben kaum abdecken und deshalb ist ein Verein nicht der richtige Weg für das Hattinger Marketing.
Beim Thema Gewerbeflächen wird sie überraschend deutlich: Hattingen habe wenig Fläche – also müsse man auf Qualität achten. Keine Flächen für Nutzungen, die kaum Jobs und kaum Gewerbesteuer bringen, aber städtebaulich teuer sind. Stattdessen: Betriebe, die Arbeit schaffen und zur Stadt passen. Das sei Chefsache – und Aufgabe einer schlagkräftigen Wirtschaftsförderung.
Hinter der Tür: Was sie nachts wach hält
Am Ende des Gesprächs kippt der Ton. Was sie wirklich beschäftigt, sind nicht Grußworte und nicht der Applaus. Es sind Situationen, in denen Menschen plötzlich städtisch untergebracht werden müssen, weil Häuser unsicher sind. Es sind Schicksale, die „über die Bettdecke laufen“. Da wird klar, was sie mit „100 Tagen“ eigentlich meint: nicht Bilanz als PR-Text – sondern Verantwortung, die bleibt, auch wenn das Licht im Rathaus längst aus ist.

100 Tage im Amt: Melanie Witte-Lonsing (SPD) Foto: Holger Grosz
Privates „Steckenpferd“
Zum Schluss wirds wieder menschlich: Melanie Witte-Lonsing brennt für Kneipenquiz – Wissen, Stadtteile-Teams, ein Quiz-Finale 2027 aller Stadtteile etc.. Dazu Sportbegeisterung, denn die Bürgermeisterin will dabei sein beim Hattinger Handball und auch auf dem Fußballplatz. Denn ihre Idee, Menschen zusammenzubringen, zieht sich wie ein roter Faden durch Wahlkampf und Amtsstart.
Fazit
Nach 100 Tagen im Amt zeigt die Bürgermeisterin erste Erfolge in der Stadtentwicklung, bleibt zwar noch im Anlaufstadium, aber die Richtung ist klar erkennbar. Sie setzt auf mehr Präsenz vor Ort, sichtbare Sauberkeit und klare Regeln in der Innenstadt. Witte-Lonsing bringt Druck auf den Wohnungsmarkt und verbessert die Planungsfähigkeit für Sportstätten. Besonders auffällig ist ihr Ansatz, gemeinsam mit allen Demokraten die Stadt, trotz politischer Streitigkeiten, nicht „auseinanderreden zu lassen“.
Lesen Sie auch unseren Kommentar zum Thema.






























schönen Dank auch für die Anhebung der Grundbesitzabgaben. Da freut sich der Mieter. Wußte schon gar nicht wohin mit dem vielen Geld. Eine Sorge weniger.