Hattingen – Wer die Grünfläche hinter den Häusern Am Rosenberg heute (27. Mai 2026) sieht, sieht Hochbeete, eine Kräuterspirale, ein Gewächshaus, einen Bauwagen, kleine Zäune, Stauden, Beerensträucher und Kinder, die mit der Nase ganz dicht an Minze, Salbei oder Zitronenmelisse hängen. Wer die Fläche vor einem Jahr gesehen hat, versteht erst, was dort entstanden ist. Damals war es keine Gartenfläche, sondern eher eine mitteleuropäische Wildgraslandschaft auf Abwegen. Brombeeren arbeiteten sich durch das Gelände, das Gras stand hoch, ein Durchkommen war kaum möglich. Ein kleines Stück Urwald mitten in der Nachbarschaft. Heute ist daraus eine kleine Oase geworden.
Das Gelände gehört der Hattinger Wohnungsbaugenossenschaft hwg. Ohne deren Unterstützung wäre dieses Projekt kaum möglich gewesen. Sie stellte nicht nur die Fläche zur Verfügung, sondern half auch ganz praktisch mit. Wenn gemäht werden musste, wenn Material bewegt wurde oder das Gewächshaus aufgebaut werden sollte, waren die Gärtner und Mitarbeitenden zur Stelle. „Ohne die hwg liefe hier nichts“, brachte es Judith Büthe, Projektleiterin VHS, auf den Punkt.
Der Kita-GreenTeam-Tag zeigte nun, was aus dieser Unterstützung, viel Ausdauer und vielen kleinen Händen geworden ist.
(Foto: Holger Grosz, RuhrkanalNews)

Gemeinsam wachsen
Hinter dem Green Team steht das Förderprojekt „Gemeinsam wachsen“ der Volkshochschule Hattingen. Es wird im Rahmen eines Förderprogramms des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge unterstützt. Die Idee: Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte kommen über einen Gemeinschaftsgarten miteinander in Kontakt. Nicht über große Reden, sondern über Erde, Pflanzen, Wasser, Arbeit, Gespräche und gemeinsame Erlebnisse.
Claudia, die das Projekt von Seiten der VHS organisatorisch und finanziell begleitet, erklärte den Hintergrund bei der Vorstellungsrunde. Die Volkshochschule hatte den Antrag gestellt, den Zuschlag erhalten und dann die hwg mit ins Boot geholt. Das Projekt ist grundsätzlich auf drei Jahre angelegt. Ziel ist es, dass am Ende nicht nur ein schöner Garten bleibt, sondern im besten Fall auch Menschen, die ihn weitertragen.
Für die inhaltliche Arbeit ist Judith Büthe als Projektleitung eine der wichtigen Ansprechpartnerinnen. Sie ist diejenige, die regelmäßig vor Ort ist, plant, begleitet, organisiert, improvisiert und gemeinsam mit anderen dafür sorgt, dass aus einer Idee ein lebendiger Ort wird.
Erst war es schwer, Menschen zu gewinnen
Ganz einfach war der Start nicht. Im ersten Jahr sei es schwierig gewesen, überhaupt Menschen für den Garten zu gewinnen, erzählte Judith Büthe. Eine der ersten, die dabei blieb, war Naomi Taha. Sie engagiert sich ehrenamtlich im Frauencafé und kam über diesen Kontakt zum Projekt.
Aus einem ersten Ausprobieren wurde regelmäßige Mitarbeit. Naomi pflanzte mit, brachte sich ein, erzählte anderen Frauen von dem Garten und kam auch mit Kindern wieder. So wurde der Garten nicht nur ein Projekt auf dem Papier, sondern ein Ort, an den Menschen tatsächlich zurückkehren.
Ein wichtiger Partner wurde zudem die AWO-Kita Am Rosenberg. Die Kita liegt direkt in der Nachbarschaft. Für Erzieher Daniel Rudert war schnell klar, dass die Kinder dort gut aufgehoben sind. „Erstens sind wir in der Nachbarschaft, zweitens sind die Kinder immer interessiert daran, Dinge zu tun und etwas zu machen“, sagte er.
