AUF KEINEN FALL INS HEIM

Eröffnung Ambulanter Pflegedienst „Lebenswert“ (Foto: RuhrkanalNEWS)

Hattingen – Für viele ältere Menschen ist es ein Horror: Sie sollen aus ihrem Zuhause weg in eine stationäre Pflegeeinrichtung. Auf keinen Fall ins Heim – das gilt auch heute noch. Im Pflegebericht des EN-Kreises stehen die nüchternen Zahlen: Deutlich zunehmen wird die Anzahl der über 80-Jährigen mit dem höchsten Risiko der Entwicklung von Pflegebedürftigkeit, von 20.844 Personen (Stand Anfang 2016) bis auf den Spitzenstand von 26.300 Personen im Jahr 2025. Danach wird die Anzahl der mehr als 80-Jährigen kreisweit wieder leicht abnehmen. Lebten in Sprockhövel zum 1.1.2016 „nur“ 1558 Menschen über 80 Jahre, liegt die Prognose für 2030 bei 2481 Menschen. Für Hattingen sind die Zahlen 3814 (2016) zu 4632 (2030). Immer mehr ältere Menschen bedeutet auch immer mehr Menschen, die gepflegt werden müssen. Die Zahl der ambulanten Pflegedienste im EN-Kreis erhöht sich kontinuierlich. Alle rund siebzig Anbieter haben gut zu tun.

Cornelia Kleine-Kleffmann und Michael Rohleder haben den Ambulanten Pflegedienst „Lebenswert“ gegründet. (Foto: Dr. Anja Pielorz)

Zum 1. Juli 2019 haben in Hattingen Cornelia Kleine-Kleffmann und Michael Rohleder den Ambulanten Pflegedienst „Lebenswert“ für Hattingen, Velbert und Umgebung in der Bahnhofstraße eröffnet. „Wir ermöglichen das Verbleiben in der eigenen Häuslichkeit unter Einbeziehung der Angehörigen, der Freunde und der Nachbarn in das pflegerische Konzept, solange wir es nach unserem Pflegeverständnis verantworten können“, sagt Cornelia Kleine-Kleffmann. Sie weiß: Pflege ist Vertrauenssache, begegnen sich doch hier einander zunächst fremde Menschen in intimen Situationen. Im Bundesdurchschnitt werden ca. 71 Prozent der anerkannt Pflegebedürftigen zu Hause versorgt und 29 Prozent in Heimen, im Kreis dahingegen werden 66,8 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt und 33,2 Prozent in vollstationären Pflegeeinrichtungen. Im Pflegebericht heißt es dazu: „Inwieweit sich häusliche Pflegearrangements allerdings angesichts des demografischen Wandels und des abnehmenden familiären Pflegepotenzials für zukünftige pflegebedürftige Menschen dann tatsächlich realisieren lassen, ist derzeit nicht abzusehen. Doch auch, wenn die Versorgung in der gewohnten Umgebung nicht mehr möglich ist, ist davon auszugehen, dass künftige Generationen pflegebedürftiger Menschen dem vollstationären Versorgungsangebot eher zurückhaltend gegenüberstehen werden.“

Margret Melsa überbringt das Grußwort der Stadt Hattingen
RuhrkanalNEWS

Zwar wünschen sich die meisten Menschen eine Versorgung in den eigenen vier Wänden, doch nimmt die Versorgung zuhause auf Dauer ab. Grund dafür ist der Wegfall der räumlichen Nähe zwischen den Generationen, die Unvereinbarkeit zwischen Beruf und Pflege von Angehörigen sowie die Zunahme der zeitlichen Dauer der Pflegebedürftigkeit des Angehörigen, die derzeit bei rund zehn Jahren liegt. „Eine besondere Herausforderung ist die Pflege von Menschen mit Demenz, insbesondere für Angehörige, aber auch für professionell Pflegende. Wir schulen unsere Mitarbeiter hierzu besonders, um dem Patienten in „seiner Welt“ begegnen zu können und aggressive Eskalationen nach Möglichkeit zu mindern oder zu vermeiden“, sagt die Fachfrau. Die Beziehung zwischen dem zu Pflegendem und dem Pfleger müsse geprägt sein von Respekt, Vertrauen und individueller Zuwendung. Keine leichte Aufgabe und in jedem Fall mehr als ein Job.

Cornelia Kleine-Kleffmann und Michael Rohleder (stehend) vom Ambulanten Pflegedienst „Lebenswert“ mit der stellv. Bürgermeisterin Margret Melsa (sitzend, rechts), die zur Eröffnung kam, sowie Joachim Kludt, Geschäftsführer vom Hotel Ruhr Inn in Hattingen, und seine Schwiegermutter Eva Elsner, die von dem Pflegedienst in eigenen Räumen betreut wird. (Foto: Dr. Anja Pielorz)

Der Kommentar von Dr. Anja Pielorz

Die meisten alten Menschen möchten in den eigenen vier Wänden durch die Angehörigen versorgt und gepflegt werden. Gern mit der Unterstützung durch einen ambulanten Pflegedienst, auch mit Hilfe einer Tagespflege. Aber grundsätzlich sollen Kinder und Enkelkinder beteiligt sein. Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich das nicht will oder auch nicht kann? Die Überlastung pflegender Angehörige ist bekannt. Die finanziellen Risiken der Vorsorge für die eigene Rente auch. Und sonst? Kind zu sein ist keine Erbschuld, mit der wir auf die Welt kommen und die wir gegenüber den Eltern begleichen müssen. Nur weil sich Eltern um ein Kind kümmern, muss sich das Kind nicht später um die Eltern kümmern. Tun es das dennoch, so ist es in der Regel Ausdruck einer gelungenen Beziehung. Wenn Kinder sich frei dazu entscheiden, die Pflege ihrer Eltern zu übernehmen, müssen sie die Möglichkeit haben, von anderen Aufgaben entlastet zu werden. In Frankreich beispielsweise gibt es ähnlich wie die Elternzeit auch das Anrecht auf eine Zeit, kranke Angehörige zu pflegen. Jene, die möchten, können es sich leisten, für eine Weile die Prioritäten anders zu ordnen. Das kann für beide Seiten – Pflegende und Gepflegte – eine tief befriedigende Erfahrung sein. Kinder zu verpflichten, von einem solchen Angebot Gebrauch zu machen, fände ich aber falsch. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, den Menschen ein würdevolles Leben im Alter zu garantieren. Die Probleme der stationären Pflege sind bekannt: hohe Kosten, überlastetes Personal, welches oft nur die reine Pflege, aber nicht unbedingt liebevolle Zuwendung erbringen kann. Auf keinen Fall ins Heim – so heißt es oft. Darauf zu vertrauen, dass sich Lösungen außerhalb der stationären Pflege finden lassen, weil alte Menschen ja sowieso nicht ins Heim wollen – das scheint allerdings deutlich an den Problemen der Zukunft vorbeizugehen. Nur ein Mix aus verschiedenen Möglichkeiten im räumlichen und personellen Bereich kann helfen. Denn auch der alte Mensch bleibt ein Mensch mit individuellen Bedürfnissen.

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