Hattingen – „Chorrosion“ bringt „Kreuzfahrt – (noch) Land in Sicht?!“ als musikalische Revue auf die Bühne.
Der Titel klingt erst einmal nach seichten Wellen und heiler Welt: „Kreuzfahrt – (noch) Land in Sicht?!“ – dazu ein Chor, dazu Chormusik. Wer da nicht automatisch beim „Traumschiff“ landet, hat vermutlich noch nie zufällig bei Florian Silbereisen reingezappt. Genau mit diesem Reflex spielt der Bochumer Chor Chorrosion zu Beginn ganz bewusst: Willkommen an Bord der „Wonder of Sea“, 6000 Passagiere, Rundum-Bespaßung, ein durchorganisiertes Leben zwischen Buffet, Tagesprogramm und guter Laune auf Kommando.
Und ja: Die Klischees werden erst einmal serviert – wie ein Cocktail mit Schirmchen. Da ist der Kegelklub aus Wattenscheid, der die Kegelkasse „auffen Kopp“ hauen will. Da ist die ältere Dame, die das ganz nett findet – aber „der Schwarzwald hätte ihr besser gefallen“. In den gesprochenen Passagen dominiert Satire, im Gesang wirken die Melodien zunächst vertraut, fast gemütlich. Genau dieses scheinbare Einlullen ist Teil des Plans.
Denn das, was Chorrosion daraus macht, ist eben keine Kreuzfahrtromantik. Sondern ein Abend, der den Kurs plötzlich ändert.
Bekannte Melodien, klare Botschaft
Musikalisch arbeitet das Ensemble viel mit Ohrwürmern – und nutzt sie als Trockenlegung fürs Gewissen. Das durchgetaktete Bordleben wird mit Hermann van Veens „Schnell weg da“ aufs Korn genommen: „Weg da, weg da, weg – wir haben keine Zeit.“ Das feuchtfröhliche Wegtrinken der Wirklichkeit bekommt mit Herbert Grönemeyers „Alkohol“seinen passenden, bitter-komischen Spiegel.
Und während die Bühne noch nach Entertainment aussieht, rückt der Text immer näher an das, was auf See sonst gern ausgeblendet wird.
Wenn die Europahymne plötzlich weh tut
Spätestens bei Beethovens „Ode an die Freude“ – der Europahymne – kippt die Stimmung. Schon nach den ersten Zeilen entsteht dieses Ziehen in der Magengegend: Denn hier geht es nicht um Europa als Idee, sondern um Europa als Praxis. Um Frontex, um Pushbacks, um Menschen auf der Flucht – und um die Frage, wie groß der Abstand ist zwischen Anspruch und Handeln. Im Chorstück klingt das so: „Hoch die Menschenrechte“ flötet die EU in alle Welt – und tritt sie doch ständig mit Füßen.
Chorrosion nimmt kein Blatt vor den Mund. Der Abend bleibt unterhaltsam, ja – aber er lullt niemanden ein. Hier wird Klartext gesungen. Und wer bei „politisch“ innerlich den Fluchtweg sucht, würde vermutlich tatsächlich eher zu Hause sitzen und Traumschiff gucken.
Worum es in der Revue geht
Im Programmheft wird die Rahmenhandlung so beschrieben: Auf dem Kreuzfahrtschiff „Wonder of Sea“ zieht die Welt vorbei – Inseln, deren Bewohner dem Untergang geweiht sind („kein Schiff wird kommen, um sie zu retten“), Schlauchboote mit Geflüchteten, die zurück aufs Meer gedrängt werden. Die Frage steht im Raum: Wo bleibt das Positive?
Und dann macht die Revue etwas, das man selten sieht: Sie bleibt nicht in der Anklage stecken. Die „Wonder of Sea“ nimmt Kurs auf die Zukunft und landet im Jahr 2060 – in einer Welt, in der das Leben nach vielen Kämpfen endlich lebenswert geworden ist. Autofreie Städte, solidarisches Wirtschaften, Vergesellschaftung von Konzernen – nicht als kitschige Utopie, sondern als erkämpfte Vision. Am Ende steht ein Satz, der wie ein kleines Motto über dem ganzen Abend hängen kann: „Es ist nötig, das Dagegensteh’n. Es ist nötig – doch es ist auch schön!“
Chor, Regie, Klavier – und eine Revue statt „nur Konzert“
„Musikalische Revue“ ist hier nicht bloß ein hübscher Untertitel. Chorrosion singt nicht nur, sondern spielt, spricht, pointiert, zieht Szenen hoch und hält dagegen. Dass dafür Chorleitung und Regie gleichberechtigt genannt werden, passt:
Musikalische Leitung: Hendrik Giebel
Regie: Oliver Schnelker
Klavier: Moya Tschuschke


























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