Hattingen – Der Ort des Abends war kein Zufall: Diergardts „Kühler Grund“ – gewählt, weil hier nicht nur diskutiert, sondern auch gesichert werden kann. Zwei gepanzerte Limousinen vor der Tür, Leibwächter mit Knopf im Ohr: Schon bevor das erste Mikrofon eingeschaltet war, war klar – das wird keine dieser üblichen Parteiveranstaltungen, bei denen man mehr Slogans als Substanz serviert bekommt.
Und trotzdem: Wer an diesem Abend ein reines CDU-Publikum erwartete, lag daneben. Im Saal saßen interessierte Bürgerinnen und Bürger, Unternehmer, Ehrenamtliche – und auffallend viele aus der „Blaulichtfamilie“: Feuerwehr, THW, DLRG. Das Spektrum war breit, die Stimmung konzentriert. Spontaner Applaus kam nicht, weil jemand „seine Seite“ bediente – sondern weil viele im Raum den Eindruck hatten: Hier wird etwas beschrieben, das uns alle betrifft.
Eingeladen hatten die CDU mit Dr. Katja Strauss-Köster (CDU/MdB) und Nils Brüggemann (CDU), vorbereitet als öffentliche Informations- und Diskussionsveranstaltung zum „Operationsplan Deutschland“. Strauss-Köster eröffnete ungewöhnlich persönlich: Sie erzählte von einer Übung, die sie als Bürgermeisterin vor Jahren im Krisenstab durchspielte – ein Blackout-Szenario, Notstromaggregate, „Wärmeinseln“, Listen von Menschen, die bei Stromausfall lebenswichtig auf Beatmung angewiesen wären. Damals habe man sie belächelt, sagte sie. Und vor Kurzem habe sich eine Bürgerin bei ihr entschuldigt: Man sei heute froh, dass diese Vorsorge überhaupt angestoßen wurde. Der Subtext war klar: Was früher „übertrieben“ klang, fühlt sich heute wie Realitätstraining an.
Informations- und Diskussionsveranstaltung zum „Operationsplan Deutschland“ in Diergardts „Kühler Grund“ © Fotos Holger Grosz


