Hattingen – Der Steinweg gehört zu den Orten in Hattingen, an denen man nicht zufällig vorbeikommt. Wer hier nicht wohnt, verirrt sich selten in diese steile Ecke. Es geht bergauf, bergab, die Häuser hängen gefühlt am Hang, und wer zum ersten Mal vor dem ausgezeichneten Vorgarten von Ina Böckenhüser steht, merkt schnell: Das ist kein Vorgarten im klassischen Sinne. Das ist ein kleines Hangparadies. Ein Garten, der nicht einfach angelegt wurde, sondern sich über Jahre in den Hang hineingearbeitet hat.
Dafür wurde Ina Böckenhüser jetzt ausgezeichnet. Sie gehört zu den Gewinnerinnen des Vorgartenwettbewerbs „Hattingen blüht auf – Bewirb dich mit deiner ökologischen Oase“. Mit dem Wettbewerb wollte die Stadt positive Beispiele sichtbar machen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger gegen Schottergärten, sondern mit guten Vorbildern, die zeigen, wie lebendig, schön und ökologisch wertvoll ein Vorgarten sein kann.
Und genau das ist dieser Garten am Steinweg: lebendig, gewachsen, voller Struktur und voller Geschichten.
Schon der Untergrund hat es in sich. Als das Haus fertig war und später das Nachbarhaus gebaut wurde, landete Bauschutt auf dem Gelände. Ausgerechnet dieser schwierige Boden wurde zur Grundlage des Gartens. Wer hier einen Baum pflanzen will, sollte den Spaten besser direkt stehen lassen und zur Spitzhacke greifen. Mutterboden ist hier nicht die Regel. Steine dagegen gibt es reichlich. Ina Böckenhüser hat sie nicht als Problem gesehen, sondern als Material. Viele der Bruchsteine wurden ausgegraben, in die Hand genommen und wieder verbaut. Als kleine Mauern, als Wege, als Stufen, als Halt im Hang.
„Ich habe jeden Stein, der hier verbaut ist, in der Hand gehabt“, erzählt sie. Nur die große Mauer sei nicht von ihr selbst gebaut worden. Alles andere habe sich Stück für Stück entwickelt. Genau das ist ihr wichtig. Ein Garten müsse nicht in einer Woche fertig sein. Er dürfe wachsen, sich verändern und jedes Jahr ein neues Stück dazubekommen.
Dass ihr das Gärtnern liegt, kommt nicht von ungefähr. Mutter und Großvater waren Gärtner, sie selbst hat neben ihrer Lehrerausbildung auch eine Floristenausbildung gemacht. „Floristen machen die Blumen kaputt, Gärtner pflanzen sie an“, sagt sie mit einem Lächeln. Heute kann sie beides gebrauchen. Denn im Sommer kommen die Blumensträuße aus dem eigenen Garten.
Der Garten ist nicht durchgeplant wie eine sterile Musteranlage. Er wirkt eher wie ein sehr persönliches Sammelalbum aus Pflanzen, Urlauben, Fundstücken und Rettungsaktionen. Manche Pflanzen stammen aus der „Rette-mich-Ecke“ im Baumarkt, andere waren kleine Setzlinge vom Markt, wieder andere wurden aus Stecklingen gezogen. Aus Österreichurlauben brachte Ina Böckenhüser Pflanzen, Steine und dekorative Elemente mit. Teilweise sogar im Zug. Ihre Kinder kennen das offenbar längst. Wenn die Mutter mit neuen Pflanzenschätzen zurückkommt, gehört das dazu.
Farblich hat der Garten trotzdem ein klares Konzept. Weiß, Pink, Lila und Grün bestimmen das Bild. Hortensien, Lavendel, Frauenmantel, Minze, Rosmarin, Funkien und viele andere Pflanzen bilden ein dichtes, lebendiges Ganzes. Dazu kommen unterschiedliche Höhen, Terrassen, kleine Wege und Sitzplätze. Der Hang wurde nicht bekämpft, sondern genutzt.
Auch ökologisch funktioniert dieses kleine Gartenreich. Das große Summen und Brummen zwischen den Pflanzen ist der beste Beweis. Bienen, Hummeln und andere Insekten finden hier Nahrung. Gleichzeitig hilft die Bepflanzung, den Hang zu stabilisieren. Gerade bei Starkregen ist das wichtig. Die Steine und Wurzeln halten den Boden, der früher alles andere als gartenfreundlich war.
Bei der Preisverleihung übergab die Stadt neben der Urkunde auch einen Spaten und Samentüten aus der Saatgutbibliothek. Die Idee dahinter: heimische Arten fördern, Vielfalt erhalten und die Stadt ökologisch weiterentwickeln. Auch die Stadt selbst sei seit Jahren dabei, ihre Flächen genauer anzuschauen, Bepflanzungen zu verändern und Konzepte weiterzuentwickeln. Die Stadtmauer wurde dabei als eines der ersten Projekte genannt. Mittlerweile gebe es in vielen städtischen Beeten Stauden und naturnahe Pflanzungen.
Die Bürgermeisterin machte bei der Preisverleihung deutlich, dass dieser Garten ein würdiger Preisträger sei. Wer hier stehe, könne kaum etwas anderes behaupten. Sie sprach auch das Thema Schottergärten an und berichtete offen, dass sie selbst einmal einen Schottergarten gehabt habe. Schön sei das vielleicht auf den ersten Blick, ökologisch aber sei es eine Katastrophe. Dazu komme, dass Schottergärten keineswegs so pflegeleicht seien, wie viele denken. Auch dort müsse gezupft und gearbeitet werden.
Der Garten von Ina Böckenhüser zeigt das Gegenteil. Ja, auch hier steckt viel Arbeit drin. Bei Hitze muss gegossen werden, manchmal sogar zweimal am Tag. Ein Bewässerungssystem gibt es nicht. Aber diese Arbeit zahlt sich sichtbar aus. Der Garten ist nicht nur im Sommer eine Augenweide. Auch im Herbst und Winter habe er seinen eigenen Reiz. Die Bepflanzung ist so gewählt, dass immer etwas passiert. Von den ersten Christrosen bis zu den letzten Blüten im Jahr.
Besonders schön ist, dass dieser Vorgarten nicht nur ein privater Rückzugsort ist. Er wirkt auch nach außen. Wer vorbeikommt, sieht, dass ökologische Gestaltung nicht nach Verzicht aussehen muss. Im Gegenteil: Hier ist sie üppig, farbig, persönlich und voller Leben. Genau solche Beispiele wollte der Wettbewerb sichtbar machen.









































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