MULMIGES GEFÜHL – DER KOMMENTAR ZU CORONA

Wir gehen seit Jahren, seit Jahrzehnten nicht besonders pfleglich mit Mutter Erde um. Das wissen wir auch. Ändern tun daran auch die gut gemeinten „Fridays für future“-Demonstrationen nichts. Im Moment wären sie auch gar nicht möglich, denn Vater Staat verfügt weltweit quasi einen Stillstand. Das liegt an der Corona-Pandemie. Eigentlich liegt es aber am Gesundheitssystem, denn das würde zusammenbrechen, wenn die Zahl der stationär zu behandelnden Infizierten unermesslich steigen würde. Schauen wir – als Momentaufnahme – auf die sich in der Tat schnell ändernden Zahlen. In Deutschland sind derzeit 9000 infiziert, geheilt sind 70, tot 26. Weltweit haben wir 185.000 Infizierte, 80.000 Genesene, 7800 Tote. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft spricht von derzeit 500 stationären Patienten in ganz Deutschland, rechnet aber mit der dreifachen Menge bei 20.000 Infektionen – Tendenz steigend. In Deutschland haben wir 28.000 Intensivbetten mit 25.000 Beatmungsgeräten. Denn natürlich gibt es nicht nur Corona-Patienten, die versorgt werden müssen. Die Zahl der Intensivbetten zu erhöhen ist grundsätzlich keine schlechte Idee bei 82 Millionen Einwohnern. Obwohl: Deutschland steht noch gut da. Italien hat mit rund 5100 Betten auf Intensivstationen eine weitaus geringere Kapazität zur Versorgung von Patienten in Lebensgefahr – fünfmal geringer als in Deutschland. Die kritische Situation in Italien mit einem Gesundheitssystem, welches zumindest im Norden vor dem Kollaps steht, ist bekannt. 

Der Kommentar von Dr. Anja Pielorz

Die Folgen eines jahrelangen Kaputtsparens sieht man in dieser Krise. Mehr Betten vorzuhalten – auch wenn man sie nicht braucht – kostet Geld. Und das war nicht erwünscht. Auch und gerade nicht von der Politik. Die aber setzt die Rahmenbedingungen für Ausbildung und Ausstattung. Bisher wurde eher von zu vielen Betten in Krankenhäusern gesprochen. 813 Betten pro 100.000 Einwohner in Deutschland, das ist die höchste Bettenzahl in der EU, 58 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Hinzu kommt ein hoher Anteil unnötiger stationärer Aufnahmen mit 255 Krankenhauseinweisungen pro 1.000 Einwohnern. Da wurden Schließungen von ganzen Krankenhäusern diskutiert. Synergien durch Schwerpunkte von Häusern beschlossen. Doch diese betriebswirtschaftlichen Diskussionen führen wir natürlich nicht mehr in Zeiten von Krisen wie Corona. 

Jetzt setzt die Politik neue Bedingungen. Der Ausbau der Intensivbetten – prima. Der zwangsverordnete wirtschaftliche Stillstand könnte allerdings massivere Auswirkungen haben als das Virus selbst. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel sagt eine Rezession für Deutschland voraus. Die EU-Kommission warnt, dass wegen der Coronavirus-Krise die Wirtschaft in Europa dieses Jahr schrumpfen könnte. Selbst von einer weltweiten Wirtschaftskrise ist die Rede. Die Politik verspricht Hilfen vor allem für klein- und mittelständische Unternehmen. Sie meint Kredite. Schwarzer Humor. Wer Mitarbeiter entlassen muss und keine Aufträge hat, dem helfen keine Kredite, die er doch irgendwann zurückzahlen muss. Sämtliche Kultur- und Freizeitbetriebe, der Tourismus, Hotels, Gaststätten, Kneipen, der Einzelhandel, kleine Handwerkerbetriebe – um die geht es. In der Regel hat niemand von ihnen besonders hohe Rücklagen. Vollmundig wird getönt, sie seien das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Genau diesen Betrieben bricht man gerade besagtes Rückgrat. Man schafft Existenzängste in schwindelerregender Höhe – die Zahl dürfte über denen von Corona liegen. Und es geht um noch mehr: Ich höre die Sozialkassen schon ächzen, wenn die Zahl der Arbeitslosen und der Kurzarbeiter steigt. 

In 80 bis 85 Prozent aller Fälle liegen die Corona-Erkrankungen bis jetzt im nicht-stationären Bereich. In den schwer verlaufenden Fällen handelt es sich um überwiegend ältere Menschen, oft mit Vorerkrankungen. Diese Personengruppe ist immer betroffen, wenn es um Infektionen geht: Vogelgrippe, Schweinepest, Ebola, Sars, Ehec – und die ganz normale Influenza, die wir jedes Jahr regelmäßig haben. Übrigens ist auch das Coronavirus nicht neu – es ist nur mutiert und hat wie jedes Virus überhaupt kein Interesse daran, seinen „Wirt“ zu töten. Das tut es nur in Einzelfällen bei einem schwachen Immunsystem, Vorerkrankungen. Wir werden mit dem Virus leben lernen müssen. Bis dahin bin ich sehr für Vorsichtsmaßnahmen. Hygiene, Desinfektion, Abstand halten und dieses Mal muss man vielleicht jetzt auch eine Schüppe drauflegen – da verstehe ich jeden Politiker. Aber der totale Stillstand macht mir mehr Angst als der Virus selbst. 

2 Kommentare zu "MULMIGES GEFÜHL – DER KOMMENTAR ZU CORONA"

  1. Bernd Loewe | 18. März 2020 um 16:43 |

    Grundsätzlich tendiere ich deutlich zum Optimismus, aber beim Thema Coronavirus bin ich pessimistisch. Die Auswirkungen sind noch nicht mal Ansatzweise abzusehen, für die betroffenen Menschen, für die Wirtschaft, für unser aller Leben.

    Ich bin gespannt, was das mit uns macht. Vielleicht ist ja so eine Vollbremsung aus Konsum und ewigem „Wachstum“ sogar gut und heilsam?

  2. Dr. Anja Pielorz | 18. März 2020 um 17:51 |

    Stimmt, die Auswirkungen kennen wir alle noch nicht. Optimistisch würde ich sagen, aus jeder Krise geht auch neue Kreativität hervor. Aber wir müssen dazu erstmal die Krise überstehen. Und ja, es gibt in der Tat noch anderes als Konsum und Wachstum – aber Geld zum Überleben brauchen wir halt auch. Und da habe ich bei dem ein oder anderen im Moment Zweifel, ob das Geld zum Überleben reicht.

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