WAS TUN WIR UNS GERADE AN – TEIL III

Ein Kommentar von Dr. Anja Pielorz

Beim ersten Mal habe ich es ausprobiert, beim zweiten Kommentar „Was tun wir uns gerade an“ war es schon fast Tradition. Jetzt folgt der dritte Kommentar – da sind wir dann wohl bereits beim Brauchtum. Und weil uns Corona vermutlich noch lange begleiten wird, könnte da wohl noch das ein oder andere in fast historischer Dimension nachfolgen. Der ein oder andere könnte das jetzt als Drohung empfinden…

Der Kommentar von Dr. Anja Pielorz

Am Wochenende habe ich über das Thema Abitur debattiert. In privatem Kreis. Ich habe Mitleid mit dem aktuellen Jahrgang. Planungen, die über viele Jahre gelaufen sind und auch die Freude darauf, endlich nicht mehr die Schulbank drücken zu müssen, das dann aber auch gebührend zu feiern – all das wurde durch Corona zerstört. Keine Mottowoche. Keine Vorabi-Party. Der Abiball in der Gebläsehalle – abgesagt. Hinfällig die Diskussionen über ein tolles Kleid und eine schicke Frisur. Jetzt mag der ein oder andere einwenden, das sei ja nun auch total belanglos in diesen Zeiten. Mag sein, aber für junge Menschen in bestimmten Situationen eben nicht. Und es geht ja weiter. Nach dem Abitur (oder nach dem Abschluss) – was dann? Kulturmanagement, Eventmanagement, Tourismus, Theaterwissenschaft – bringt das was? Viele Ausbildungsberufe und Studiengänge sind kaum vorstellbar und schon gar nicht so, wie sie mal inhaltlich waren.

Aber – man muss das Abitur ja auch erstmal in der Tasche haben. Oder den Abschluss im Allgemeinen. Erste Forderungen liegen auf dem Tisch, den Corona-Abschluss 2020 anders zu bewerten als die Abschlüsse 2019. Warum? Zum einen darf man doch einmal anmerken, dass die Schulen seit Mitte März geschlossen haben. Am 3. April wäre regulär in NRW der letzte Schultag vor den Osterferien gewesen – für den Abijahrgang der letzte Schultag überhaupt. Mal ganz ehrlich: Was bis Mitte März nach 12 Jahren Schule an Wissen nicht vorhanden ist, das kommt auch nicht mehr in den letzten zwei Wochen. Außerdem gibt es genügend digitale Möglichkeiten und jedem Schüler ist klar, mit dem Internet kann man mehr anstellen als YouTube gucken. In Zeiten von Influenza und Co. reicht es nicht, dem Influencer zu folgen. 

Also, das Argument zieht irgendwie nicht. Und mal ehrlich: Will ich als Corona-Jahrgang tatsächlich für den Rest meines Lebens einen Mitleids-Bonus haben?? Ich persönlich bin da anders unterwegs. Was ich aber gut verstehe: Jetzt wieder zur Schule gehen zu müssen, ist ätzend. Abstandsregeln, Masken, keine Umarmungen, keine Küsschen – da muss man sich schon was einfallen lassen. Und nein, ich rufe an dieser Stelle nicht dazu auf, die Corona-Schutzmaßnahmen bewusst zu umgehen und ja, ich weiß wie wichtig sie sind…

Aber mich beschleicht ein mulmiges Gefühl, wenn ich an die Zukunft denke. Was macht diese neue Distanz mit uns? Klar, ich fand es vor Corona auch nicht toll, wenn man beim Einkaufen so auf die Pelle rückte, dass man mir mit dem Einkaufswagen in die Hacken fuhr. Und ich musste noch nie bei irgendwelchen Sitzungen zwanzig Menschen plus XX zwingend das Schwitzehändchen drücken. Aber ich mag es schon, bestimmte Menschen (die ich mir unabhängig vom Verwandtschaftsverhältnis aussuche!) zur Begrüßung oder zur Verabschiedung in den Arm zu nehmen. Ich mag es, wenn Menschen mich anlachen – nicht nur mit den Augen, sondern mit offenem Visier. Wird diese neue Distanz auch zu einer Distanziertheit zwischen den Menschen führen? Das kann man wohl noch nicht beurteilen. Aber ich finde es gruselig, wenn schon jetzt in den elektronischen Medien Fragen auftauchen, ob jemand zur Einschulung im Sommer passend zum Muster von Tornister und Turnbeutel einen Mundschutz nähen kann. 

Noch zwei Dinge gehen mir gerade mächtig auf den Geist: Zum einen die Zeitgenossen, die sich über die coronabedingte Entschleunigung freuen und mich zu der Frage veranlassen, warum sie offensichtlich vor Corona ein komplett fremdbestimmtes Leben führten und zu einer persönlichen Entscheidung im Hinblick auf ihre Entschleunigung nicht fähig waren – und zum anderen jene Klugscheißer, die mich mahnen, ich solle die Einschränkungen einfach hinnehmen, weil ich das psychologisch besser verarbeiten könne als mich in eine permanente Opposition zu begeben. 

Erstens hätte ein Journalist, der nichts hinterfragt wohl seinen Beruf verfehlt. Zweitens bedeutet Hinterfragen nicht grundsätzliches Ablehnen und drittens muss man sich um meine Psyche keine Sorgen machen. Die Angst frisst meine Seele nicht auf. 

Kurz zurück zum Thema Abitur und abgesagte Feier. Was ich nicht verstehe: Während überall im Land Demonstrationen mit tausenden von Menschen genehmigt werden (zu den Inhalten sag ich jetzt mal nix), könnten doch auch 100 Abiturienten einer Schule irgendetwas organisieren? Wenn Gastronomen es schaffen, mit leeren Stühlen auf sich aufmerksam zu machen, würde ich mir eine „Abimonstration“ auf der Heggerstraße wünschen – gern in festlichem Gewand und mit Forderungen an Politik und Gesellschaft. Selbstverständlich mit Abstand. 

%d Bloggern gefällt das: