UNBEGLEITETE MINDERJÄHRIGE FLÜCHTLINGE IN HATTINGEN

Hattingen- Zur Zeit leben in Hattingen 52 unbegleitete minderjährige Ausländer, sogenannte UMAs. Seit November 2015 sind mit den Flüchtlingsströmen auch viele unbegleitete minderjährigen Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Die Jugendlichen, die in Hattingen leben, sind zwischen 12 und 17 Jahre alt und kommen aus Syrien, Afghanistan, Irak, Marokko, Algerien und Ghana. Sie sind über Zuweisung durch die Landesstelle Köln oder aus der Landeseinrichtung in der Talstraße nach Hattingen gekommen. Bei ihnen handelt es sich ausschließlich um Jungen. Im Interview erzählt uns Juliane Lubisch vom Fachbereich Jugend, Schule und Sport der Stadt Hattingen, wie die jungen Menschen in Hattingen leben und was sie hergeführt hat.

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Wo sind die unbegleiteten minderjährigen Ausländer untergebracht und wer ist für sie zuständig?

Juliane Lubisch: Die UMAs sind in sechs verschiedenen Betreuungsunterkünften untergebracht, im DGB Jugendbildungszentrum Am Homberg, in einer Wohnung der hwg in der Südstadt, im Hotel Toskana in Welper, im ehemaligen Pfarrhaus in Welper, im Haus Friede und in einer Einrichtung in Hagen.

Zuständig für die Minderjährigen ist immer das örtliche Jugendamt. Es werden für die Kinder und Jugendlichen Vormünder eingerichtet, die in unserem Fall zum Jugendamt der Stadt Hattingen gehören. Der Vormund für unsere unbegleiteten minderjährigen Ausländer ist ein städtischer Mitarbeiter in Teilzeit. Dieser Vormund ist verantwortlich anstelle der Eltern, für alle Belange der Jugendlichen einzutreten. Er kann für sein Mündel also beispielsweise Anträge beim hiesigen Jugendamt stellen.

Wie kommen diese Kinder und Jugendlichen, die teilweise gerade erst zwölf Jahre alt sind, ohne ihre Eltern nach Deutschland?

Juliane Lubisch: In der Regel sind unsere unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge wirklich alleine in sogenannten Fluchtgemeinschaften hergekommen. Das heißt, Jugendliche haben sich auf der Flucht zusammengefunden und sind die Wege gemeinschaftlich gegangen.

Bei den jüngeren ist es auch schon einmal so, dass eine flüchtende Familie ein Kind erst einmal mitgenommen hat. Wir haben in Hattingen viele junge Menschen mit einem Elternteil im Herkunftsland. Die sind häufig aus politischen Gründen geschickt worden, weil sie in der Minderheit waren und man in Dorfgemeinschaften Geld zusammen gelegt hat, damit wenigstens eines der Kinder in Sicherheit kommt – sicher auch mit der Hoffnung, später eine Familienzusammenführung hinzubekommen. Das ist die große Belastung unserer Jungs, denn sie kommen alle mit einem Auftrag. Der Wunsch ist meistens, dass die Eltern nachkommen können. Wir haben zum Beispiel einen jungen Mann aus Ghana, der hochmotiviert ist, sich zu integrieren. Er hat eine behinderte Mutter in Afrika zurückgelassen und weiß, wie schlecht es seiner Mutter geht. Sein größter Wunsch ist es, schnell hier die Möglichkeit zu bekommen, Geld zu verdienen, um seine Mutter zu unterstützen.

Wie funktioniert das mit der Familienzusammenführung? Wann ist sie möglich?

Juliane Lubisch: Es muss zunächst das Asylverfahren abgeschlossen sein und das zieht sich aufgrund der Berge an Anträgen. Das ist etwas, was für die Jungs sehr schwer zu ertragen ist. Ein bis zwei Jahre müssen sie im Schnitt warten und auch dann gilt das, was für alle Asylsuchenden gilt. Asylsuchende aus einem als nicht sicher eingestuften Herkunftsland haben größere Chancen, als solche aus sicheren Drittstaaten. Es muss nicht jedes Asylverfahren für unsere Jugendlichen positiv ausgehen.

Welche Maßnahmen zur Integration gibt es in Hattingen?

