Ein Leben, eine Stimme, ein Gefühl – Zum Tod von Bonnie Tyler

So kannte man Bonnie in den 70zigern (Foto: wikipedia)
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Ich war zarte fünfzehn, als ich mit einem Interrailticket von zu Hause ausbrach. Ziel: London. Nicht wegen der üblichen Helden meiner Freunde – nicht wegen Marc Bolan oder T. Rex. Ich wollte nur eine hören: diese eine Stimme, rau wie Schmirgelpapier und zugleich voller Wärme. Bonnie Tyler.

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Damals, Mitte der 1970er Jahre, trat sie oft in London auf, noch nicht als Weltstar, sondern mit ihrer eigenen Band Imagination. Ich erinnere mich an kleine Bühnen, an verrauchte Räume, an diese Energie, die sofort alles andere vergessen ließ. Ihr allererstes großes Konzert als Solokünstlerin – 1976 im London Palladium, als Vorgruppe von Gene Pitney – habe ich miterlebt. Und ich wusste: Das hier ist etwas Besonderes.

Vielleicht lag es auch daran, dass ich mich ein wenig in sie verliebt hatte. Sie sah meiner damaligen Freundin Klaudia erstaunlich ähnlich. Aber es war nicht nur das. Es war diese Stimme, die ich so noch nie gehört hatte. Eine Stimme, die nicht geschniegelt war, nicht perfekt im klassischen Sinne – sondern ehrlich, rau, kantig. Eine Stimme, die Geschichten erzählte, bevor man überhaupt auf den Text hörte.

Dabei begann alles viel früher: Schon ab 1969 sang sie in Clubs, unter anderem mit Bands wie Bobby Wayne & the Dixies. In den frühen 1970ern gründete sie ihre eigene Soulband Imagination und tourte durch die Pubs in Wales. 1975 wurde sie entdeckt, nach London geholt, und ein Jahr später stand sie bereits auf einer der großen Bühnen der Stadt – damals noch unter dem Namen Sherene Davis.

Ich wurde zu Hause belächelt. Andere fuhren wegen Glam Rock nach England, ich wegen einer Sängerin, die noch kaum jemand kannte. Doch ich schmolz dahin bei Liedern wie „Lost in France“, „More Than a Lover“ und später natürlich bei „It’s a Heartache“. Dieser Song wurde ein Welthit, verkaufte sich millionenfach, erreichte Platz 2 in Deutschland und Platz 3 in den USA – aber für mich war er immer mehr als nur ein Hit. Er war ein Gefühl.

Ihre Stimme, dieses unverwechselbare Reibeisen, entstand nicht zufällig. Nach einer Stimmbandoperation 1977 veränderte sich ihr Klang dauerhaft – weil sie die notwendige Schonzeit nicht einhielt. Was medizinisch als Fehler gelten mag, wurde künstlerisch zu ihrem Markenzeichen: eine raue, sandige Klangfarbe, irgendwo zwischen Rod Stewart und Janis Joplin. Tief in den Strophen, kraftvoll und fast schmerzhaft intensiv in den Höhen – getragen von einem Belting, das ihre Songs zu emotionalen Explosionen machte.

Bonnie Tyler blieb nie stehen. Sie sang mit Größen wie Todd Rundgren, Shakin’ Stevens, Frankie Miller, Cliff Richard und natürlich Meat Loaf, um nur einige zu nennen. Ihre Stimme passte sich an – und blieb doch immer unverkennbar sie selbst.

Nun ist diese Stimme verstummt. Bonnie Tyler verstarb am 8. Juli 2026 im Alter von 75 Jahren an den Folgen eines Darmdurchbruchs.

Was bleibt, ist mehr als Musik. Es bleibt das Gefühl eines fünfzehnjährigen Jungen in einem fremden Land, der zum ersten Mal begriff, dass eine Stimme ein Leben verändern kann.

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