Hattingen – Mittags (31. Januar 2026) füllte sich die Kirche erst mit Leben – und dann mit Tellern: Über 200 Gäste kamen zur Vesperkirche. Pfarrer Hansjörg Federmann und Helferteam freuten sich über viele bekannte Gesichter vom letzten Jahr, aber auch über Menschen, die man sonst eher tagsüber in der Fußgängerzone trifft. „Die Freiwilligen waren pünktlich da, hochmotiviert und haben das den Vormittag über prima gemacht. Also so kann es weitergehen“, sagte der Pfarrer zufrieden. Und genau dieses Gefühl – eingeladen sein, dazugehören, gemeinsam am Tisch sitzen – setzte sich am Abend fort, nur in einer ganz anderen Form.
Denn später wurde aus der Kirche eine Bühne für „Es ist angedichtet“ – ein literarisch-musikalischer Abend in mehreren „Gängen“. Das Wort „Galadinner“ führte dabei charmant in die Irre: Es gab kein Menü, sondern eine poetische Speisenfolge – serviert in Texten, Liedern und Pointen rund um Essen, Hunger, Gastlichkeit und Genuss. Isabel Stang, Peter Gollan und Ralf Kusebauch führten durch den Abend, musikalisch gewürzt von Anna Lensing, Andreas Lensing, Ingo Rodowsky, André Villano, Renate Lage und Christian Hölbing. Schon der Auftakt mit „Willkommen, Bienvenue, Welcome“ aus Cabaret machte klar: Das hier ist kein Programmpunkt – das ist eine Inszenierung.
Literatur ist kein Mainstreamprodukt – das merkte man auch daran, dass noch Plätze frei waren. Und trotzdem: Wer da war, bekam einen Abend, der hängen bleibt. Denn das Thema „Essen“ wurde nicht gemütlich abgefeiert, sondern in all seinen Bedeutungen aufgeschlüsselt. Brecht legte den dunklen Grundton: Satt sein – und gleichzeitig wissen, dass anderen etwas fehlt. Borcherts „Das Brot“ traf leise und mitten ins Herz: diese nächtliche Szene in der Küche, Krümel auf dem Tischtuch – und plötzlich ist Hunger nicht mehr nur ein Wort, sondern eine Lebenslage. Genau diese Mischung machte den Abend stark: Literatur nicht als Dekoration, sondern als Spiegel.
Vesperkirche Galadinner © ruhrkanalNEWS (Fotos: Holger Grosz)
Und dann kam der Teil, bei dem die Kirche hörbar „aufatmete“: Humor – aber einer, der Tiefgang hat. Bei Loriot lachte man zuerst über das scheinbar Banale, bis man merkt, dass das Absurde oft näher am eigenen Alltag ist als einem lieb ist. Musikalisch passte das wie ein gut gesetztes Gewürz: Reinhard Mey mit „Die Schlacht am kalten Buffet“ – als kleine Gesellschaftsstudie – und Vico Torriani mit der „kleinen Konditorei“, bei der viele die Melodie sofort im Ohr hatten, aber nach gefühlt 70 Jahren nicht mehr textsicher waren. Einer dieser Momente, in denen Gemeinschaft entsteht, ohne dass es jemand planen muss.
Der heimliche Hit des Abends kam ausgerechnet als Geschichte über ein Essen – nicht auf dem Tisch, sondern im Text: Ephraim Kishon erzählt von einer Theatertruppe, die nach einer misslungenen Premiere in ein feines Restaurant einfallen will – erst eine große Runde, dann immer kleiner, weil sich nach und nach Leute „verflüchtigen“. Irgendwann hängt sie in der Luft, diese unausgesprochene Frage: Wer zahlt eigentlich? Was dann folgt, ist ein köstliches Spiel aus Etikette, Ausreden und stillen Hoffnungen – und am Ende liegt die Rechnung wie eine Bombe unter der Serviette. Man lacht – und merkt gleichzeitig: Das ist nicht nur witzig. Das ist eine ziemlich genaue Beobachtung darüber, wie Menschen ticken, wenn’s ernst wird.
So wurde „Es ist angedichtet“ zu einem Abend, der mehr war als Kulturprogramm: Essen als Thema – Gemeinschaft als große Klammer – Literatur als Spiegel.
Vielleicht ist genau das das Besondere an diesem Format: Es macht satt – nicht den Magen, sondern den Kopf und das Herz. Und es passt damit erstaunlich gut zu einem Tag, der mittags bei der Vesperkirche begann: zwei völlig unterschiedliche Arten von „Gastlichkeit“, aber beide mit derselben Botschaft: Zusammen schmeckt das Leben anders – selbst wenn es am Abend nur Worte sind.















Der Auftakt der Vesperkirche begann am Mittag mit Grünkohl und Mettwurst und fand am Abend seinen festlichen Höhepunkt im „Galadiner“. Wunderbare Begegnungen, Gespräche und viel Humor prägten den Tag.
All das wäre ohne die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer nicht möglich gewesen. Deshalb ein herzliches Dankeschön an das wunderbare Team rund um Pfarrer Hansjörg Federmann.