Hattingen – Am 1. Mai 2026 feierte das Kleine Café in der Hattinger Altstadt sein 50-jähriges Bestehen.*
Ein halbes Jahrhundert Gastronomie-Geschichte – oder anders gesagt: 50 Jahre gelebte Anarchie mit Herz, Seele und gelegentlich auch mal warmem Bier.
Zwischen Mettbrötchen und Nachkriegstoiletten
Über Jahrzehnte wurde das Kleine Café von Friedhelm Berkermann, besser bekannt als „Fiete“, geprägt und zu einem besonderen Treffpunkt entwickelt. Er machte aus dem Lokal mehr als nur eine Kneipe – es wurde ein Ort mit Seele, Wärme und eigenem Charakter, ein Hattinger Wohnzimmer für alle, die es etwas unkomplizierter mochten. Stammgäste, Nachtschwärmer und Menschen aller Generationen fanden hier einen Platz zum Austausch, zum Lachen und zum gemeinsamen Erleben – ganz ohne Sterne-Bewertung und Tripadvisor-Schnickschnack.
Das Kleine Café war von Anfang an ein generationsübergreifender Treffpunkt, wo Jung und Alt miteinander redeten, diskutierten und Erinnerungen schufen. Zu den besonderen Traditionen gehörten neben regelmäßigen Schachpartien und den legendären Mettbrötchen-Samstagen eine sorgfältig zusammengestellte musikalische Untermalung – in Zeiten vor dem Streaming noch echte Handarbeit mit Musik-Cassetten von Gästen oder „ganz modernen“ CDs aus einem chaotisch zusammengezimmerten Regal unter der Treppe.
Wo Lindenberg grüßte und die Röhre flimmerte
Diverse LP-Cover von Heino bis „The Boss“ Springsteen hingen professionell mit Klebeband und Reisszwecken an Türrahmen – Interior Design auf Fiete-Art. Unter einem gemalten Gruß an Lindenberg waren die Weihnachtslesungen das absolute Highlight des Jahres, weit bevor es überhaupt Kneipenlesungen gab. Ab und zu mal ein etwas wärmeres Bier als erwartet und Toiletten aus der Nachkriegszeit gehörten ebenso zur Tradition wie die rauchverbotsfreie Zone beim gemeinsamen sonntäglichen Tatort-Schauen auf einer flimmernden Röhre über dem Kamin.
Fiete hatte stets alles im Griff, auch seine Gäste. Und wenn er mal ein Wochenende in seinem geliebten Scheveningen verbrachte, stand die Kneipenszene in Hattingen still. Wohin sollte man auch sonst gehen?

Bild aus vergangen Tagen (Foto: privat)
Janine führt das Erbe fort
Heute wird Fietes Erbe von Janine weitergeführt. Mit ihr hat das Kleine Café einen neuen Touch erhalten, ohne seinen charakteristischen Charme zu verlieren. Sie führt das traditionsreiche Lokal mit Herz und dem richtigen Gespür dafür, dass Tradition lebendig bleiben muss, ohne ihren Kern zu verlieren – und die Toiletten sind inzwischen auch renoviert.

Am Strand von Scheveningen 2014 (Foto: RuhrkanalNEWS)
In Erinnerung an Fiete
Der ehemalige älteste Gastwirt Hattingens „Fiete“ verstarb am 23. November 2023. Sein Geist und das, was er aus dem Kleinen Café gemacht hat, prägen den Ort bis heute. Das 50-jährige Jubiläum ist auch eine Erinnerung an seinen unermüdlichen Einsatz für diesen besonderen Platz in der Hattinger Altstadt.
Das „Soziokulturelle“ Kleine Café bleibt auch nach einem halben Jahrhundert das, was es immer war: ein Ort, wo die Uhren anders ticken – gemütlicher, ehrlicher und echter. Genau solche Orte sind selten geworden. Zum Glück gibt es sie noch.
*„Anregung zu diesem Beitrag: Ralf Schreiber“


























Klasse Artikel, der den Nagel auf den Kopf trifft! Ergänzen möchte ich diese Erinnerungen noch mit denen an die legendären „Überbackenen“ bei Fiete! Das waren Baguette-Ober-/Unterseiten, belegt mit Salami und eben überbacken mit Käse und Oregano – ein Gedicht! „Normale“ Sandwiches aus Baguettes gab es in den ersten Jahren ebenfalls – üppig belegt mit Salat, Käse und Schinken. Als dann aus dem „Café“ allmählich mehr eine Kneipe wurde – Warsteiner vom Fass gab es allerdings auch schon zu diesen Zeiten -, wurde nicht nur das Bier immer schlechter (beispielsweise kein Warsteiner mehr), sondern es verschwanden auch die Leckereien, die das Café in der Anfangszeit ausmachten. Aber als Kneipe entwickelte sich das Café ebenfalls hervorragend, so dass selbst die alte US-amerikanische Jazz-Legende „Champion“ Jack Dupree dort nicht nur einkehrte und das Piano zum Klingen brachte, sondern er hinterließ zudem ein riesiges Autogramm auf der Café-Tapete, das Jahrzehnte dort zu finden war und selbst bei Renovierungen „umstrichen“ wurde. Leider ist es letztlich bei einer dieser Aktionen dann doch der Moderne zum Opfer gefallen – schade!
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