Zeugnis der Gemeindeprüfungsanstalt: Stadt Hattingen ist versetzt, sollte aber über Nachhilfe nachdenken

Christian Schormann (GPA, Prüfer), Simone Kaspar (Stellvertreterin des GPA Präsidenten), Friederike Becker-Walschus (GPA, Leitung der Prüfung), Bürgermeisterin Melanie Witte-Lonsing (SPD);Frank Mielke, (Kämmerer) (vlnr) (Foto: Stadt Hattingen)

Hattingen- Die Stadt und die Stadtverwaltung werden regelmäßig durch die Gemeineprüfungsanstalt (GPA) bewertet. Dabei geht es darum, herauszufinden, wo effizient und gut gearbeitet wird und wo Politik und Verwaltung nachbessern sollten. Der aktuelle Prüfbericht wurde gestern (19. März 2026) in der Stadtverordnetenversammlung vorgestellt. Zusammenfassend lässt sich sagen: Hattingen bewegt sich im Mittelfeld im Vergleich zu anderen Kommunen gleicher Größe. Es gibt Dinge, da ist die Stadt Spitze, bei anderen Punkten gibt es deutliches Verbesserungspotenzial.

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Der aktuell Prüfungsbericht stellt der Stadt Hattingen ein „vergleichsweise ordentliches“ Zeugnis aus, spart aber nicht mit deutlicher Kritik an strategischen Schwachstellen. Während das Krisenmanagement glänzt, offenbaren das Finanzwesen und die Gremienstruktur dringenden Reformbedarf.

Es ist ein Blick in den Rückspiegel, der die Weichen für die Zukunft stellen soll, heißt es zu Beginn der Vorstellung des Berichts. Die GPA hat die Jahre 2019 bis 2024 in Hattingen unter die Lupe genommen. Das Ergebnis, das Projektleiterin Friederike Becker-Walschus und Fachprüfer Christian Schormann gestern präsentierten, ist eine Mischung aus Lob für das Engagement der Verwaltung und einer kritischen Analyse der finanziellen Realität. Hattingen bleibt eine Stadt im Konsolidierungsdruck, die sich keine Effizienzverluste leisten kann.

Das Paradox der Finanzen: Wenig Pro-Kopf-Schulden, kein Kapital

Die finanzielle Lage Hattingens gleicht einem Drahtseilakt. Ein Erfolg der vergangenen Jahre: Durch die Übertragung des Kanalnetzes an den Ruhrverband konnten die Gesamtverbindlichkeiten massiv gesenkt werden. Im interkommunalen Vergleich steht Hattingen bei der Verschuldung deshalb besser da als viele Nachbarn.

Stadtverordnetenversammlung Hattingen (Archivfoto: Holger Grosz)

Doch die Kehrseite ist drastisch: „Beim Eigenkapital gehören Sie zu den Städten mit der geringsten Ausstattung“, so Becker-Walschus. Mit einer negativen Eigenkapitalquote ist die Stadt bilanziell überschuldet. Zwar konnten bis 2023 leichte Überschüsse erzielt werden, doch die Prognosen bis 2034 sind düster. Der Handlungsbedarf ist enorm, auch weil die Stadt ihre Aufgaben fast ausschließlich mit eigenem Personal stemmt – eine Struktur, die bei der aktuellen Altersstruktur der Verwaltung (Durchschnitt 46 Jahre) in Zeiten des Fachkräftemangels zum Risiko wird.

Mahnwesen mit Hang zum Chaos

Ein Schwerpunkt der Analyse lag auf der Zahlungsabwicklung. Hier zeigt sich ein bizarres Bild: Die Stadt arbeitet bei der Erfassung von Forderungen zwar effizienter und kostengünstiger als der Durchschnitt, doch der Prozess gerät ins Stocken, sobald es kompliziert wird.

Die Prüfer identifizierten das aktuelle Finanzverfahren als „Achillesferse“. Es mangelt an Auswertungsmöglichkeiten. Unterjährige ungeklärte Posten können kaum nachverfolgt werden, was die Steuerung erschwert. Besonders im Fokus:

  • Lange Fristen: Zwischen Mahnung und tatsächlicher Vollstreckung verstreicht zu viel Zeit.
  • Digitalisierungsstau: Die Stadt wartet händeringend auf ein neues Finanzverfahren. Erst dieses soll die nötigen Daten liefern, um das Mahnwesen schlagkräftiger zu machen.
  • Potenzial bei Lastschriften: Die Quote der SEPA-Mandate ist unterdurchschnittlich. Mehr Automatisierung könnte hier Personalressourcen freisetzen, die an anderer Stelle dringend benötigt werden.

Übertreiben es die Stadtverordneten?

Auch die politische Arbeit der Stadt wurde seziert. Hier lautet das Urteil: Hattingen ist fleißig, vielleicht sogar zu fleißig. Die Stadt weist deutlich mehr Sitzungstermine auf als vergleichbare Kommunen. Der Grund: Eine hohe Anzahl an freiwilligen Ausschüssen. „Sie haben mehr freiwillige Ausschüsse als 75 Prozent der anderen Kommunen“, rechnet Christian Schormann vor.

