TIER-NOTRUF: ZWISCHEN AMTSANMASSUNG UND HELFERSYNDROM

Ein Fahrzeug des Tier-Notruf mit ungenehmigtem Blaulicht (Foto: RuhrkanalNEWS)

Hattingen – Sabine Bergermann (Name geändert) ist sauer. Zweimal hat sich ihr Hund  losgerissen und ist stiften gegangen. Zweimal wurde von Passanten, die den Hund alleine sahen, ein Notruf abgesetzt und zweimal wurde das Tier daraufhin zum Tierheim nach Bochum gebracht. Beide male vom Unternehmen Tier-Notruf. „Beim zweitenmal hätten die Mitarbeiter das Tier auch direkt zu uns zum Kirchplatz bringen können, es war ja spätestens da bekannt. Außerdem ist der Hund gechipped“, ärgert sich Sabine Bergermann. Das Tierheim stellte der Hundebesitzerin in beiden Fällen eine saftige Rechnung aus. Aber das ist es noch nicht mal, worüber sich Sabine Bergermann ärgert. „Ich musste extra nach Bochum fahren, um den Hund wieder abzuholen. Einmal habe ich das Tier nur mit Glück am gleichen Tag zurückbekommen, denn eigentlich war da das Tierheim schon geschlossen.“

Der Standort der Firma im Gewerbegebiet an der Henrichshütte (Foto: RuhrkanalNEWS)

Seit etwa anderthalb Jahren ist die Organisation Tier-Notruf in Hattingen aktiv. Die Fahrzeuge stehen in der Nähe des LWL-Museums Henrichshütte, darunter ein Rettungswagen, ein SUV und ein Anhänger. Tier-Notruf hat einen Vertrag mit dem Tierschutzverein Bochum-Hattingen und bringt sogenannte „Fundtiere“ in das Tierheim nach Bochum. Die meisten Fundtiere sind ausgebüxte Hunde, die von besorgten Passanten bei der Polizei oder dem Ordnungsamt gemeldet werden. Für den Transport stellt Tier-Notruf über den Tierschutzverein anschließend mindestens 100 Euro in Rechnung. Das steht so auch auf der Internetseite in der in der Übersicht der Einsatzkosten.

Bei Tier-Notruf handelt es sich um ein kommerzielles Unternehmen, das neben dem Fundtiertransport auch Fahrten zu Tierärzten und Tierkliniken anbietet. Daneben gibt es einen gleichnamigen Verein, der Fördermitglieder wirbt und das kommerzielle Unternehmen unterstützt. Auf den Internetseiten des Unternehmens wird mit Begriffen gearbeitet, die stark an die angelehnt sind, die Feuerwehr, Rettungsdienste und andere Hilfsorganisationen benutzen. Dort ist zu lesen: „Unsere Aufgabe ist die medizinische Notfallversorgung verletzter und erkrankter Haustiere, die logistische Unterstützung der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) bei Notfällen mit oder durch Tiere bzw. zum Schutz von Menschenleben vor Tieren, die Unterstützung bei Sonderlagen mit Haustieren sowie die Bereitstellung und Vorhaltung von Katastrophenschutzeinheiten für Großschadenslagen mit Beteiligung von Tieren“.

Nicht genehmigtes Blaulicht auf Fahrzeugen

Ein Fahrzeug des Tier-Notruf mit ungenehmigtem Blaulicht (Foto: RuhrkanalNEWS)

So soll offensichtlich der Eindruck erweckt werden, Tier-Notruf sei in die offiziellen Abläufe der Behörden eingebunden. Doch ein Sprecher der Feuerwehr des Ennepe-Ruhr-Kreises stellt klar, dass die Organisation nicht in die Strukturen der Rettungsdienste und des Katastrophenschutzes eingebunden ist. „Falls ein Einsatzleiter während eines Unfalls, eines Feuers oder anderer Ereignisse feststellt, dass Haustiere versorgt werden müssen, ist es ihm überlassen, ob er Tier-Notruf benachrichtigt.“ In der Regel wird demnach das jeweilige Ordnungsamt oder der zuständige Veterinär verständigt. Auch Hattingen teilt mit, dass es keine Verträge zwischen der Stadt und Tier-Notruf gibt. „Die Stadt Hattingen hat einen Vertrag mit dem Tierschutzverein Bochum, Hattingen und Umgebung e.V.. Eine direkte vertragliche Verbindung mit „Tier-Notruf.de“ besteht seitens der Stadt Hattingen nicht“, so die Pressestelle.

