Wenn aus Politikunterricht plötzlich gelebte Politik wird

Wenn aus Politikunterricht plötzlich gelebte Politik wird (Foto: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)
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Hattingen – Eigentlich begann alles in einem ganz normalen Politikunterricht. Die Klasse beschäftigte sich mit dem Neuen Wehrdienst – und irgendwann stand die Frage im Raum: Warum eigentlich nur darüber reden? Warum nicht diejenigen zusammenbringen, die ganz unterschiedliche Erfahrungen und Meinungen dazu haben?

Eine Idee war geboren. Aber Ideen allein füllen noch keine Aula.

Dazu braucht es Schüler, die bereit sind, aus einer Idee eine Veranstaltung zu machen. Es braucht in diesem Fall eine Lehrerin, die sagt: Das machen wir. Und es braucht einen Schulleiter, der sich davon überzeugen lässt und grünes Licht gibt. Wobei mit dem „Go“ die eigentliche Arbeit erst beginnt.

Am Montagvormittag (21.September 2026) konnte man in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula des Gymnasiums Holthausen sehen, was daraus geworden ist.

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Politiklehrerin Rebecca Naumann hatte die Veranstaltung gemeinsam mit ihrer Klasse vorbereitet. Auf dem Podium saßen Hattingens Bürgermeisterin Melanie Witte-Lonsing (SPD), Kommunalpolitiker Leon Reinecke (SPD), Hauptmann Paul Lienenbecker als Jugendoffizier der Bundeswehr, Robert Dedden vom Seniorenforum sowie die Oberstufenschüler Mathilda Heberlein, Jan Oppel und Leonard Schmiel.

Schmiel hatte dabei eine besondere Aufgabe. Eigentlich sollte Jandi Abdi die Position eines Befürworters des Wehrdienstes vertreten. Er konnte nicht teilnehmen. Also übernahm Schmiel dessen Rolle – obwohl er selbst eher auf der Gegenseite steht.

Das passte ziemlich gut zu diesem Vormittag. Denn um Schwarz oder Weiß ging es nur selten.

(Foto: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)

Wenn aus Schwarz und Weiß langsam Grau wird

Zum Auftakt hatte die Klasse einen gefilmten Sketch vorbereitet. Doch wer Veranstaltungen organisiert, lernt schnell: Man kann fast alles planen – nur nicht die Technik. Beim Abspielen gab es Probleme. Also weiter.

Die Schüler erklärten kurz die Grundlagen des Neuen Wehrdienstes. Männer und Frauen erhalten mit 18 Jahren einen Fragebogen. Männer müssen antworten, Frauen freiwillig. Der Wehrdienst selbst bleibt zunächst freiwillig, ab Juli 2027 beginnt für Männer des Geburtsjahrgangs 2008 die verpflichtende Musterung. Eine mögliche Bedarfswehrpflicht müsste der Bundestag gesondert beschließen.

Dann begann die eigentliche Diskussion.

Auf dem Podium saßen Menschen mit ziemlich unterschiedlichen Meinungen. Das war so geplant. Was vermutlich weniger geplant war: Diese Positionen blieben nicht dort stehen, wo sie zu Beginn gewesen waren.

Denn mit jeder neuen Frage änderte sich auch die Ausgangslage. Wer einen Dienst an der Waffe grundsätzlich ablehnte, musste plötzlich darüber nachdenken, ob das auch noch gilt, wenn die eigene Familie bedroht wäre. Oder die Pressefreiheit, Frauenrechte, Religionsfreiheit und andere Werte einer demokratischen Gesellschaft. Wer dagegen die Verteidigung des Landes für notwendig hielt, musste sich der Frage stellen, ob das auch für ein Land gelten würde, dessen politische Verhältnisse man fundamental ablehnt.

Aus einem klaren Ja oder Nein wurde ziemlich schnell ein „Ja, aber …“ oder ein „Nein, es sei denn …“.

Gerade in einer Zeit, in der politische Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit häufig wie unverrückbare Lagerkämpfe wirken, war das bemerkenswert. Auf diesem Podium durfte ein Argument etwas mit einem machen. Niemand verlor sein Gesicht, nur weil er nach einem Einwand noch einmal neu über seine eigene Position nachdachte.

Robert Dedden vom Seniorenforum hatte diese Erfahrung schon vor Jahrzehnten gemacht. Als junger Mann wollte er den Kriegsdienst verweigern, wurde zunächst abgelehnt und kam zur Bundeswehr. Dort beschäftigte ihn seine Entscheidung weiter. Er stellte erneut einen Antrag, wurde schließlich als Kriegsdienstverweigerer anerkannt und leistete anschließend Zivildienst an einer Förderschule. Ausgerechnet dieser Umweg beeinflusste später seinen weiteren Lebensweg.

Hauptmann Paul Lienenbecker (Foto: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)

Hauptmann Paul Lienenbecker saß mit einer völlig anderen Biografie auf dem Podium. Er war im Auslandseinsatz in Somalia, Kameraden waren in Afghanistan, einige kamen nicht zurück. Er berichtete davon, wie sehr gerade die Auslandseinsätze den Umgang mit Soldaten verändert hätten: von der Vorbereitung über die Betreuung während des Einsatzes bis zur Begleitung nach der Rückkehr.

