PFLEGEFALL KRÄMERSDORF

Tristesse am Krämersdorf (Foto: Pielorz)

Hattingen- Wer gepflegt wird, kann gesunden. Manchmal jedenfalls und in diesem Fall selbstverständlich auch. Allerdings ist der Patient im Moment dem Tod noch näher, als dem Leben. Gemeint ist das Krämersdorf. Anwohnerin Karin Häusler wohnt hier seit 17 Jahren und weiß nicht erst seit gestern: Hier geht es gewaltig den Bach herunter. Über Versuche, mit einem geplanten Feierabendmarkt eine Belebung zu erreichen, kann sie nur müde lächeln. Denn: Hier geht es schon lange nicht mehr um Belebung, hier geht es um Stadtentwicklung und strukturelle Entscheidungen. Vielleicht auch um verpasste Chancen.

Karin Häusler vermisst das „alte Krämersdorf“ (Foto: Pielorz)

„Als ich hier vor 17 Jahren einzog, war der Platz wunderbar“, erzählt sie. Es gab Restaurants, es gab ein Kindermoden- und Kurzwarengeschäft, einen Friseur, später eine Kaffeerösterei und vieles mehr. Meine Erinnerungen – da lebte Karin Häusler noch nicht in Hattingen – sind mit der „Milchbar“ verbunden, in der man so manche „Schulstunde“ verbrachte. Kurzum: Auch wenn der Platz in Wirtschaftskreisen „nur“ als 1b-Lage bezeichnet wird – für viele (Wahl)Hattinger war der Platz ein liebenswertes Kleinod. Das hat sich massiv geändert und Karin Häusler weiß auch, warum. „Schauen Sie sich um! Leerstand überall. Das frühere Hotel ist jetzt komplett leer und stark sanierungsbedürftig. Teilweise regnet es rein. Es soll verkauft werden für eine sechsstellige Summe – aber ein neuer Besitzer müsste mehr als noch einmal soviel investieren. Über den Ausstellungsräumen der Badoase Hasenkamp ebenfalls Leerstand. Die Rolläden sind fast zur Gänze geschlossen. Über der Kneipe Meat-Love Leerstand. Die Eigentümerin lebt seit einem Jahr in einer Altenhilfeeinrichtung. Auch das steht zum Verkauf.“ Wir haben bei der Stadt aktuell nachgefragt: Nach Aussagen der Stadtspitze hat dieser Verkauf im Hinblick auf beide Leerstände aktuell bereits stattgefunden. Das würde ein weiteres Problem lösen: Die Eigentümer der meisten Häuser am Krämersdorf wohnen nämlich nicht mehr in Hattingen und haben ihr Eigentum nicht persönlich im Blick. Bei den gerade getätigten Verkäufen wäre das in Zukunft anders.

Karin Häusler sieht auch Probleme mit dem aktuellen Wirtschaftsmix der ortsansässigen Geschäfte. „Entweder sind es Branchen, die kaum Laufkundschaft haben oder die Geschäfte haben nur nach Bedarf geöffnet und das ist nicht gerade oft. Das dient auch nicht gerade der Belebung des Platzes. Hinzu kommen die lieblosen Ausbesserungen des Pflasters. Etwas Asphalt in die Löcher muss reichen bis zum nächsten Ausbrechen von Steinen. Dann die Verbindung zur Großen Weilstraße. Ich nenne sie ,Pinkelgasse‘ – denn dafür wird sie genutzt. Eine Sperrung des Durchganges wäre sinnvoll. Ebenso ein Poller wie auf dem Kirchplatz an der Verbindung zur Kleinen Weilstraße. Dann würde auch das Wildparken aufhören – es gibt genügend Menschen, die hier einfach ihr Auto abstellen, um Besorgungen zu machen. Dabei ist hier Parkverbot. Wir als Anwohner aber zahlen Geld für einen Parkplatz.“

Der Eingang zum Krämersdorf von der Fußgängerzone aus (Foto: Pielorz)

Das Ergebnis der tristen Bestandsaufnahme ist deutlich sichtbar. Und weil es sich um Probleme der Stadtentwicklung handelt, glaubt Karin Häusler auch nicht an eine Belebung durch einen Feierabendmarkt. Nach der Arbeit noch schnell einkaufen, aber ohne Stress und lange Schlangen an der Kasse. Und eben anders einkaufen als in einem Supermarkt – diesem Wunsch kommen die Feierabendmärkte nach. Feierabendmärkte liegen voll im Trend, sowohl bei der neuen Zielgruppe der Berufstätigen als auch bei den Händlern. In Bochum beispielsweise findet der Markt bereits seit 2013 statt. Immer an einem Freitag ab 16 Uhr. Bis zu 1500 Besucher sollen es sein, die bis 20 Uhr dort einkaufen. Flops gibt es aber auch: Nach einer Testphase von nur zwei Monaten stellte der Markt in Sehnde in Niedersachsen den Betrieb wieder ein – die 23.000 Einwohner-Stadt konnte das selbstgesteckte Marketingziel nicht erreichen. 2016 startete der Feierabendmarkt in Schwelm. Er soll bleiben und im kommenden April erneut an den Start gehen. Dann soll auch Hattingen mit dem Krämersdorf erstmalig dabei sein – Maik Böcker vom Untermarkt will das Projekt anschieben. „Hier ist es aber nicht mit einer Belebung getan, die einmal pro Woche an ein paar Stunden laufen soll – wenn sie denn läuft“, meint Karin Häusler. Das Konzept von Gastronom Alfred Schulte-Stade findet sie überzeugender. Schon allein deshalb, weil es auf festumbauten Raum und Kontinuität setzt. Schulte-Stade will aber erst zum Weihnachtsmarkt im kommenden Jahr mit einem mobilen Verkaufsprojekt starten – das ist das Ergebnis eines Gespräches mit Vertretern der Stadtspitze. Ein komplett ausgearbeitetes Konzept mit festumbautem Raum gibt es aber bereits. Lösen können die Ideen die städtebaulichen Probleme nicht. Aber vielleicht schaffen das die neuen Eigentümer.

1 Kommentar zu "PFLEGEFALL KRÄMERSDORF"

  1. Gut, dass die Angelegenheit einmal aus dieser Perspektive beleuchtet wird! Mich wundert sehr, dass die Anwohner in der Altstadt nicht schon längst eingebunden wurden. Schließlich sind sie es, die nach Geschäftsschluss mit den Resultaten sämtlicher Pläne dauerhaft leben müssen.
    Und warum lässt man einen Mann wie Herrn Schulte-Stade, der als einer von wenigen die Bezeichnung „Unternehmer“ tatsächlich verdient hat, so vor die Wand fahren?
    Das ganze Prozedere ist ein Armutszeugnis für eine Stadt, die durch ihre bauliche Attraktivität mit nur einem bisschen mehr Elan der Verwaltung fast ein Selbstläufer sein könnte…

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