Tier-Notruf hat sich allerdings bei verschiedenen Feuerwehren des Kreises inzwischen einen gewissen Ruf erarbeitet. „Bei fast jedem größeren Einsatz den wir fahren, muss man inzwischen damit rechnen, dass die Einsatzleitung von der Organisation angerufen wird. Immer wird gefragt, ob auch Tiere betroffen sind,“ sagt ein Feuerwehr-Angehöriger aus Hattingen, der seinen Namen hier nicht lesen möchte. „Das ist mit `lästig´ sicher diplomatisch umschrieben. Wir sind häufig mitten in der Menschenrettung und haben dann keine Zeit uns mit derartigen Anfragen zu beschäftigen.“ Auch dieser Feuerwehrmann sagt das, was der Kreis erklärte, nämlich dass bei Bedarf das Ordnungsamt oder ein Veterinär verständigt wird.

Mag die Verwendung von Begriffen aus dem Feuer- und Rettungswesen auf der Homepage der Organisation noch irritierend sein und etwas schrullig wirken, so ist sie auf den Fahrzeugen mindestens eine Ordnungswidrigkeit. Beispielsweise steht auf dem Einsatzfahrzeug und der Internetseite des Unternehmens das Wort `Rettungsdienst´. Dieser Begriff ist allerdings den offiziellen Behörden vorbehalten und ausschließlich für Fahrzeuge zugelassen, die der Menschenrettung dienen. Das Fahrzeug von Tier-Notruf ist für Menschenrettung nicht zugelassen und die Besatzung nicht dafür ausgebildet. Das ist für Passanten in Notlagen, wenn die Aufregung dazukommt, unter Umständen nicht sofort zu erkennen. Nach RuhrkanalNEWS Informationen hat der Kreis wegen des Begriffs `Rettungsdienst´ das Unternehmen aufgefordert, den Begriff so nicht mehr zu verwenden. Inzwischen ist dort auf den Fahrzeugen fast durchgängig von „Tier-Rettungsdienst“ die Rede, was den gesetzlichen Vorgaben entspricht. Auf der Homepage wird er jedoch weiterhin  „Rettungsdienst“ geschrieben, ebenso zwischen den beiden Blaulichtern des Tierrettungswagens. (Stand 14.5.2019)

Ein Fahrzeug des Tier-Notruf (Foto: RuhrkanalNEWS)

Mindestens ein Auto des Unternehmens ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes mit Blaulicht ausgestattet. Auch das ist nicht genehmigt. Dass dieser Umstand noch nicht behoben wurde, liegt daran, dass die Fahrzeuge im Kreis Friesland zugelassen wurden, wo der Förderverein seinen Sitz hat. Dort sind die angebauten Blaulichter möglicherweise noch gar nicht bekannt. Die für Hattingen zuständige Bezirksregierung Arnsberg teilt auf RuhrkanalNEWS-Anfrage mit: „Zum Führen von Blaulicht und Einsatzhorn an Fahrzeugen des Tier-Notruf e.V. würde es […] einer Ausnahmegenehmigung gem. § 70 Abs. 1 Nr. 1 StVZO bedürfen. Ein entsprechender Antrag des Tier-Notruf e.V. vom Februar 2018 wurde seitens der Bezirksregierung Arnsberg mit Bescheid vom August 2018 mit der Begründung, dass die Betreuung der Tiere im Falle des Hinzuziehens durch die Katastrophenschutzstäbe als Unterstützung keinen Einsatz von blauem Blinklicht erfordert, da der Einsatzerfolg nicht davon abhängt, in welchem Zeitrahmen die Tierrettung zur Betreuung eintrifft, abgelehnt. […] Nach Rücksprache mit dem Land Niedersachsen wurde auch dort ein entsprechender Antrag auf Ausnahmegenehmigung gem. § 70 Abs. 1 StVZO abgelehnt. Somit ist davon auszugehen, dass das Fahrzeug unrechtmäßig mit Blaulicht und Einsatzhorn ausgestattet ist. Weitere Maßnahmen müssen allerdings aufgrund der Zulassung des Fahrzeuges im Kreis Friesland von dort erfolgen.“

Inhaber kann die Aufregung nicht verstehen

Für Jörg Schlüter, Inhaber des Unternehmens „Tier-Notruf“ und in Personalunion erster Vorsitzender des Fördervereins „Tier-Notruf e.V.“ sind die Probleme der Behörden mit seiner Firma nicht nachvollziehbar. Im Gespräch mit RuhrkanalNEWS ist er sich sicher, dass an seinem Rettungswagen Blaulicht zulässig ist. „Das Fahrzeug ist für Menschenrettung ausgerüstet, deshalb gibt es an der Stelle kein Problem“, so der 50-jährige. Er verweist gleichzeitig auf „Pläne“ die es gebe und wegen derer man in Verhandlungen mit dem Ennepe-Ruhr-Kreis stehe. Welche Pläne er hat, wollte er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht darlegen. Genauso wenig will er Angaben zur Zahl der Fördermitglieder des Vereins machen, dessen Vorsitzender er ist. „Derartige interne Informationen geben wir nicht heraus.“ Die Unterlagen im Vereinsregister liefern darüber ebenfalls keine Informationen. Lediglich dass der Vorstand, innerhalb von vier Jahren, von ursprünglich vier Mitglieder, auf zwei Mitglieder geschrumpft ist, ist dort hinterlegt

