MULTIPLE SKLEROSE – IM EIGENEN KÖRPER GEFANGEN

Pflegefachkraft Stine Haack, Melanie und Anita Tromnau (Foto: Anja Pielorz)

Melanie – jung, intelligent und im eigenen Körper gefangen

Hattingen – Eine Wohnung in Hattingen. Behindertengerecht. Im Flur hängen Bilder an den Wänden von zwei Kindern. Eine Junge und ein Mädchen. Sie lachen. Auf einem Bild ist eine Schultüte zu sehen. Ein Zimmer weiter steht ein Pflegebett. Darin liegt eine sehr schlanke junge Frau. Das ist Melanie Tromnau, 39 Jahre alt. Seit zehn Jahren leidet sie an einer aggressiven Form von Multipler Sklerose (MS). Ihr Immunsystem greift die Hüllschicht der körpereigenen Nervenfasern an. Heute ist die intelligente Frau Gefangene ihres eigenen Körpers. 

Ich lerne Melanie durch Stine Haack (38) kennen. Sie ist examinierte Pflegekraft bei dem Pflegedienst „Glücksklee“ und betreut Melanie regelmäßig. Melanie liegt noch in ihrem Bett und wartet auf Stine Haack. Der Fernseher läuft. Die junge Frau war mitten in der Ausbildung zur Tierpflegerin, als sie ihre Diagnose bekam. Ihre Mutter Anita (65) erzählt: „Die Ausbildung konnte sie noch beenden, in ihrem Job arbeiten nicht mehr. AmAnfang lebte sie noch allein, nutzte später einen Rollator. Aber seit sieben Jahren leben wir zusammen. Es ging nicht mehr anders.“

Melanie muss gelagert und bewegt werden – aus eigener Kraft ist ihr dies nicht mehr möglich. Trotzdem verlässt sie jeden Morgen das Bett, sitzt im Rollstuhl, den sie an guten Tagen mit dem Kinn steuern kann. Der Rest ihres Körpers gehorcht ihr nicht mehr. Manchmal kann sie noch sprechen, manchmal nutzt sie auch den neuen Sprachcomputer, den sie mit den Augen steuern kann. Oft reicht mit vertrauten Personen – ihre Mutter, aber auch Stine Haack – ein Blinzeln der Augen. Melanie ist berührungsempfindlich. Heute bekommt sie im Liegen ihre Haare gewaschen – ich sehe zum ersten Mal, welche Hilfsmittel dafür notwendig sind. Stine Haack arbeitet routiniert. Obwohl es nicht warm ist, schwitzt sie. Die Arbeit ist körperlich anstrengend und ich fühle mich mit meiner Kamera irgendwie fehl am Platze. Natürlich – Melanie ist mit meiner Anwesenheit einverstanden. Sie wurde vorher gefragt, ob ich dabei sein darf. 

Melanie bekommt im Liegen die Haare gewaschen (Foto: Anja Pielorz)

Ihre Mutter erzählt von Melanie. Manchmal, an guten Tagen, fahren Mutter und Tochter mit der Straßenbahn nach Hattingen oder Bochum. Und ganz selten fahren sie mit dem Fahrdienst vom DRK zu einem besonderen Event – im letzten Jahr zu „Starlight Express.“ Ein Heimplatz für die Tochter? „Nein, nicht solange ich das körperlich schaffe. Sie war mal in der Kurzzeitpflege, als ich einen Burnout hatte. Doch da sind ja nur alte Menschen. Melanie ist doch gerade 39 Jahre alt. Sie ist intelligent, schaut oft den ganzen Tag Fernsehen. Serien, aber auch Dokumentationen wie ,Galileo‘. Es ist ja der Körper, der nicht mehr funktioniert.“

Melanie hat einen Bruder. Auch er hilft – so gut es geht. Er ist berufstätig, hat selbst Familie. Die Nachbarschaft sei nett, erzählt Melanies Mutter. Melanies frühere Freunde hätten sich mit der Zeit alle zurückgezogen. Man könne keine Termine machen, wisse ja nicht, wie es Melanie morgen gehe. Und mit dieser Krankheit – was solle man mit ihr unternehmen? 

Selbst krank werden – darüber denkt Anita Tromnau nicht nach. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Wie sollte das auch gehen? Überhaupt: Anita Tromnau war alleinerziehend. Sie hat ihre beiden Kinder selbst durchgebracht. Im Büro gearbeitet. Sie sagt von sich selbst: „Ich kann schlecht um Hilfe bitten. Ich bin das nicht gewohnt. Ich habe immer alles alleine gemacht.“ 

Die Einheit von Mutter und Tochter ist spürbar. Stine Haack bekommt einen frisch gepressten Saft, Melanie auch. Dann wird die junge Frau mit Hilfsmitteln aus dem Bett gehoben. Kommt in den Rollstuhl. Physiotherapeut und Logopäde kommen regelmäßig zu Melanie nach Hause. Nachts, so die Mutter, schläft sie meistens durch. „Aber ich höre das sofort, wenn mal was ist.“ 

Schmerzmittel, Cannabistropfen, Morphinpflaster versorgen die 39jährige. Im Wohnzimmer, auf dem Tisch, steht ein Briefumschlag. Drauf steht „An das Geburtstagskind Melanie“. Es gab Besuch. Und Kuchen. Die Pflegefachkraft hat auch ein Geschenk mitgebracht. 

Ich sehe das Leiden und das, was Melanie nicht mehr kann. Und dann sagt Stine Haack etwas, was mich sehr beschäftigt: „Melanie nutzt Deo und Parfum. Ich frage sie jeden Morgen, was sie benutzen möchte. Sie möchte sich als Frau fühlen. Und sie hat wunderschöne Augen und ganz tolle Wimpern. Sie hat ein schönes Gesicht. Das andere blende ich einfach aus.“

Ich gebe zu: Das gelingt mir nicht. Melanies Mutter kommt und sieht mich an. Beantwortet meine Frage: „Nein, ich denke nicht in die Zukunft. Nicht an morgen oder nächstes Jahr. Ich lebe im hier und jetzt. Eben einfach so, wie es ist.“

Die Multiple Sklerose, auch MS genannt, ist eine chronisch entzündliche, nicht ansteckende Erkrankung des zentralen Nervensystems, d.h. das gesamte Gehirn und Rückenmark können betroffen sein.

1 Kommentar zu "MULTIPLE SKLEROSE – IM EIGENEN KÖRPER GEFANGEN"

  1. Christel Morgner | 13. August 2019 um 7:44 |

    So eine tapfere Frau! Ich hätte gerne Kontakt mit Ihr. Auch ich habe MS, aber mir geht es gut. Ich wünsche viel Kraft

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