Juliane Lubisch: Als Jugendhilfeträger haben wir laut Gesetz die Pflicht des Förderns, Stützens und Stärkens mit dem Ziel, bei den Jugendlichen eine Verselbstständigung hinzubekommen, damit sie integriert werden können als vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft – das ist unser Großauftrag. Die örtlich zuständigen Jugendämter haben Strukturen zu schaffen, die das möglich machen. Dazu gehört es, dass wir Anbieter der ambulanten Jugendhilfe haben. Wir haben dabei auf Anbieter zurückgegriffen, mit denen wir über Jahrzehnte sehr gute Erfahrungen gemacht haben und die verlässliche, gute fachliche und pädagogische Partner waren und sind und uns massiv unterstützt haben, als alles sehr schnell gehen musste. Wir haben aber auch gute Unterstützung vom Landesjugendamt erhalten und außerdem hochmotivierte Mitarbeiter auch in unseren eigenen Reihen.

Jetzt sind wir dabei, so gute Konzepte zu stricken, dass unsere Jugendlichen möglichst gut in unserer Stadtgesellschaft ankommen und sich einbringen können, damit es miteinander gut läuft. Das heißt, wir sorgen durch die Anbieter für eine gute Tagesstruktur und eine pädagogische Ansprache. Die Kinder sind ohne Familie hier, daher müssen alle Anbieter sehr gute Beziehungsarbeit leisten.

Wir haben außerdem große Unterstützung durch Schulen, wie das Berufskolleg und das Gymnasium Holthausen, die Integrationsklassen gebildet haben. Also da ist eine große Hilfestellung vorhanden. Und auch im Bereich des Ehrenamtes gibt es viel Unterstützung.

Wir versuchen hier den Alltag miteinander zu leben und uns aneinander gewöhnen, allein schon mit dem Essen. Unsere Jungs müssen viel lernen, was kulturelle Unterschiede betrifft im Hinblick auf Männer und Frauen. Wir haben sehr intensiv mit allen Jungen zum Grundgesetz gearbeitet. Das nächste Thema, das wir angehen, wird sexuelle Identität und Sexualerziehung sein. In jeder Familie, in der jemand in die Pubertät kommt, ist das ein Thema und hier sind ganz viele Jungen ohne Eltern.

Auch Spracherziehung ist ein großes Thema. Hier sind auch Ehrenamtler zusätzlich zur Schule dabei, mit unseren Jungs zu üben und ich beobachte, dass die Jungen deutliche Fortschritte machen. Am Anfang konnten wir uns nur auf Englisch unterhalten oder mit Dolmetscher, mittlerweile klappt das schon besser im Alltag. Da bin ich sehr zuversichtlich und ich erlebe eine hohe Motivation bei unseren Jungen.

Aber uns läuft die Zeit ein bisschen weg, denn in der Regel ist die Jugendhilfe mit 18 Jahren beendet, das heißt wir müssen in sehr komprimierter Form viel schaffen. Ein 18-Jähriger, der hier geboren wurde, hatte 18 Jahre Zeit in der Bundesrepublik. Das Ziel der Jugendhilfe ist immer, dass ein 18-Jähriger ins Leben starten kann. Wir werden Einzelfallsituationen haben, wo wir punktuell noch unterstützen müssen, aber das Ziel ist es, möglichst die Selbstständigkeit zu erreichen.

Gibt es auch Möglichkeiten der Integration im Freizeit-Bereich, wie zum Beispiel in Sportvereinen?

Juliane Lubisch: Ja, das läuft hervorragend. Ein großes Lob an der Stelle an die Sportvereine. Wie immer – und anders kenne ich es in Hattingen auch nicht – sind sie hochmotiviert, unsere Jugendlichen zu unterstützen. Dasselbe gilt für unsere Kinder- und Jugendeinrichtungen – alle Treffs wie das Haus der Jugend sind mit am Start. So werden unsere Anbieter hervorragend unterstützt. Ich finde, wir haben hier in Hattingen eine sehr gute Kultur der Unterstützung.

Unsere Jungs lieben Fußballspielen und wir haben auch eine erste Kooperation mit der Musikschule angestoßen, weil wir Jungen haben, die gerne musisch etwas machen wollen.

Ich möchte mich bedanken, bei allen Mitstreitern – sowohl bei den Anbietern als auch bei Kolleginnen und Mitarbeitern, den Ehrenamtlichen, den Sportvereinen, den Schulen, den Kollegen in den Treffs – es ist ein hohes Bemühen aller Akteure da, dass es gut läuft in unserer Stadt. Es ist nur in der Gemeinschaft zu schaffen.