DAS RINGEN UM PCB-FREIE EMISSIONEN-BIW SIEHT SICH (FAST) AM ZIEL

Firma biw in Ennepetal (Foto: Strohdiek)

Ennepetal- Ralf Stoffels ist Chef des Ennepetaler Unternehmens biw. Und er ist ein höflicher Mensch, der öffentlich nicht lospoltert. Dennoch merkt man ihm an, dass er auf Landrat Olaf Schade (SPD) aktuell nicht gut zu sprechen ist. Grund ist eine Pressemitteilung des Kreises, die vor zwei Wochen herausgegeben wurde. Darin erinnert der Olaf Schade daran, dass biw zum Jahreswechsel kein PCB47 mehr emittieren wollte. „Als wir diese Zusage vor einem Jahr machten, konnte niemand ahnen, welche Bedeutung Schläuche für Beatmungsgeräte bekommen würden“, sagt Ralf Stoffels. „Das sind aber Produkte, bei denen wir nicht einfach das Herstellungsverfahren ändern können. Wir sind gezwungen hier weiterhin einen chlorhaltigen Vernetzer einsetzen.“

Und dann kommt eine nachvollziehbare Erklärung aus dem Bereich der Zulassungsverfahren für Medizinprodukte. Diese Zulassung gilt nicht nur für das Herstellungsverfahren, sondern darin ist auch festgelegt welche Maschine verwendet werden muss und an welchem Standort diese steht. Aktuell ist die Firma biw mit einer Maschine in Ennepetal der einzige zertifizierte Zulieferer weltweit für diese Schläuche. „Und für unseren Abnehmer ist es überhaupt nicht nachvollziehbar, warum wir ihn gebeten haben, einem anderen Produktionsverfahren zuzustimmen“, so Stoffels. „Denn das bei der Produktion entstehende PCB47 ist nicht illegal, es werden keine Grenzwerte verletzt und es ist ein reines NRW-Thema.“ Deshalb sei auch nicht sicher, ob der Medizingerätehersteller ein Zulassungsverfahren für ein anderes Produktionsverfahren einleite oder ob er Produzenten suche, die für das bisherige Verfahren zertifiziert werden.

Auf jeden Fall hat die Firma biw das Lieferverhältnis für die Silikonschläuche abgekündigt. Einfach die Produktion beenden darf sie nicht. Denn dann würde das Gesundheitssystem im Bereich der Beatmung zusammenbrechen. Die Ennepetaler müssen so lange weiterproduzieren, bis eine andere Lösung gefunden ist. Im Extremfall könnte die Maschine bei biw sogar zwangsweise von einem anderen Unternehmen übernommen und betrieben werden. Aber auch dann muss sie in Ennepetal bleiben und betrieben werden.

biw-Chef Ralf Stoffels bei der Präsentation der PCB47 Emissionen (Foto: RuhrkanalNEWS)

Anschließend stellt Ralf Stoffels, unterstützt von einem Mitarbeiter, ausführlich dar, wie sich die PCB47 Emissionen seit Anfang 2020 verändert haben. Als Vergleich dient der Jahresausstoß 2019. Demnach ist die Zahl der Produkte die noch mit einem chlorhaltigen Vernetzer hergestellt werden drastisch gesunken, gleichzeitigen wurde Filter erprobt und installiert. Beides zusammen hat dazu geführt, dass aktuell nur noch etwa ein Prozent des PCB47 ausgestoßen wird, wie vor den Maßnahmen. „Was sicher zur Irritationen geführt hat, ist der Effekt aus dem Sommer, als unsere Aufträge wegen zahlreicher Betriebsferien sanken, so wie in jedem Jahr. In 2020 deutlicher als sonst, wegen der Corona-Pandemie“, erklärt Stoffels. “ Zu dem Zeitpunkt waren wir im Bezug auf den PCB-Ausstoß deutlich besser, als gedacht. Als im Herbst die Auftragslage wieder besser wurde, stieg der PVB- Ausstoß kurzfristig wieder, blieb aber immer unterhalb unseres vereinbarten maximalen Ausstoßes.“