Zunächst kamen die Vorschulkinder. Später wurde das Angebot auch auf jüngere Kinder ausgeweitet. Einmal in der Woche geht es nun mit Judith und Naomi in den Garten. Meist ist auch jemand aus der Kita dabei. Und wer glaubt, Kinder müssten zu so einem Projekt überredet werden, irrt. „Es gibt eigentlich keine Tage, an denen wir sagen: Komm, wir gehen zum Gartenprojekt, und alle sagen nö“, erzählte Daniel Rudert. Das Projekt sei immer gut besucht.
(Fotos: Holger Grosz, RuhrkanalNews)



Kinder sehen, was aus ihrer Arbeit wird
Der besondere Wert liegt nicht nur darin, dass die Kinder pflanzen. Sie erleben auch, was daraus wird. Sie haben mit kleinen Gewächshäusern angefangen, haben Samen vorgezogen, Pflanzen gesetzt, fotografiert und später gesehen, wie aus ihrer Arbeit etwas wächst.
Das ist mehr als ein Ausflug in den Wald oder eine pädagogische Einheit über Natur. Hier liegt der Garten direkt vor der Haustür. Die Kinder kommen wieder. Sie sehen Veränderungen. Sie erkennen Pflanzen wieder. Sie riechen, fühlen, probieren und begreifen nebenbei, dass Wachstum Zeit braucht.
Nicht jedes Kind hat zuhause einen Garten oder einen direkten Zugang zu solchen Erfahrungen. Hier dürfen sie matschen, graben, riechen, staunen und manchmal auch einfach nur fotografieren, wenn Erde und nasse Hände gerade nicht so beliebt sind.
Denn auch Fotografie gehört zum Projekt. In den Wintermonaten, als draußen noch wenig zu tun war, wurde in der Kita gearbeitet. Mit iPads dokumentierten die Kinder Farben, Formen, Linien und Strukturen. Was für Erwachsene ein Fotoworkshop sein könnte, wurde kindgerecht heruntergebrochen. Die Kinder nahmen das erstaunlich gut auf. Inzwischen übernehmen manche freiwillig die Dokumentation, wenn gepflanzt wird.
Eine Kräuterspirale mit Cola-Geruch
Besonders lebendig wurde es an der Kräuterspirale. Dort zeigten die Kinder, was sie schon kennen. Minze, Salbei, Zitronenmelisse und sogar eine Cola-Pflanze wurden berochen, angefasst und diskutiert.
„Riech mal“, „Ich rieche nichts“, „Doch, jetzt rieche ich es“, „Kann man das essen?“ – solche Sätze erzählen manchmal mehr über ein Projekt als jede Konzeptbeschreibung. Die Kinder rieben Blätter zwischen den Fingern, hielten sie sich unter die Nase und wunderten sich, dass eine Pflanze tatsächlich nach Cola riechen kann. Aus Kräutern wurde plötzlich keine Nebensache am Beetrand, sondern ein kleines Abenteuer.
Die Kräuterspirale wurde mit den Kindern angelegt. Sie suchten Pflanzen aus, setzten sie ein und können nun erklären, was dort wächst. Auch das gehört zum Wert dieses Ortes: Kinder sind hier nicht nur Besucher. Sie sind Beteiligte.
(Fotos: Holger Grosz, RuhrkanalNews)
Hochbeete, Gewächshaus und kleine Raketen-Zäune
Der Garten ist nach und nach entstanden. Einen fertigen Plan vom Reißbrett gab es nicht. Judith Büthe sagte offen, dass sie keine Landschaftsgärtnerin sei. Es wurde geschaut, was möglich ist, was zum Gelände passt und was die Kinder gut nutzen können.
Das Gelände selbst brachte Herausforderungen mit. Der Boden ist fest, teils steinig und lehmig. Eine vorhandene Mauer kann nicht einfach als Spielfläche genutzt werden. Also musste pragmatisch geplant werden. Das Gewächshaus wurde mit Unterstützung der hwg aufgebaut. Bei den Hochbeeten gab es Überlegungen, welche Form sinnvoll ist. Am Ende fiel die Wahl auf Hochbeete mit Ablageflächen, auf die Kinder auch klettern können, um selbst besser pflanzen zu können.
Vorne wurden Stauden gesetzt. Damit kleine Pflanzen nicht gleich wieder zertreten werden, kamen keine schweren Absperrungen, sondern kleine, verspielte Zäune zum Einsatz. Sie sehen eher aus wie kleine Raketen als wie ein Verbotsschild. Auch das passt zu diesem Garten. Er soll nicht streng wirken, sondern einladen.