André Bodemann und Dr. Katja Strauss-Köster MdB CDU

Zwischen Krieg und Frieden
Dann übernahm der Gast des Abends: Generalleutnant André Bodemann, Stellvertreter des Befehlshabers im Operativen Führungskommando der Bundeswehr – und einer der zentralen Köpfe hinter dem Operationsplan. Sein Ton: ruhig, präzise, ohne Werbetrommel. Keine pauschalen Phrasen. Er redete „Tacheles“ – so weit, wie er es in einem öffentlichen Rahmen kann.
Bodemann beschrieb die Sicherheitslage als eine Phase „zwischen Krieg und Frieden“ – die NATO spreche von der „Greyzone“, Deutschland von einer hybriden Bedrohungslage. Gemeint sind nicht nur Panzer und Raketen, sondern Dinge, die im Alltag beginnen: Desinformation und Deepfakes, Cyberangriffe auf Behörden, Parteien, Firmen und Krankenhäuser, Spionage und Ausspähung – bis hin zu Sabotageversuchen an sensiblen Stellen. Er machte deutlich: Das Problem sei oft nicht nur der Angriff selbst, sondern die schwierige Frage, wer dahintersteckt – und wie lange es dauert, das belastbar zuzuordnen.
Warum aber steht ausgerechnet Deutschland im Fokus? Bodemann nannte drei Gründe: 83 Millionen Menschen, die sich beeinflussen lassen – etwa über soziale Medien. Deutschland als Wirtschaftskraft. Und vor allem: Deutschland als geostrategische Drehscheibe im Herzen Europas. Wenn die NATO im Ernstfall Kräfte an die Ostflanke verlegt, läuft das – egal über welchen Verteidigungsplan – in großen Teilen durch Deutschland: über Häfen, Flughäfen, Schiene, Autobahnen, Brücken, Energieversorgung, Chemie-Standorte, Krankenhäuser, Telekommunikation. Genau das sei der Kern: Abschreckung durch Handlungsfähigkeit.
Und hier setzt der Operationsplan Deutschland an, den Bodemann 2023 offiziell entwickeln sollte (im Kopf, sagte er, trage er ihn schon länger). Wichtig: Der Plan ist für ihn kein „Kriegsvorbereitungsprogramm“, sondern ein Instrument zur Kriegsverhinderung. Sein Ideal sei, dass er nie gebraucht wird – außer in Übungen.
Damit es nicht bei Theorie bleibt, nannte er konkrete Baustellen – und das, was bereits passiert ist:
Bündeln statt Zettelwirtschaft
Truppenverlegungen dürfen nicht daran scheitern, dass jedes Bundesland eigene Verfahren hat. Bodemann schilderte, dass Transporte heute durch Verwaltungsvereinbarungen deutlich schneller genehmigt werden können – auf wenige Tage reduziert. Das sei ein „gewaltiger Sprung nach vorn“, weil man im Frieden schnell abschrecken müsse, um einen Krieg zu verhindern.
Zivil und militärisch – aber nicht im selben Verhältnis
Der Operationsplan sei nur etwa ein Drittel militärisch, der größere Teil betreffe Zivilverteidigung. Und genau dort benannte Bodemann eine Lücke: Es gebe bislang kein echtes ziviles Pendant, keinen umfassenden „Resilienzplan Deutschland“ als Gegenstück.
Heimatschutz und Reserve
Weil die Bundeswehr viele Kräfte an die NATO-Ostflanke bindet, brauche es für Schutzaufgaben im Inland deutlich mehr Heimatschutz. Seine Idee: Ein Prinzip der Zuständigkeit vor Ort – Einheiten, die „ihr“ Objekt kennen, erkunden und üben.
„Militärische Raststätten“ für Konvois
Wenn große Verbände durch Deutschland verlegen, brauchen sie Tank-, Ruhe-, Sanitäts- und Versorgungsstellen. Bodemann sprach von Convoi Support Centern – praktisch: abgesicherte, logistische Zwischenstopps. Eine frühe Idee, dafür dauerhaft auf ehrenamtliche Strukturen zu setzen, sei an Grenzen gestoßen. Die Lösung laute heute: maximale zivilgewerbliche Unterstützung, etwa über vertraglich eingebundene Anbieter (er nannte in diesem Zusammenhang Rheinmetall Solutions).
Infrastruktur als Schlüssel
Brücken, Tunnel, Schiene – vieles ist alt, vieles trägt den zivilen Schwerlastverkehr schon kaum, militärische Fahrzeuge sind schwerer geworden. Bodemann sprach offen darüber, dass man priorisieren müsse: Wo sind die Hauptrouten, welche Brücken müssen ertüchtigt werden, wo braucht es Ersatzlösungen?
Gesundheitssystem unter Druck
Für den Fall eines großen Konflikts skizzierte er Szenarien mit sehr hohen Verwundetenzahlen – und machte gleichzeitig klar, dass dann Personal fehlt, weil es nicht im Krankenhaus, sondern bei der Truppe gebunden wäre. Daraus folge: Ohne Einbindung des zivilen Systems gehe es nicht – und das habe Verdrängungseffekte, die politisch geregelt werden müssen.
Informations- und Diskussionsveranstaltung zum „Operationsplan Deutschland“ in Diergardts „Kühler Grund“ © Foto Holger Grosz

Die anschließende Fragerunde blieb sachlich – aber nicht konfliktfrei. Es kamen sehr gute Fragen aus der Praxis: Was heißt das für Kommunen? Was ist mit Schutzräumen? Wie schützen wir kritische Infrastruktur vor Drohnen? Und es kam auch die grundsätzliche Kritik, ob das alles nicht „Aufrüstungspropaganda“ sei – ob man nicht stärker verhandeln müsse.
Bodemann antwortete darauf ohne Polemik. Seine Linie blieb: Abschreckung, um Verhandlungen überhaupt möglich zu halten – und um Krieg zu vermeiden. Verhandeln ja, sagte er sinngemäß, aber man müsse auch benennen, dass es bisher kaum Kompromissangebote gebe, sondern Forderungen. Und er betonte mehrfach: Niemand, der Krieg erlebt habe, wolle ihn zurück.
Besonders hängen blieb ein Satz, den Bodemann später fast nebenbei sagte – und der doch wie ein Kern dieses Abends wirkte: In 40 Dienstjahren habe er „noch nie einen sinnstiftenderen Auftrag“ gehabt als diesen. Nicht, weil er Krieg suche – sondern weil er ihn verhindern wolle.
Der informierte Bürger ist der bessere Bürger
Am Ende war das Gefühl im Raum nicht Euphorie, sondern eine nüchterne Form von Hoffnung: dass Aufklärung wirkt. Dass Bürgerinnen und Bürger bereit sind zuzuhören, auch wenn es unbequem wird. Und dass Resilienz nicht nur aus Politik und Bundeswehr besteht, sondern auch aus dem, was man im Kleinen wieder lernen muss: Verantwortung, Vorbereitung, realistische Erwartungen. Oder, wie es an diesem Abend mehrfach durchklang: Der informierte Bürger ist der bessere Bürger.






























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