Bei der Frage nach der Mitarbeiterzahl seines Unternehmens ist Schlüter weniger zugeknöpft. „Wir haben zur Zeit 20 Mitarbeiter, das sind einerseits Vollzeitangestellte, aber auch Teilzeitmitarbeiter und Bundesfreiwillige.“ Warum sein Unternehmen einen Förderverein benötigt und warum ein gemeinnütziger Verein ein kommerzielles Unternehmen unterstützt bleibt unklar. Eine Satzung ist online nicht zu finden. Auf der Seite des Unternehmens ist lediglich  folgendes zu lesen „Der TIER-NOTRUF e.V. ist ein ehrenamtlicher Verein zur Förderung und Unterstützung professioneller Tierrettungen. Derzeit unterstützt wird der TIER-NOTRUF.de in Hattingen […]“. Den Eindruck, dass auf der Internetpräsenz seines Unternehmens nicht sauber zwischen Verein und Firma getrennt wird und nicht eindeutig zu erkennen ist, dass eben kein gemeinnütziger Verein, sondern ein Unternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht, die (Fund-)Tiertransporte durchführt, kann der Inhaber nicht nachvollziehen.

„Wir haben in dem dreiviertel Jahr in dem wir in Hattingen vertreten sind 580 Transporte durchgeführt, der Bedarf ist also da. Und in diesem Jahr scheinen die Fallzahlen leicht zu steigen“, sagt Jörg Schlüter. Diese Zahlen beziehen sich nicht nur auf Hattingen, sondern auf alle Städte die von Hattingen aus bedient werden. Der größte Teil der Einsätze wurden durch Fundtiere verursacht, dazu kommen Einsätze zu denen die Mitarbeiter von den jeweiligen Tierbesitzern gerufen werden. „Das sind ganz allgemein medizinische Notfälle, hier besetzen wir eine Marktlücke“, so Schlüter.

Auf Nachfrage bestätigt Schlüter die Angaben des Kreises, nach denen Tier-Notruf nicht zu den anerkannten Katastrophenschutz-Organisationen gehört und demzufolge auch nicht in die Abläufe bei Großschäden und anderen Unglücken eingebunden ist. Aber man sei im ständige Gespräch mit einigen der anerkannten Organisationen und habe auch schon gemeinsame Übungen durchgeführt, z.B. mit DLRG, THW, Johannitern und der Rettungshundestaffel.

Den Eingangs erwähnten Ärger von Sabine Bergermann kann Jörg Schlüter übrigens nachvollziehen, allein seine Mitarbeiter haben keine Wahl. „Unser Vertrag mit dem Tierheim sieht vor, dass wir Fundtiere in jedem Fall nach Bochum fahren müssen,“ sagt Jörg Schlüter. „Es gibt nur ganz wenige, genau festgelegte Ausnahmen, da können wir, nach Rücksprache mit dem Tierheim, von dieser Vorgehensweise abweichen.“ Das sei auch dann der Fall, wenn die Halter den Mitarbeitern bekannt seien. An diesem Punkt ist der Unternehmer jedenfalls sehr korrekt und sieht keinerlei Interpretationsspielräume.

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1 Kommentar zu "TIER-NOTRUF: ZWISCHEN AMTSANMASSUNG UND HELFERSYNDROM"

  1. Barteczko/Strohdiek | 20. Mai 2019 um 11:37 |

    Mitteilung des THW an die RuhrkanaNWES-Redaktion:
    Die THW Regionalstelle Bochum und unsere zugehörigen Ortsverbände haben keinen Kontakt zu dieser Organisation. Es besteht ferner keine Zusammenarbeit bei Ausbildungen, Übungen und Einsätzen. Die Betreuung unserer Rettungshunde übernehmen unsere qualifizierten Hundeführer/innen. Bei medizinischen Notfällen erfolgt die Versorgung durch Veterinärmediziner/innen. Eine Zusammenarbeit mit dem im Artikel genannten Tier-Notruf besteht nicht und ist nicht geplant.
    (fs)

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