LWL-AUSSTELLUNG PAPIERWELTEN

Das zwei Meter lange Diorama zeigt einen Marinestützpunkt um 1911 in der chinesischen Stadt Tsingtau. Foto: LWL/Gehrmann


Witten-  Unter dem Titel „Papierwelten – Kartonmodellbau gestern und heute“ zeigt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) bis 3. Oktober in seinem Industriemuseum Zeche Nachtigall in Witten (Ennepe-Ruhr-Kreis) eine Auswahl von über 70 Modellen aus verschiedenen Epochen, darunter Gebäude wie die Kathedrale von Reims, Schiffe und Fahrzeuge. Höhepunkte sind ein Kruzifix von 1529, das als erstes Kartonmodell bekannt ist, und ein zwei Meter langes Diorama, das Szenen in der chinesischen Stadt Tsingtau um 1911 darstellt. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit den Kartonmodellbaufreunden der Modellsportgemeinschaft (MSG) Duisburg.

LWL-Museumsleiter Michael Peters liegt das Projekt nicht nur am Herzen, weil die Objekte mit ihrem großen Detailreichtum faszinierend anzusehen sind. „Die Modelle erzählen jeweils auch ein Kapitel Architektur-, Technik- oder Kulturgeschichte“, erläutert Peters. Der Ursprung des Papierhandwerks reicht ins 16. Jahrhundert zurück. Wandelnde Drucktechniken sorgten für die Verbreitung von Modellbaubögen. Auf Holz- und Kupferstich folgte die Lithografie. Das von Alois Senefelder (1771-1834) erfundene Druckverfahren mit Steinplatten ermöglichte eine kostengünstige, einfache und auflagenstarke Produktion von Papierbögen jeder Art. Bekannte Verlage wie Schreiber oder Scholz konnten auf diese Weise ein breiteres Repertoire an Bausätzen anbieten, die für die Masse bezahlbar wurden. 

Viel Geschick, Geduld und Fingerspitzengefühl sind gefragt, um aus zweidimensionalen Modellbaubögen detailgetreue Kunstwerke aus Papier und Pappe zu erstellen. Unzählige Stunden sitzt auch Werner Grebenstein an seinen Stücken. Er benötigt nur wenige Werkzeuge: „Neben Papierschere und Klebstoff sind Falzbein, Klammern und Nadeln zum Fixieren hilfreich. Ich benutze aber am häufigsten das klassische Cutter-Messer“, erzählt der passionierte „Kartonist“. Im Urlaub im Harz hat er bei einem Spaziergang ein heruntergekommenes Haus entdeckt, es fotografiert und daraus einen eigenen Bogen konstruiert. Das fertige Modell gehört jetzt zu den Schmuckstücken der Ausstellung in Witten. 

Die Ausstellung zeigt auch Papiertheater. Die auch als Tisch-, Zimmer- oder Haustheater bezeichneten Miniaturbühnen erlebten besonders in bürgerlichen Familien ab den 1820er Jahren eine Blütezeit. Drucktechnik, Theaterfaszination und Bildungsbeflissenheit trugen zur Verbreitung in Europa bei. Aus Figuren- und Kulissenbögen entstanden detailgetreue Kleinstbühnen, die sich an den zeitgenössischen Inszenierungen der großen Theater orientierten. Opern, Schauspiele und Märchen vermittelten Wissen und unterhielten Familien.

Eigens für die Ausstellung wurde das Modell „Schachtanlage Hercules der Zeche Vereinigte Nachtigall Tiefbau 1840“ entwickelt. Besucher dürfen sich den Baubogen kostenlos mitnehmen.

Hinweise zum Museumsbesuch: Im Eingangsbereich und in allen geschlossenen Räumen ist das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes Pflicht. Das Besucherbergwerk auf Zeche Nachtigall bleibt vorerst geschlossen. 

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