Dazu kommt ein Tipi aus Naturmaterialien, gestaltet mit Unterstützung von Martin Maschka. Auch rund um die Beerenhecke soll noch weitergearbeitet werden. Himbeeren, Brombeeren und Johannisbeeren sollen künftig nicht nur wachsen, sondern den Garten auch ein Stück weit einfassen.
Mehr als Gartenarbeit
Das Green Team ist längst mehr als ein Beetprojekt. Es verbindet Gartenarbeit mit Bildung, Kreativität und Begegnung. Neben der Arbeit mit der Kita gibt es Kontakte zum Holschentor und zum Frauencafé. Geplant sind weitere Exkursionen, unter anderem mit fotografischem Schwerpunkt in der Stadt, an der Ruhr und im Garten.
Auch Workshops sollen den Garten weiter öffnen. Im Sommer ist ein Angebot im Rahmen des Kulturrucksacks geplant. Dabei soll mit Naturpflanzen gefärbt werden. Rote Bete, Blätter, Blüten und andere Naturmaterialien werden dann nicht nur angeschaut, sondern zu Farbe. Das Angebot richtet sich zunächst an ältere Kinder zwischen zehn und 14 Jahren. Gleichzeitig wurde vor Ort schnell deutlich: So etwas könnte auch für jüngere Kinder spannend sein.
Weitere kreative Ideen stehen im Raum. Fotografie, Naturmaterialien, Licht, Papier, Pflanzen – der Garten bietet viele Möglichkeiten, Kinder anders an Natur, Gestaltung und Wahrnehmung heranzuführen.
Die Frage nach der Zukunft
So schön der Garten heute aussieht, ganz sicher ist seine Zukunft noch nicht. Das Projekt war ursprünglich auf drei Jahre ausgelegt. Bewilligt wurde zunächst ein Jahr, inzwischen konnte verlängert werden. Für ein drittes Jahr muss erneut ein Antrag gestellt werden. Die Förderlandschaft ist nicht einfacher geworden, besonders im Bereich Migration und Integration.
Dabei geht es nicht nur um Pflanzen und Material. Ein solches Projekt kostet Geld: Honorare, Personal, Workshops, Ausstattung, Geräte und fachliche Unterstützung. Der Bauwagen, die Hochbeete, das Gewächshaus und viele Materialien wurden über das Projekt angeschafft. Sie stehen der Stadt beziehungsweise dem Projektzusammenhang zur Verfügung und könnten grundsätzlich weiter genutzt werden. Doch damit ein Ort lebt, braucht er Menschen, die sich kümmern.
Genau das ist die Hoffnung. Dass im dritten Jahr Strukturen entstehen, die bleiben. Dass Nachbarschaft, Kita, Frauencafé und weitere Beteiligte den Garten nicht nur als Projektfläche sehen, sondern als ihren Ort.
Noch ist die Nachbarschaft nicht in dem Umfang beteiligt, wie es ursprünglich gewünscht war. Aber vielleicht braucht ein Garten manchmal genau das, was Pflanzen auch brauchen: Zeit.
Ein Ort, der zeigt, was möglich ist
Am Rosenberg ist aus einer überwucherten Grünfläche kein perfekt gestylter Schaugarten geworden. Zum Glück. Es ist ein lebendiger Ort entstanden. Einer, an dem Kinder mit zu großen Handschuhen Kräuter riechen. An dem Erwachsene erklären, improvisieren und manchmal selbst staunen. An dem eine Wohnungsbaugenossenschaft, eine Volkshochschule, eine Kita, ein Frauencafé und engagierte Menschen gemeinsam etwas wachsen lassen.
Wer das Gelände vor einem Jahr gesehen hat, versteht, wie viel Arbeit darin steckt. Wer es heute zum ersten Mal sieht, sieht vielleicht einfach einen schönen kleinen Garten. Aber genau das ist vielleicht das größte Kompliment.
Denn aus Brombeeren, hohem Gras, einem Bauwagen und einer Idee ist ein Ort geworden, an dem Kinder lernen können, dass man nicht alles kaufen muss, was schön ist. Manches muss man pflanzen. Pflegen. Wiederkommen. Und dann irgendwann staunen.






































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