Aber auch der Soldat beantwortete die Frage, ob er tatsächlich auf einen Menschen schießen könnte, nicht einfach mit Ja. Auf Zielscheiben zu schießen sei eine Sache. Der Ernstfall eine andere.

Und schon verschob sich die Diskussion wieder. Was ist überhaupt der Ernstfall? Ein Krieg irgendwo auf der Welt? Die Verteidigung Deutschlands? Die eigene Familie?

Melanie Witte-Lonsing (SPD), Leon Reinecke (SPD) (Foto: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)

Leon Reinecke machte deutlich, dass ein Dienst an der Waffe für ihn persönlich nicht infrage komme. Dann wurden Frauenrechte, Religionsfreiheit, Minderheitenrechte und Pressefreiheit genannt. Was wäre, wenn genau diese Freiheiten bedroht wären? Umgekehrt kam die Frage auf, ob man auch für ein Deutschland kämpfen würde, dessen politische Verhältnisse man fundamental ablehnt. Als hypothetisches Beispiel fiel eine AfD-geführte Regierung.

Die Ausgangslage hatte sich verändert – und damit wurde auch die vorher scheinbar eindeutige Antwort schwieriger.

Ähnlich lief es bei der Frage nach der verlorenen Zeit. Für einen Schüler, der nach dem Abitur studieren oder eine Ausbildung beginnen möchte, ist ein zusätzliches Jahr zunächst einmal genau das: ein Jahr später anfangen. Robert Dedden konnte dagegen aus eigener Erfahrung erzählen, dass ein Dienst auch einen Lebensweg verändern kann. Sein Zivildienst hatte ihm eine Richtung gezeigt, die vorher überhaupt nicht geplant war.

Jan Oppel öffnete noch eine weitere Tür. Muss Verteidigung heute zwangsläufig heißen, ein Gewehr tragen zu können? Cyberangriffe, IT-Sicherheit und Drohnentechnik gehören längst zu modernen Konflikten. Ein Informatiker könnte im Ernstfall möglicherweise ebenso wichtig sein wie jemand mit militärischer Grundausbildung.

Selbst die deutliche Umfrage der Schule bekam auf diese Weise eine zweite Perspektive. 92 Prozent der befragten Schüler hatten sich gegen einen Wehrdienst ausgesprochen, nur acht Prozent dafür. Lienenbecker sah darin trotzdem keine Katastrophe. Die Bundeswehr müsse schließlich nicht einen ganzen Jahrgang gewinnen. Nach seiner Rechnung könne bereits ein vergleichsweise kleiner Anteil Freiwilliger ausreichen, wenn genügend von ihnen tatsächlich zur Bundeswehr gehen und dort bleiben.

Mathilda Heberlein (Foto: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)

Auch die Frage der Gleichberechtigung ließ sich nicht mit einem einfachen Satz erledigen. Warum sollen Männer verpflichtet werden können, Frauen aber nicht? Gleichzeitig sprach Mathilda Heberlein sexuelle Übergriffe und die Situation von Frauen innerhalb einer weiterhin stark männlich geprägten Bundeswehr an. Lienenbecker verwies auf Gleichstellungsstrukturen und Ansprechpartner, bestritt aber nicht, dass es solche Vorfälle gibt.

Und schließlich wurde aus der politischen Debatte eine Familienfrage: Würden Sie Ihr eigenes Kind in einen Krieg schicken?

Witte-Lonsing erzählte von ihren beiden erwachsenen Kindern. Ihre Tochter habe sich bewusst für einen Beruf entschieden, in dem sie für Sicherheit sorgen möchte, und sei zur Polizei gegangen. Im Dienst trägt sie eine Schusswaffe. Als Mutter mache man sich Gedanken – gleichzeitig treffe ein erwachsenes Kind seine eigenen Entscheidungen.

So bewegte sich die Diskussion fast zwei Stunden lang. Nicht auf ein gemeinsames Ergebnis zu, sondern immer wieder von einer scheinbar einfachen Antwort zur nächsten Frage.

Vielleicht musste es auch gar kein gemeinsames Ergebnis geben.

Niemand auf dem Podium musste am Ende seine grundsätzliche Haltung aufgegeben haben. Aber Argumente der anderen Seite waren gehört worden. Die eigene Position bekam hier und da eine Einschränkung, einen neuen Gedanken oder zumindest ein Fragezeichen hinzu.

Das galt offenbar auch für die Schüler in der Aula.

Wer von hinten auf das Publikum blickte, sah erstaunlich wenige leuchtende Handydisplays. Es wurde zugehört. Mal gab es kräftigen Applaus, mal weniger. Und der Beifall folgte keinem festen Lager. Zustimmung bekam ein Argument, wenn es in diesem Moment überzeugte – unabhängig davon, von welcher Seite des Podiums es kam.

Am Ende gab es keinen Sieger und keine gemeinsame Resolution. Dafür aber etwas, das bei politischen Diskussionen mindestens genauso wertvoll sein kann: Jeder konnte etwas mitnehmen, das eigene Weltbild um einen Gedanken erweitern und vielleicht an der einen oder anderen Stelle ein klein wenig verändern.

Aus Schwarz und Weiß waren Grautöne geworden.

Rebecca Naumann (Foto: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS)
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