Weitere Betriebe die PCB freisetzen

Bis auf die Schläuche für die Beatmungsgeräte hat biw inzwischen alle Produkte entweder auf ein anderes Verfahren umstellen können oder die Produktion eingestellt. Das gilt auch für sicherheitsrelevante Schläuche für die Automobilindustrie. „Wir fordern deshalb dazu auf, dass ab dem 1. März Grünkohl ausgesät wird, der zur Ermittlung der PCB-Emission herangezogen wird“, sagt Stoffels. „Denn alles was über unsere geringen Mengen hinausgeht, ist dann anderen Unternehmen zuzuordnen. Alle PCB-Kongenere (Varianten) außer PCB47 sind sowieso nicht bei unseren Produktionen entstanden.“ Welche maximale PCB47 Menge trotz der Filter theoretisch noch aus den Schornsteinen des Unternehmens entweiche, lasse sich ermitteln. Für jeden Produktionsschritt gibt es demnach Wiegeprotokolle über Art und Menge des jeweils eingesetzten Vernetzers, außerdem gibt es Wareneingangsbelege, mit denen die Wiegeprotokolle abgeglichen werden können. Der Verbrauch des chlorhaltigen Vernetzers lag 2019 bei durchschnittlich 924 kh pro Woche, in diesem Jahr wird er bei durchschnittlich etwa 30kg pro Woche liegen, abhängig davon wie lange und in welchem Umfang die Beatmunsgschläuche produziert werden.

Blutuntersuchungen bisher negativ

Außerdem gibt es Pläne, nach der die Anlage für die Produktion der Schläuche für Beatmungsgeräte ausgelagert wird. Das bedeutet, sie steht ab 1. April 2021 in einer gesonderten Halle auf dem biw-Gelände, die in einem formalen Akt zu einem eigenen Produktionsstandort erklärt wird. Das führt dazu, dass der Kreis diese Anlage als einzige nach dem neuen Emissionsschutzgesetz besonders eng überwachen kann. Würde diese Auslagerung an einen eigenen Produktionsstandort nicht erfolgen, müsste er auch alle anderen Anlagen genauso eng überwachen, an denen nachweislich kein chlorhaltiger Vernetzer verarbeitet wird. Die Pläne zu diesem Vorgehen liegen momentan beim Kreis zur Genehmigung. Sollten sie genehmigt werden, bedeutet das nicht, dass die Filteranlagen des restlichen Standorts in Ennepetal nicht weiterhin überwacht und kontrolliert werden. Doch das geplante Vorgehen hat nach Ansicht der biw-Verantwortlichen zur Folge, dass der Arbeitsaufwand beim Kreis minimiert wird.

Möglicherweise weitere Betriebe die PCB freisetzen

Angesichts der bisherigen Messergebnisse gehen Fachleute davon aus, dass es in Ennepetal weitere Betriebe gibt, die ebenfalls bei ihrer Produktion PCB erzeugen und in die Umwelt abgeben. Denn viele der nachgewiesenen PCB können technisch nicht bei biw entstehen, so das Unternehmen. PCB kann demnach überall da als Nebenprodukt entstehen, bei denen chlorhaltiger Kunststoff mit hoher Temperatur verwendet wird, zum Beispiel bei der Verarbeitung von PVC. In Metallgießereien gibt es demnach ebenfalls häufig Trennmittel, die chlorhaltig sind.

Auf eigene Kosten hat biw das Blut interessierter Bürger an der RWTH Aachen untersuchen lassen. Dieses Vorgehen hatte das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) empfohlen. Die RWTH ist eine der wenigen Institutionen die PCB47 nachweisen können. Nach Angaben von Ralf Stoffels ist bei allen Untersuchungsergebnissen, die er kennt, das Ergebnis gleich: „Unterhalb der Nachweisgrenze“. Das heißt es ist bisher kein Fall aus Ennepetal bekannt, bei dem PCB47 im Blut eines Menschen nachgewiesen werden konnte.

biw-Geschäftsführer Ralf Stoffels im RuhrkanalNEWS-Interview

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