Der schönste Platz ist mittendrin

Vesperkirche Tag 4 © ruhrkanalNEWS (Foto: Holger Grosz)

Hattingen – um 11:20 Uhr stehen die Ersten schon im Windfang. Es ist der vierte Tag der Vesperkirche der 3. Februar. Noch bevor die Türen offiziell öffnen, hängt dieses leise „Heute schaffe ich’s“-Gefühl in der Luft. Um 11:45 Uhr geht’s los – und keine zehn Minuten später wird klar: Das wird wieder einer dieser Tage, an denen die Kirche nicht nur voll ist, sondern übervoll. So voll, dass einige Gäste erst einmal auf 13 Uhr vertröstet werden müssen. Nicht aus Kälte. Nicht aus Regelwut. Sondern weil wirklich kein einziger Platz mehr frei ist.

Und als wäre das nicht genug: Auch um 13 Uhr wieder dasselbe Bild. Um 12:30 Uhr warten die Nächsten geduldig in der Vorhalle. Um 12:45 Uhr werden die Tische neu gedeckt – Gläser, Wasser, alles bereit. Wer noch sitzt, wird freundlich gebeten, auf die hinteren Bänke oder in den Cafébereich zu wechseln, damit die Gespräche weitergehen können. Platz machen, ohne jemanden wegzuschicken. Das ist hier keine „Raus da“-Geste. Das ist ein stilles Zusammenspiel: Wir rücken zusammen, damit noch jemand dazukommen kann.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Die ersten Gäste kommen hinein, bekommen ihre Essensmarke, werden zum Tisch geführt. Der Rollatoren-Parkplatz liegt heute im Altarraum – ein Bild, das mehr sagt als tausend wohlmeinende Sätze über Inklusion. In der ersten Reihe stehen Plätze für Rollstuhlfahrer bereit. Nicht am Rand, nicht irgendwo. Sondern da, wo man mittendrin ist.

Das Team kommt maßgeblich von ProWoHat – Projekt Wohnen in Hattingen und der Skigilde – eine Kombi, die man so nicht erfindet, aber die genau deshalb so gut passt: anpacken, freundlich bleiben, weitermachen. Das Essen liefert Alfred Schulte-Stade – und er ist sogar persönlich vor Ort.

Vesperkirche Tag 4 © ruhrkanalNEWS (Fotos: Holger Grosz)

Auf den Tellern landet heute ein Rinderhacksteak mit brauner Zwiebelsoße und cremigem Wirsing-Kartoffelgemüse. Für Vegetarier gibt’s eine Gemüsefrikadelle. Und dann kommt das, was hier fast genauso wichtig ist wie das warme Essen: der Kuchen. Gespendet von der Bäckerei Thiele. Dazu eine kleine Torte von der Integrationsagentur Jüdische Gemeinde – gebacken von einer Frau aus der Ukraine. Diese Torte ist als erstes weg. Und das letzte Stück? Wird nicht „unter der Hand“ verteilt. Sondern fair. In Kuchengabel-großen Häppchen. Von Frank Bottenberg.

Spätestens da ist man mitten im eigentlichen Thema: dem Spirit dieser Veranstaltung. Ja – es ist immer noch ein Gotteshaus. Aber es verhält sich nicht so, wie wir es gewohnt sind. Kein „Psssst, leise“. Kein „Pass auf, wo du hintrittst“. Heute ist es laut. Die Metalldeckel der Wärmebehälter scheppern, Besteck klappert, Stimmen werden zu einem großen Grundrauschen. Und genau dieses Geräusch ist hier kein Störfaktor. Es ist Leben.

Natürlich treffen hier Welten aufeinander. Es gibt Blicke, es gibt Befremden, manchmal auch dieses winzige „Ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin“-Zögern. Aber dann sitzt da eben der Banker neben dem Obdachlosen von Kaufland – und beide bekommen ihr Essen von einer Abgeordneten aus dem Bundestag gebracht. Zwei Tische weiter macht eine Kindergartengruppe Mittagspause. Und plötzlich merkt man: Das ist keine Symbolik. Das ist Alltag – nur einmal anders herum sortiert.

Die Stammgäste kommen bevorzugt um 13 Uhr. Nach dem Essen gibt’s Musik von der Musikschule, und wer möchte, kann länger sitzen bleiben. Und genau da passiert das, was man nicht planen kann: Gespräche bleiben nicht an der Oberfläche. Hier ist mehr als der kurze Plausch an der Supermarktkasse, der einem für sieben Tage reichen muss. Hier sitzen überall Zuhörer – und aus vielen Einzelnen wird für ein paar Stunden etwas, das man sonst kaum noch erlebt: Gemeinschaft. Eine Gemeinde.

Und dann gerät sogar der Zeitablauf durcheinander – nicht, weil Chaos herrscht, sondern weil Improvisation hier zu einer stillen Kunst geworden ist: Um 13:45 Uhr sind von 120 Essensmarken noch acht übrig. Wer noch nichts hatte und noch etwas essen wollte, dem wurde das Hacksteak einfach geteilt. Zack – und wieder konnten weitere Gäste glücklich gemacht werden.

Das sind diese Momente, in denen die alten Geschichten von Nächstenliebe plötzlich nicht mehr wie Bühne klingen. Kein Schauspiel, kein erhobener Zeigefinger. Sondern echt. Zum Mitmachen. Als Teilnehmer – nicht als Zuschauer.

Und jetzt? Jetzt bleibt am Ende nur diese eine Frage, die in Hattingen gerade erstaunlich gut passt: Was erwartet uns wohl morgen?

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