Die Verwaltung im Hattinger Rathaus macht größtenteils einen guten Job (Foto: RuhrkanalNEWS)

Dies führe zu einer hohen Belastung der Verwaltung. Die GPA empfiehlt dringend eine Strukturreform der Gremien. Bisher sind Ausschüsse oft nicht deckungsgleich mit den Verwaltungsbereichen (Dezernaten). Der Ausschuss für Umwelt, Mobilität und Klimaschutz findet beispielsweise kein direktes Gegenüber in der Verwaltungsstruktur. Eine Harmonisierung würde nach Ansicht der GPA-Fachleute Reibungsverluste minimieren und die Zuständigkeiten für die Bürger klarer machen.

Positiv hervorgehoben wurde hingegen die digitale Ausstattung: Mit Tablets und dem Ratsinformationssystem sind die technischen Grundlagen vorhanden. Da ist den Stadt inzwischen auf einem guten Weg. Die Prüfer regten jedoch an, noch mutiger zu sein – etwa durch den Einsatz von KI zur Protokollerstellung, um die Verwaltung von Routineaufgaben zu entlasten.

Krisenmanagement als Vorbild

Wo andere Kommunen straucheln, scheint Hattingen eine Stärke entwickelt zu haben: beim Krisenmanagement. Mit einem Erfüllungsgrad von 83 Prozent liegt die Stadt weit über dem Durchschnitt. Ob Pandemie oder andere Notlagen – die organisatorischen Strukturen für Prävention und Bewältigung von Krisen funktionieren. „Ein guter Weg“, so das Urteil der Prüfer, auch wenn man die 100-Prozent-Marke fest im Blick behalten solle. Andcererseits sei es wichtig zu Priorisieren, eine Verwaltung müsse sich nicht auf jede Eventualität (gleich gut) vorbereiten.

Die Hausaufgaben stehen fest

Die Stadtverwaltung hat nach Einschätzung der GPA Prüferinnen und Prüfer bewiesen, dass sie „Krise kann“. Jetzt müsse sie beweisen, dass sie auch „Struktur kann“. Die Konsolidierung des Haushalts werd nur gelingen, wenn die Verwaltung das Mahnwesen durch moderne IT-Systeme professionalisiert und die Politik bereit ist, die Gremienlandschaft, also die Zahl der Ausschüsse zu verringern.

Hattingen hat den Vorteil, vergleichsweise niedrige Verbindlichkeiten zu haben. Dieses Zeitfenster müsse genutzt werden, bevor die demografische Welle in der Belegschaft und eine schlechter werdende Konjunktur den (Gestaltungs-)Spielraum der Stadt endgültig schließe.

Die abschließende Beratung der Ergebnisse im Rechnungsprüfungsausschuss und in der Stadtverordnetenversammlung ist für die Zeit nach der Osterpause bzw. für den Sommer geplant. Die vollständige Vorstellung des Prüfberichts ist bis zur kommenden Stadtverordnetenversammlung kommenden Donnerstag (26. März 2026) auf der Homepage der Stadt und bei RuhrkanalNEWS zu sehen. Dann wird die Aufzeichnung offline genommen, so wie es die Stadtverordnetenversammlung bei Einführung des RatsTV beschlossen hat.

Info: Was macht die Gemeindeprüfungsanstalt?
1. Die Kontrollfunktion
In Deutschland sind Städte und Gemeinden weitgehend selbstständig (kommunale Selbstverwaltung). Damit das Geld der Steuerzahler aber nicht verschwendet wird, schaut die GPA NRW genau hin. Sie prüft in regelmäßigen Abständen, ob die Kommunen:

  • Rechtmäßig handeln (halten sie sich an Gesetze?)
  • Sachgerecht arbeiten (erfüllen sie ihre Aufgaben?)
  • Wirtschaftlich aufgestellt sind (gehen sie sparsam mit dem Geld um?)

2. Der interkommunale Vergleich
Die GPA prüft nicht jede Stadt isoliert. Ihr großer Vorteil ist, dass sie Daten von allen Städten in NRW hat. Sie vergleicht zum Beispiel: „Warum ist die Müllabfuhr in Stadt A viel teurer als in der ähnlich großen Stadt B?“ Durch diesen Vergleich (Benchmarking) zeigt sie den Städten auf, wo sie im Vergleich zu anderen stehen.

3. Die Beratungsfunktion
Die GPA NRW will die Städte nicht nur „erwischen“, wenn etwas schiefgeht. Das Ziel ist die Haushaltskonsolidierung – also der Weg aus den Schulden. Nach einer Prüfung schreibt die GPA einen Bericht mit konkreten Empfehlungen, zum Beispiel:

  • „Ihr könntet Personal sparen, wenn ihr eure IT modernisiert.“
  • „Eure Gebühren decken nicht die Kosten, ihr müsst nachkalkulieren.“

4. Informationen für Bürgerinnen und Bürger
Ohne die GPA NRW hätten viele Bürger (und auch die Politik vor Ort) kaum einen objektiven Überblick darüber, wie gesund die Finanzen ihrer Stadt wirklich sind. Sie sorgt für Transparenz und Einwohnenden und der Verwaltung auf Faktenbasis zu diskutieren.

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