Hattingen – Manchmal braucht es keinen großen Saal, keine laute Bühne und kein offizielles Programm mit steifen Abläufen, um etwas Besonderes entstehen zu lassen. Manchmal reicht ein gedeckter Tisch, ein gemeinsames Essen, Musik, persönliche Worte und Menschen, die bereit sind, einander zuzuhören. Genau so war es 10 Juli 2026 bei der Asure-Feier, zu der Türkan Gültekin gemeinsam mit Ingrid Klenke eingeladen hatte.
Rund 50 bis 60 Gäste waren eingeladen worden. Menschen, die sich in Hattingen auf ganz unterschiedliche Weise für ein gemeinsames Miteinander einsetzen. Viele kannten sich aus anderen Zusammenhängen: aus dem Internationalen Frauencafé, vom interreligiösen Gesprächskreis, aus Initiativen für Demokratie, Integration, Kultur, soziale Unterstützung und Begegnung. Es war ein Kreis von Menschen, die eine multikulturelle Gesellschaft nicht als Belastung, sondern als Bereicherung empfinden.
Im Mittelpunkt stand die Geschichte von Noah, die in unterschiedlichen Religionen eine Rolle spielt. Im Islam, im Christentum und im Judentum gibt es Bezüge zur Arche, zur Sintflut, zum Neubeginn und zur Rettung. Die Asure-Speise, oft auch als Noahs Pudding bezeichnet, erinnert daran, dass nach der Überlieferung die letzten verbliebenen Zutaten auf der Arche zusammengetragen und zu einer gemeinsamen Speise verarbeitet wurden. Aus dem, was noch da war, entstand etwas Neues. Eine einfache Geschichte – und doch ein starkes Bild.
Denn genau darum ging es an diesem Nachmittag: Was legen wir heute in unsere Arche? Was nehmen wir mit, wenn die Welt unruhig wird? Menschlichkeit? Respekt? Zusammenhalt? Demokratie? Offenheit? Vertrauen?
Eine Arche für Menschlichkeit und Zusammenhalt (Fotos: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)
Bürgermeisterin Melanie Witte-Lonsing (SPD) begrüßte die Gäste und betonte, wie wertvoll solche Begegnungen für Hattingen seien. Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Religionen und verschiedener Lebenswege kämen hier zusammen und zeigten damit auch, dass Zusammenhalt nicht nur ein Wort bleiben müsse. Er werde konkret, wenn Menschen sich begegnen, gemeinsam feiern, miteinander sprechen und auch Unterschiede aushalten.
Nilgün Özbek vom Wittener Kultur- und Dialogzentrum gab einen Einblick in die Bedeutung von Asure und die Geschichte des islamischen Neujahrs. Sie sprach über den Monat Muharram, über die religiösen Bezüge des Asure-Tages und darüber, dass die süße Speise traditionell mit Nachbarn, Freunden und Gästen geteilt wird. Dabei wurde deutlich: Asure ist nicht nur Essen. Es ist ein Zeichen. Ein Zeichen für Dankbarkeit, Gemeinschaft und friedliches Miteinander.
Auch Angelika Schlösser vom Internationalen Frauencafé ordnete die Geschichte von Noah in die Gegenwart ein. Die Sintflut müsse heute nicht nur als alte Erzählung verstanden werden. Auch heute gebe es Stürme: Kriege, Flucht, Klimakrisen, Einsamkeit, Hass und Angst. Gerade deshalb brauche es Orte, an denen Menschen sich gegenseitig wahrnehmen und nicht nur nebeneinander leben.
Asure-Feier in Hattingen (Fotos: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)
Türkan Gültekin selbst fand in ihrer Rede sehr persönliche Worte. Sie lebt seit rund acht Jahren in Hattingen, war in der Türkei und in Georgien als Lehrerin tätig und gibt heute Kunstkurse an einer Hattinger Schule für Schülerinnen und Schüler sowie Eltern. Seit rund sieben Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich im Internationalen Frauencafé. Sie unterstützt Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Glaubensrichtungen und bringt sich mit ihrer Familie regelmäßig in soziale und kulturelle Projekte ein.
Für Türkan Gültekin ist Demokratie ein grundlegender Wert und die Basis für ein respektvolles Miteinander. Die Asure-Veranstaltung sieht sie als Gelegenheit, Menschen verschiedener Kulturen und Religionen an einen Tisch zu bringen. Genau das gelang an diesem Nachmittag.
In ihrer Rede stellte sie die Frage, ob es heute vielleicht wieder eine Art Sintflut gebe. Keine vollständige Überflutung wie in der alten Geschichte, aber viele andere Fluten: Kriege, Naturkatastrophen, Hass, Angst, Einsamkeit und Gleichgültigkeit. Heute erfahre man innerhalb weniger Sekunden, was irgendwo auf der Welt passiere. Doch oft fühle man den Schmerz anderer Menschen nicht mehr so, dass daraus Handeln entstehe.
„Wenn wir heute eine Arche bauen würden, was würden wir hineinlegen?“ Diese Frage blieb im Raum stehen.
Vielleicht war diese Feier selbst schon eine kleine Arche. Ein Ort, an dem Menschen etwas hineinlegten: Zeit, Offenheit, Respekt, Musik, Essen, Gespräche und die Bereitschaft, nicht nur auf die eigenen Sorgen zu schauen.
Rezept für Noahs Pudding (Foto: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)

Auch für das leibliche Wohl war gesorgt. Es gab gut gewürzte Cig Köfte mit den passenden Salatblättern, verschiedene Börek-Teigrollen mit unterschiedlichen Füllungen und Formen sowie die Asure-Speise als symbolischen Mittelpunkt des Festes. Alles war liebevoll vorbereitet. Es war kein anonymes Buffet, sondern ein Essen, das sichtbar mit Herz und vielen helfenden Händen entstanden war.
Musikalisch wurde die Feier ebenfalls begleitet. Neben geplanten Beiträgen entstand auch ein spontaner Moment, als ein Gast Gospelgesang anstimmte. Gerade diese ungeplanten Augenblicke machten den Nachmittag lebendig. Hier wurde nicht einfach ein Programm abgearbeitet. Hier begegneten sich Menschen.
Auf den Tischen standen kleine Arche-Schiffchen mit Sinnsprüchen. Einige Gäste lasen ihre Sprüche laut vor. Darunter Gedanken über Menschlichkeit, Gemeinschaft und das, was dem Ganzen nützt. Es passte zu diesem Nachmittag, der immer wieder die gleiche Frage stellte: Was hält uns zusammen?
Die Antwort lag nicht in einer großen Erklärung. Sie lag in den Gesichtern der Menschen, in den Gesprächen, im gemeinsamen Essen und in dem Mut, religiöse und kulturelle Unterschiede nicht als Grenze, sondern als Einladung zu verstehen.
Die Asure-Feier in Hattingen war damit mehr als ein religiös oder kulturell geprägtes Fest. Sie war ein starkes Zeichen für ein Miteinander, das in einer Stadt nicht von allein entsteht. Es braucht Menschen wie Türkan Gültekin, Ingrid Klenke und viele andere, die einladen, vorbereiten, Brücken bauen und Räume schaffen.












































Frau Gültekin scheint der Unterschied zwischen Republik und Demokratie nicht geläufig?